Antibiotika systematisch bei Geflügelmast eingesetzt

+
Eine umfassende Studie hat den systematischen Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast nachgewiesen . ▪

Von Detlef Burrichter ▪ DÜSSELDORF Erstmals in Deutschland hat eine umfassende Studie den systematischen Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast nachgewiesen. Demnach waren 96 Prozent der Masthähnchen aus den untersuchten NRW-Betrieben mit Antibiotika behandelt worden. In Biobetrieben hingegen wurde kein Wirkstoff nachgewiesen.

„Antibiotika-Einsatz ist die Regel und gängige Praxis“, sagte gestern NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) bei der Vorstellung der von ihm in Auftrag gegebenen Studie. Das Ausmaß sei alarmierend und „ist meiner Auffassung nach nicht legal“. Remmel forderte einen nationalen Maßnahmenplan: „Antibiotika gehören nicht als Dauergaben in die Ställe.“ Falls Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CDU) jetzt nicht handle, werde NRW über den Bundesrat die notwendigen Gesetzesreformen in Angriff nehmen. Ziel sei eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes um mindestens 50 Prozent.

Besonders kritisch sieht der Minister, dass innerhalb von 30 bis 35 Tagen – so lange dauert ein „Zuchtdurchgang“ – bis zu acht verschiedene Antibiotika eingesetzt wurden und diese in 53 Prozent der Fälle den Tieren nur ein bis zwei Tage verabreicht wurden. So würden resistente Keime gezüchtet, die für Menschen über die Nahrungskette gefährlich werden könnten: „Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sterben jährlich 15 000 Menschen wegen multiresistenter Keime“, warnte Remmel.

Die Studie sei eine vollständige Erhebung aller relevanten Betriebe in NRW. Von insgesamt 19 Millionen Hähnchen in den knapp 1000 Ställen seien 15 Millionen erfasst worden. Deshalb seien die Ergebnisse bundesweit übertragbar. Die Daten waren zwischen Februar und Juni dieses Jahres erhoben worden.

Jahrelang hätten Geflügelwirtschaft und Bundesregierung versichert, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme sei, sagte Remmel: „Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Einsatz ist die Regel.“ Er mochte nicht ausschließen, dass es sich um gezieltes Wachstumsdoping handelt. Das ist seit 2006 europaweit verboten. Unmittelbare rechtliche Konsequenzen müssen Züchter nicht befürchten: Die Studie beruhe auf anonymisierten Daten. NRW werde die Geflügelmastbetriebe aber ab sofort schärfer kontrollieren. Verstöße würden mit Bußgeldern belegt.

Der Abschlussbericht zum Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast übertrifft alle bisherigen Zahlen und Vorstellungen. „Das Ergebnis verursacht bei mir eine dauerhafte Übelkeit“, sagte gestern NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne). „Ich bin erschüttert.“

Nun sei bewiesen, dass es in der Geflügelmast einen systematischen, massiven Einsatz von Antibiotika gebe, der sich kaum allein aus Gesundheitsaspekten erklären lasse. Der Verdacht von Wachstumsdoping dränge sich auf. Innerhalb von nur 30 bis 35 Tagen müssten Masthähnchen 1,6 Kilogramm Gewicht zulegen. Früher seien dafür 2 Monate Zeit gewesen. „Für mich ist da etwas faul“, so Remmel. Oder aber das System der Tiermast sei derart anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika gar nicht mehr auskomme. „Das ist dann Gesundheitsdoping.“

So oder so – für ihn habe das nichts mehr mit artgerechter Haltung zu tun. „Hier geht es nur noch darum, in möglichst kurzer Zeit einen möglichst hohen Ertrag zu erreichen. Diese Art von Massentierhaltung dürfe „aus rechtlicher und ethischer Sicht“ keinen Bestand haben. „Wir brauchen eine grundlegende Trendwende im Umgang mit Antibiotika“, fordert Remmel.

Der Minister stellte auch Anforderungen an einen nationalen Antibiotikaplan. Die Bundesregierung müsse das Arzneimittelgesetz und die Arzneimittelverordnung ändern. Nur über diesen Weg kämen die Bundesländer an verlässliche Daten über die Vertriebswege von Antibiotika. Auch die tierärztliche Hausapothekenverordnung müsse geändert werden. Es gebe Tierarztpraxen, die 50 Prozent ihres Einkommens über den Vertrieb von Arzneimitteln erzielten. „Dieser Wirkungskreislauf muss unterbrochen werden“, sagte Remmel. Das Land NRW prüft auch eine Lebensmittelkennzeichnung.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare