Auch in Essen ruht der Nahverkehr

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Während die Busfahrer streiken, stehen am Mittwoch im Busdepot in Essen die Linienbusse in Reih und Glied.

ESSEN - Stoßstange an Stoßstange stehen die Busse zu Dutzenden auf einem spärlich beleuchteten Betriebshof in Essen. Sonst bringen sie morgens Berufspendler zur Arbeit und Kinder zur Schule. Doch heute verlassen sie den Parkplatz nicht. Warnstreik in Nordrhein-Westfalen.

Von Meike Baars

24 Stunden lang, von drei bis drei, geht nicht mehr viel im Essener Nahverkehr. Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes sind im Warnstreik. Weder Busse noch U-Bahnen fahren, nur S-Bahnen verkehren noch.

Auch Heike Kaufmann, Fahrerin der Essener Verkehrs-AG (EVAG), lässt ihren Bus stehen. Die 42-jährige Mutter zieht stattdessen zu Fuß vom Betriebshof in die Innenstadt zu einer Demonstration vor dem Hauptbahnhof. Auf knapp 6000 schätzt der Essener Verdi-Geschäftsführer Lothar Grüll die Teilnehmerzahl.

"Die Mieten steigen, Strom wird teurer, aber ich muss seit Jahren mit dem gleichen Geld auskommen", ruft die Busfahrerin, um die Trillerpfeifen zu übertönen. Neben ihr laufen Kollegen mit weißen Plastikwesten und roter Aufschrift. "Wir sind es wert", steht da.

Das Gefühl hatte die Busfahrerin in letzter Zeit nicht, wenn sie ihren Kontostand abrief. Zwei Kinder hat sie allein großgezogen, für Urlaube blieb da selten Geld übrig. Ihre Kinder schickte sie in Ferienfreizeiten von der Kirche. "Jetzt sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, und ich habe immer noch nicht viel mehr zum Leben", klagt sie. Die Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn findet sie angemessen. Skepsis bleibt jedoch: "Bisher haben die Arbeitgeber noch nicht mal ein eigenes Angebot vorgelegt."

Besonders das habe für die hohe Streikbeteiligung gesorgt, glaubt Gewerkschafter Grüll. "Solche Spielchen machen die Leute sauer." Von der Bühne am Bahnhofsvorplatz verschafft er sich einen Überblick über die Menge. Aus den Boxen wummern Bässe. "Relax, take it easy", singt die verzerrte Stimme, dabei ist es genau das, was die versammelten Streikenden auf dem Essener Bahnhofsvorplatz nicht mehr wollen: Alles hinnehmen, die Dinge locker sehen.

Der 19-jährige Joel Hartz zumindest hat genug. Er ist Azubi bei der Essener Verkehrs-AG im zweiten Jahr und seit früh morgens auf den Beinen. So langsam mache er sich Sorgen, was nach der Ausbildung kommt. "Wenn man ein einigermaßen gutes Zeugnis hat, dann winkt vielleicht ein Anschlussvertrag für ein halbes Jahr", sagt er. Sicher könne er nicht sein. Gerne würde der Fahrzeuglackierer zu Hause ausziehen. Sein Gehalt lässt das nicht zu. 550 Euro bleiben ihm nach Abzügen im Monat. 100 Euro mehr, wie es die Gewerkschaften für Azubis fordern, findet er das Mindeste. Noch wichtiger ist ihm aber eine Perspektive. - dpa

Quelle: wa.de

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