Armutsrisiko in NRW nimmt zu - Dortmund vorn

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Symbolbild

WIESBADEN/DORTMUND - In Dortmund ist das Armutsrisiko so hoch wie in keiner anderen der 15 größten deutschen Städte. Auch in anderen NRW-Städten leben mehr armutsgefährdete Menschen. Und das ist auch spürbar.

In Nordrhein-Westfalen wächst das Armutsrisiko. Jeder sechste Einwohner galt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr als arm. Seit 2005 ist die Gefährdungsquote von 14,4 Prozent auf 16,6 Prozent gewachsen. Das sei zusammen mit Berlin der stärkste Zuwachs in allen Bundesländern, teilte die Behörde am Donnerstag mit. In Vergleich zu 2011 hat sich die Quote für NRW aber nicht verändert.

Besonders schwierig ist die Lage in den NRW-Großstädten. In Dortmund ist das Armutsrisiko so hoch wie in keiner anderen der 15 größten deutschen Städte. Dort ist den Angaben zufolge mehr als jeder vierte Einwohner (26,4 Prozent) von Armut bedroht. Duisburg liegt mit einer Gefährdungsquote von 25,1 Prozent hinter Dortmund und Leipzig auf dem dritten Platz. Für Köln geben die Statistiker die Gefährdungsquote mit 20,5 Prozent an, für Essen haben sie 20,0 Prozent ermittelt. In Düsseldorf ist die Situation mit 17,6 Prozent etwas besser.

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hält die Statistik für "nur eingeschränkt aussagekräftig". Die Zahlen berücksichtigten nicht die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten in den einzelnen Städten. So habe ein armutsgefährdeter Dortmunder wegen der niedrigeren Mieten und günstigeren Lebenshaltungskosten möglicherweise ein deutlich besseres Auskommen als ein Münchener, der mit seinem Einkommen über der Armutsgefährdungsgrenze von 869 Euro netto im Monat für einen Single liege.

Das wachsende Armutsrisiko ist auch bei den Tafeln in NRW spürbar. Sie berichten von Wartelisten. In Dortmund warten Bedürftige vier Wochen auf einen Ausweis, um Lebensmittel abzuholen zu können, in Köln sogar ein Jahr. In der ökumenischen Lebensmittelausgabe Elisabethkorb in Köln ist jeder zweite Bedürftige von Altersarmut betroffen. "Gerade die alten Menschen schämen sich, manche kommen extra spät, wenn weniger los ist. Und das Entsetzen ist groß, wenn einer unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter ihr Nachbar ist", sagt Koordinator Christoph Stein. "Andere freuen sich dagegen über den Kontakt, denn manchmal haben sie eine Woche mit niemandem geredet."

Bastian Pütter vom Dortmunder und Bochumer Straßenmagazin "Bodo" beobachtet eine große Hartz-IV-Angst - "die ständige Angst, da reinzugeraten und nie mehr rauszukommen". Nicht mehr nur obdach- oder wohnungslose Menschen verkaufen "Bodo"-Hefte, "sondern seit Hartz IV auch die, für die es brenzlig wird, die ihre Wohnung wegen möglicher Sanktionen nicht mehr bezahlen können".

Armut in Deutschland beginnt bei einem Monatseinkommen von 869 Euro netto für einen Single und bei 1826 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Die Statistiker sprechen von relativer Armut, Armutsgefährdung und Armutsrisiko, weil sich die Grenze am mittleren Einkommen orientiert. Absolute Armut messen sie nicht. - lnw

Quelle: wa.de

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