Ausstellung in Bochum zeigt Geschichte der Knappschaft

+
Einen Figurenturm mit Bergleuten aus sieben Jahrhunderten schauen sich Besucher der Ausstellung im Bergbau-Museum in Bochum an. ▪

BOCHUM ▪ Das linke Bein zwei Mal gebrochen, die Augen schlimm verletzt: Nach einem Unfall beim Sprengen im Erzbergwerk konnte der Bergmann Ernst Christian Wiegand aus St. Andreasberg im Harz ein halbes Jahr lang nicht arbeiten. Was heutzutage durch ausgefeilte Sozialsysteme aufgefangen wird, bedrohte 1795 die Existenz des Arbeiters und seiner Familie. Doch Hilfe gab es auch schon damals: Wiegands „Bergbrüder“ und ihre Solidarorganisation, die Knappschaft, zahlten ihm einen „Gnadenlohn“ während der Genesung.

Der Geschichte solcher Knappschaften ist vom 1. Juli an eine Ausstellung im Bochumer Bergbaumuseum gewidmet. „Auf breiten Schultern“ ist ihr Titel. Anlass ist die erstmalige Erwähnung einer den Knappschaften ähnlichen Organisation vor 750 Jahren im niedersächsischen Goslar. Aus den Knappschaften entwickelte sich in der Gegenwart schließlich der Sozialversicherungsträger Knappschaft-Bahn-See, mit dem zusammen das Museum die Ausstellung erarbeitete.

Das Engagement von Knappschaften war umfangreich, berichtet Ausstellungskurator Christoph Bartels. „Schon seit dem Mittelalter unterhielten große Knappschaften Hospitäler zur Pflege Kranker und Verletzter, aber auch von Invaliden“, schreibt er in einem Aufsatz. Als Beispiel nennt der Historiker die Knappschaft von Schwaz in Tirol, die vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zur Versorgung des sogenannten Bruderhauses sogar eigene Höfe unterhielt. Auf diesen Höfen seien oft auch ehemalige Bergleute zum Einsatz gekommen, die etwa nach einem Unfall nicht mehr untertage arbeiten konnten.

Die frommen „Bergbruderschaften“ des Mittelalters wurden nach der Reformation durch religiös unabhängige Knappschaften abgelöst, die zunehmend von den Landesherren dominiert wurden. Im 17. Jahrhundert nahmen die Knappschaften zunehmend auch Züge einer Armenversorgung an: „Die Absicherung vor Not und Armut im Alter, bei Krankheit und als Unfallfolge wurde immer wichtiger.“ Allerdings: „Verbesserungen der Löhne und des Lebensstandards ließen sie (die Fürsten und ihre Verwaltungen) nicht zu“, so Bartels weiter. Später im Kaiserreich sei die Knappschaft dann zum Modell bei der Schaffung der Sozialversicherungen geworden.

Die Ausstellung veranschaulicht die Knappschafts-Geschichte etwa mit seltenen Sammelkästen für die „Büchsenpfennige“, die früher jeder Bergmann in die Solidarkasse zahlen musste. Eine rund zwölf Meter lange Detail-Zeichnung von 1661 zeigt die Arbeitswelt eines Harzer Erzbergwerks – inklusive tödlichem Unfall durch einen herabstürzenden Fördereimer. Eine Lostrommel aus dem 18. Jahrhundert zeigt, wie die Knappschaften auch mit ungewöhnlichen Methoden Geld sammelten. Eine „Bergbierkanne“ von 1845 mit mindestens zehn Litern Fassungsvermögen, die bei Feierlichkeiten zum Einsatz kam, verdeutlicht die über die bloße Notfall-Versorgung hinausgehende gesellschaftliche Funktion der Knappschaften.

Mittlerweile gibt es nur noch eine Knappschaft, die Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See. Sie bezeichnet sich selbst unter Verweis auf ihre lange Tradition als „älteste Sozialversicherung der Welt“. Mit der Gegenwart endet entsprechend die Ausstellung: Mit einer Inszenierung zur gegenwärtigen Debatte um den „gläsernen Patienten“. ▪ dpa

Die Schau endet am 20. März 2011. Das Museum ist dienstags bis freitags von 8.30 Uhr bis 17 Uhr, samstags, sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6,50 Euro, ermäßigt 3 Euro.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare