Archäologie-Schau „Das große Spiel“ im Ruhrmuseum Essen

ESSEN – Thomas Edward Lawrence (1888–1935) ist berühmt. Der Sohn eines britischen Landadligen griff 1916 auf der arabischen Halbinsel erfolgreich in den Unabhängigkeitskampf der Emire gegen das osmanische Reich ein. Er war Verbindungsoffizier des Nachrichtendienstes, bildete Guerillakämpfer aus und half erfolgreich, den britischen Einfluss zu sichern. Lawrence von Arabien wurde zum Helden, am Ende Protagonist eines Hollywood-Films, der 1962 sieben Oscars gewann. Eigentlich aber war Lawrence Archäologe, der in Syrien und Palästina Wüsten vermaß und Stätten aus biblischer Zeit untersuchte. Von Ralf Stiftel

Lawrence ist ein Musterfall für die Vermischung von Wissenschaft und Politik, die Thema einer großen Ausstellung im Ruhr Museum Essen ist. „Das große Spiel“, das der Schau den Titel gibt, bezeichnete ursprünglich den Kampf um Einfluss in Zentralasien zwischen England und Russland. Kuratorin Charlotte Trümpler aber weitet das Thema. Erstmals nimmt sie in einer Museumspräsentation die Rolle der Archäologie im kolonialen Betrieb in den Blick. Dabei zeigt sich, dass es mit der wissenschaftlichen Unschuld gerade bei der Archäologie nicht weit her ist. Anhand von 25 Forscher-Biografien und vielen Beispielen zeigt die Schau, wie sehr die Wissenschaftler sich in den nationalen Dienst stellten. Es ist die erste Wechselausstellung im neuen Ruhr Museum, ein Prestigeprojekt des Kulturhauptstadtjahrs mit 800 Exponaten, darunter Leihgaben aus ersten Häusern wie dem Pariser Louvre, dem British Museum in London und dem Pergamonmuseum Berlin.

Das Thema ist aktuell, wie die Rückgabe-Forderungen an westliche Museen belegen. Kunstschätze dienten immer als Prestigebeleg, sollten imperiale Ansprüche untermauern. In vielen Fällen kamen europäische Ausgräber als Beutemacher in die Zielländer. Die fühlen sich heute um Kernstücke ihrer Identität beraubt. So fordert der ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawass die Rückgabe der Nofretete-Büste. Chancen dürfte er kaum haben, denn der Teilungsvertrag zwischen den Ausgräbern um den Berliner Ludwig Borchardt (1863–1938) und den ägyptischen Behörden war juristisch korrekt. In Essen wird die Ausrüstung Borchardts gezeigt, von der Apotheke mit Aspirin über das Feldbett bis zum Feldklo, dazu ein Brief, in dem er mit einer Zeichnung von dem Fund berichtet. Außerdem Dokumente aus dem Jahr 1930, als die Deutschen beinahe auf ägyptische Forderungen nach einer Rückgabe eingegangen wären. Das Witzblatt Kladderadatsch macht sich in einer ganzen Serie von Karikaturen über König Fuad und das Bild der Königin lustig. Selbst Nofretete ist da, freilich nicht das Original, sondern eine Kopie, die Kaiser Wilhelm II. besaß und nach seiner Abdankung mit ins holländische Exil nahm. Borchardt übrigens wurde von den Briten der Spionage bezichtigt.

Die Archäologen waren ideale Kandidaten für geheime Missionen. Sie waren mit dem Land vertraut, beherrschten die Sprachen und hatten ein unverdächtiges Motiv, sich in interessanten Gebieten zu bewegen. Es waren abenteuerliche Gestalten, wie der österreichische Priester Alois Musil, der auf einem Foto mit umgehängtem Gewehr und Kopftuch aussieht wie eine Karl-May-Figur. Musil versuchte wie Lawrence, Araber als Hilfskräfte im ersten Weltkrieg zu gewinnen – freilich erfolglos. Effektiver arbeitete der ungarische Archäologe Laszlo Almasy, der in der libyschen Wüste prähistorische Felsmalereien entdeckte. Für Rommels Armee schmuggelte er 1942 deutsche Agenten hinter die britischen Linien. Dem schwedischen Forscher Sven Hedin finanzierte das deutsche Reich in den 1920er Jahren eine luft-unterstützte Expedition durch Zentralasien – in der Hoffnung auf strategische Daten. Zu Hedins Unternehmungen sieht man Filmaufnahmen und Fotos. Selbst ein Pionier des Luftbildes wie der Jesuit Antoine Poidebard konnte nur arbeiten dank der Unterstützung durch die französische Luftwaffe.

Aber auch aus anderen Gründen waren Archäologen am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts wichtig für die europäischen Mächte. Die Museen wurden mit spektakulären Funden bestückt. So stammen die Publikumsmagneten des Pergamonmuseums aus jener Epoche. Der in Essen geborene Archäologe Carl Humann entdeckte in der Türkei den Pergamonaltar und beklagte, dass Marmorstücke der antiken Ruinen zur Kalkgewinnung benutzt wurden. Er barg ab 1869 die Bruchstücke. In einem komplizierten Verfahren wurde vereinbart, dass das komplette Monument nach Berlin kam.

Auch religiöse Gesichtspunkte motivierten die Ausgrabungen, speziell an den biblischen Stätten in Palästina, wo mit archäologischen Funden die Wahrheit der Bibel belegt werden sollte. Man erlebt auch ein frühes Meisterstück der PR: Die Autofirma Citroen veranstaltete mit Geländewagen die „Croisière jaune“ von Beirut bis Peking, von einer Ausgrabungsstätte zur nächsten.

12.2.–13.6., tägl. 10–19 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 200

http://www.ruhrmuseum.de, Katalog 39,90 Euro, im Buchhandel DuMont Verlag, Köln, 49,90 Euro

Quelle: wa.de

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