Trickbetrug mit Steam-Karten

Traum vom großen Gewinn: So mies zockten Betrüger eine junge Frau ab

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Steam-Karten gibt es in vielen Supermärkten, Drogerien und am Kiosk.

Lüdenscheid - „Wie kann man nur so blöd sein?“ Wer Opfer eines Betruges wird, muss mit Spott rechnen. So wie eine 39-jährige Lüdenscheiderin, die auf ein falsches Gewinnversprechen hereinfiel. Schritt für Schritt zeigen wir, wie mies die Betrüger vorgingen. 

Michaela Meier (Name geändert) ist die 39-Jährige, die zum Opfer wurde. Die junge Frau steht mitten im Leben, hat Familie, Freunde und einen sicheren Job. Nie hätte sie gedacht, dass ihr „so etwas passieren könnte“. Heute sieht sie das anders. „Ich wurde psychisch manipuliert und war wie unter Hypnose. So freundlich, nett und überzeugend wie die Leute aufgetreten sind, wurde ich schnell in den Sumpf reingezogen.“ Sie hofft, dass sie durch ihre Geschichte andere Menschen vor einer solchen Erfahrung bewahren kann. Wir dokumentieren ihren Fall. 

1. Akt: „Man denkt doch nichts Böses bei Amazon.“

Michaela Meier erhält einen Anruf auf ihrem Handy. Sie habe bei einem Gewinnspiel beim Internethändler Amazon gewonnen und sei unter den zehn Preisträgern. Die Auslosung finde am 10. Oktober statt. Schon vorab wird ihr von der Frau am Telefon mitgeteilt, dass sie einen Gutschein für eine Busreise für zwei Personen nach Wien im Wert von 398 Euro gewonnen hat. 

Michaela Meier kauft häufig bei Amazon ein, hat einige Wochen zuvor dort tatsächlich bei einem Gewinnspiel mitgemacht. Sie sieht keinen Grund zu zweifeln. „Man denkt doch nichts Böses bei Amazon.“ 

Die Anruferin teilt ihr mit, dass sie um weiter in der Verlosung sein zu können, ein Jahresabo einer Zeitschrift über 59,80 Euro abschließen müsse. Sie entscheidet sich für die „TV Hören und Sehen“. 

2. Akt: In der Post ist ein Gutschein über 398 Euro

Michaela Meier erhält Post. Die Zeitschrift trifft erstmals ein und auch der Gutschein für die Wien-Reise. Sie merkt, die Anrufer halten, was sie versprechen. 

Diesen Gutschein über 398 Euro erhielt Michaela Meier. 

3. Akt: „Setzen Sie sich, legen Sie alles beiseite.“

Der 10. Oktober, der Tag der Auslosung, verstreicht. Michaela Meier hat das Gewinnspiel schon fast wieder vergessen, als am 1. November ein Anruf mit Berliner Vorwahl eingeht. Am anderen Ende meldet sich ein Mann, er gibt sich als Mitarbeiter der Gewinnspielzentrale in Berlin aus. Er sagt: „Setzen Sie sich, legen Sie alles beiseite.“ Dann teilt er ihr mit, sie hätte den 4. Preis gewonnen: 49.500 Euro. Michaela Meier ist überrumpelt. Sie sagt: „Wiederholen Sie das!“ Sie schaltet den Lautsprecher ihres Smartphones an, eine Freundin sitzt neben ihr, hört zu. Sie glaubt es auch. Ein kurzer Jubelschrei. Dann denkt sie: „Was mache ich nur mit so viel Geld?“ 

4. Akt: "Für Details meldet sich eine Security-Firma."

Der Anrufer wird persönlich, flirtet mit der Frau. „Lüdenscheid ist ja nicht weit von Berlin entfernt.“ Sie solle sich vor falschen Freunden in Acht nehmen, die nur ihr Geld wollten. Beiläufig erwähnt er auch eine Gebühr für die Geldlieferung und den Notar. Für die Details würde sich morgen die Security-Firma melden.

5. Akt: "Überlegen Sie sich das gut."

Gegen 12 Uhr am 2. November meldet sich ein Mann und stellt sich als Mitarbeiter der Security-Firma vor. Um den Gewinn anzuliefern, werde eine Gebühr fällig. Michaela Meier wird vor die Wahl gestellt. Die Gebühr belaufe sich auf 600 Euro, wenn die Übergabe mit einem Presse-Termin verbunden sei – oder auf 1 000 Euro ohne Öffentlichkeit. Der Anrufer sagt: „Überlegen Sie sich das gut. Wenn erst einmal alle wissen, dass Sie gewonnen haben, stehen die Leute Schlange bei Ihnen.“ Michaela Meier entscheidet sich für die Übergabe ohne Medien. 

6. Akt: "Sie müssen das Geld ja nicht in bar bezahlen"

Der Mann bittet Michaela Meier sich zwei vierstellige Codes zu notieren. Damit könne nur sie den Geldkoffer öffnen. Die junge Frau ist dennoch zunehmend skeptisch. Sie bemerkt, dass sie für den Gewinn etwas bezahlen soll. Ihre Einwände werden von den freundlichen Anrufern immer wieder zerstreut. Sie spricht dem Mann ins Gewissen: „Sie wissen gar nicht, was Sie mir und meiner Familie antun, wenn das nicht stimmt.“ Der Mann beschwichtigt sie, er habe auch Familie. Sie solle sich keine Sorgen machen. Sie müsse das Geld ja nicht in bar bezahlen.

7. Akt: "Die wenigsten Menschen wissen, wie Steam-Karten funktionieren"

Der vermeintliche Mitarbeiter der Security-Firma erklärt Michaela Meier, dass Steam-Karten für sie die sicherste Methode seien. Die wenigsten Menschen wissen, was Steam-Karten sind und wie sie funktionieren. Das nutzen die Betrüger aus. Mit den Karten wird normalerweise in Onlinespielen oder bei Streaming-Diensten bezahlt. Sie haben meist einen Wert von 20 oder 50 Euro. Das Guthaben kann man sich aber auch auszahlen lassen. Ein Aspekt, den der Anrufer verschweigt. Stattdessen lässt er Michaela Meier in dem Glauben, dass die Mitarbeiter das Geld erst einlösen können, wenn sie die Karten auch physisch in der Hand halten. Dann fragt er noch, wie lange sie bräuchte, um die Karten zu besorgen. Michaela Meier sagt: „Eine halbe Stunde.“ 

8. Akt: Michaela hebt 1.000 Euro ab, die sie nicht hat

Michaela Meier geht zum Geldautomaten und hebt 1.000 Euro ab, die sie nicht hat. „Ach Gott“, denkt sie, „am Wochenende zahl ich es wieder ein, dann habe ich 49.500 Euro.“ Steam-Karten in Lüdenscheid zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Zudem kann man gleichzeitig nur Karten im Wert von 250 Euro kaufen. Michaela Meier ist gestresst. Sie hetzt von Kiosk zu Kiosk, von Supermarkt zu Supermarkt. Dann klingelt das Telefon. Der Mann erkundigt sich, wie weit sie ist. Schließlich hat sie rund 30 Steam-Karten zusammen. Wert: 1000 Euro. 

9. Akt: "Sie haben doch die Belege."

Eine halbe Stunde später kommt der nächste Anruf. Der Anrufer fordert Michaela Meier auf, die Codes auf den Steam-Karten freizurubbeln und sie telefonisch durchzugeben. So wolle er sicherstellen, dass Michaela Meier die Karten auch wirklich hat. Michaela Meier weigert sich zunächst. Der Mann gibt sich verständnisvoll. Er sagt: „Wir können doch damit nichts anfangen, Sie haben doch die Belege.“ Erst wenn sie die Karten an den Notar übergebe, erhalte die Security-Firma das Geld. 

10. Akt: "Endlich meint es mal einer gut mit mir."

Zweimal wird das Gespräch unterbrochen. Dann kommen die Gedanken. Michaela Meier, die immer kämpfen musste, sagt sich: „Da hast Du jetzt mal Glück im Leben. Endlich meint es mal einer gut mit Dir.“ Mit einem Schlag wäre sie ihre Schulden los und mit dem Rest des Gewinns will sie Gutes tun. „Meiner Tochter den Traum vom eigenen Pferd erfüllen, meiner Freundin, die immer zu mir gehalten hat, Geld schenken und für den Tierschutz spenden.“ 

11. Akt: Der Anrufer will die Karten noch prüfen lassen

Michaela Meier ist aufgewühlt, gibt ihren Widerstand aber auf. Karte für Karte gibt sie die Codes durch. Dass das Geld damit schon weg ist, ahnt sie nicht. Der Anrufer sagt, er müsse die Angaben noch prüfen lassen, dann würde er sich wieder melden – in zehn bis 15 Minuten. Michaela Meier ist schlecht. Sie wartet. 

12. Akt: "Der Geldtransport ist in einer Stunde da."

Es dauert 30 Minuten. Der Anrufer sagt, bei einem Code wäre ein Zahlendreher drin gewesen. Die Lüdenscheiderin ist genervt, sucht aber die passende Karte heraus. Freudig teilt ihr der Mann am Telefon mit, dass jetzt alles klar sei. Der Geldtransport würde in Dortmund starten und wäre in einer Stunde da. 

13. Akt: "Jetzt verarschen Sie mich."

Zwei Stunden skeptischen Wartens später geht das Telefon. Diesmal meldet sich ein Mann, der sich als Geschäftsführer ausgibt. Sie solle ja heute beliefert werden, für diese Summe sei es heute aber leider schon zu spät. Michaela Meier ist entsetzt, sagt: „Jetzt verarschen Sie mich.“ Der Mann motzt: Er habe ein Tüv-geprüftes Sicherheitsunternehmen. Er würde Millionen ausliefern. Nur fünf Prozent seiner Aufträge wären Lieferungen an Privatleute. Auf die 1.000 Euro wäre er nicht angewiesen. Und außerdem: Das Geld werde zu 100 Prozent am Samstag geliefert. 

14. Akt:  "Machen Sie sich ein schönes Wochenende."

Am Samstag kommt kein Anruf und kein Geld. Michaela M. ruft die Nummer an, die ihr für Rückfragen gegeben wurde. Der vermeintliche Geschäftsführer ist persönlich am Telefon. Er sagt, es müsse noch etwas geprüft werde. Kurze Zeit später ruft ein weiterer Mann an. „Heute wird das nichts mehr. Die Prüfungszentrale ist jetzt schon geschlossen. Sie haben den Gewinn definitiv am Montag. Machen Sie sich ein schönes Wochenende.“ 

15. Akt: "Sie haben nicht 49.500, sondern 94.500 Euro gewonnen."

Das wird es nicht. Der nächste Anruf kommt am Montag um 10 Uhr. Wieder ist der Geschäftsführer dran: „Es ist nicht unser Fehler, sondern der Fehler der Gewinnzentrale. Die hatten einen Zahlendreher. Der Gewinn ist nicht 49.500 Euro, sondern 94.500 Euro.“ Da die Summe jetzt aber über 60.000 Euro liege, müsse der Transport extra versichert werden. Das koste 5.000 Euro. Er würde sich aber mit 1.000 Euro vorab zufrieden geben. Den Rest könne sie ja dann von dem Gewinn bezahlen. Diesmal sei auch Überweisung möglich. Die alten Koffernummern könne sie streichen, er habe neue für sie. Als Michaela Meier die neue Gewinnsumme hört, lacht sie kurz auf. „Aha!“ Jetzt ist der Groschen gefallen. 

16. Akt: "Stopp, junge Frau!"

Das Gespräch eskaliert. Michaela Meier sagt: „Ich werde das Gespräch jetzt beenden.“ Der Mann erwidert kalt: „Stopp, junge Frau.“ Er bräuchte noch die Steam-Karten. Sie werde in 10 bis 14 Tagen Post bekommen. Er legt auf. 

"Was ist das für eine kranke Welt?"

Michaela Meier hat die Sache mitgenommen. Die 1000 Euro verbucht sie als Lehrgeld. „Das passiert mir nie wieder.“ Noch mehr als das Geld schmerzt sie aber die Skrupellosigkeit der Betrüger. „Was ist das für eine kranke Welt? Wie kann man so abgebrüht sein? Ich weiß nicht, wie diese Menschen nachts schlafen können. Sie machen das Vertrauen kaputt“, sagt die Lüdenscheiderin. Nur ihrer Freundin erzählt sie davon. Einige Tage später ruft ihre Freundin an. Sie hat einen Bericht über einen Mann im Internet gefunden, der auf die gleiche Masche hereingefallen ist. Als sie ihn vorliest, fängt Michaela Meier an zu weinen. 

Hier erzählt ein Polizist, wie man sich gegen Trickbetrüger schützen kann: "Fremden gegenüber immer misstrauisch sein."

Quelle: wa.de

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