Aischylos‘ „Gefesselter Prometheus“ auf Zollverein

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Geschüttelt vom Mythos: Io und Themsis (links) in der „Prometheus“-Produktion (Athener Bühne). ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Es ist die ewige Frage, die an die antike Tragödie gestellt wird. Was kann sie uns noch sagen? Und gleichzeitig schwingt doch mit – was wir nicht schon wissen.

Der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos hat Aischylos‘ reduzierte Version des Prometheus-Mythos gewählt: „Der gefesselte Prometheus“. Es geht in dem Stück um Prometheus‘ Qual, wie er an den Felsen gekettet leidet und einen Adler ertragen muss, der ihm die Leber anfrisst. In dieser ausweglosen Lage hält ein Gedanke Prometheus aufrecht. Er weiß, dass sein Widersacher Zeus nicht allmächtig ist und selbst den Sproß zeugt, der ihn letztlich stürzen wird. Dieser Urkonflikt liefert Terzopoulos den rebellischen Impuls, der von Prometheus verkörpert wird. Und der international gefeierte Regisseur, der mit Heiner Müller zusammen gearbeitet hat, erinnert an dieses Motiv, um für unsere Zeit zu unterstreichen, dass trotz Wirtschaftskrise und Banken-Allmacht die innere Einstellung der Impuls zum Selbstbehalt bleibt und Zukunft verspricht.

Prometheus hatte den Menschen das Feuer gegeben, er ist der Kulturstifter und Fortschrittsgeist, er lehnt sich deshalb gegen Zeus auf – und wird hart bestraft. Aber er ist unser Erneuerer im griechischen Mythos.

Auf der Zeche Zollverein wird Terzopoulos‘ Fassung am Gleisboulevard gespielt. Und die Inszenierung ist nicht so schmissig und mitreißend, wie der Stoff, aus dem Revolutionen sind, oft gespielt wird. Die Produktion, die bereits in Athen und Istanbul gezeigt wurde, bleibt ein archaisches Stück, ganz an Aischylos‘ Text gebunden. „Der gefesselte Prometheus“ steht da und reibt sich unablässig eine grauschwarze Masse über den Bauch, etwas das ihn bedrängt und zu schaffen macht. Götz Argus spricht ihn mit leiblicher Fülle in den Sommerabend. Er knarzt, raunzt und schreit sein Unglück heraus, wie einer, dem diese mitleidslose Strafe alle Zukunft raubt. Aber wenn sich der Chor der Okeaniden, aus dem heraus viele Rollen auf türkisch und griechisch gesprochen werden, aufstellt und mit ihm eine Reihe bildet, dann ist eine Gefasstheit, eine Gemeinsamkeit zu spüren, die sogar Mut verströmt, trotz aller Tragödie. Die Männer stehen auf schlichten Brettern, neben einer Dampf- und vor einer E-Lok, die den historischen Maschinenpark für „Der gefesselte Prometheus“ abgeben. Der Künstler Jannis Kounellis, ein „arte povera“-Pionier, hat sich beim Bühnenbild in Essen leider sehr zurückgenommen. Eine Holzfläche, eine Schale, ein Sockel, das war‘s.

Terzopoulos‘ Inszenierung, mit dem das kleine Festival „Promethiade“ auf Zollverein beendet wird, versucht eine metaphysische Strenge durch körperhaftes Spiel zu erreichen. Etwas, das über das Wort hinausgeht. Und doch wäre das übersetzte Wort hilfreich gewesen, wenn Prometheus mit Themsis, Io und Hermes spricht, aber nur der Titan auf deutsch formuliert. Ganz schlüssig ist dagegen der Chor aus Schauspielern, die dunkel gekleidet, am Boden liegen, als ob sie Schläge und Prügel erwarten. Ihre Anspannung, ihr schwerer Atem, die angsterfüllten Gesichter zeigen, dass Prometheus‘ Leid vom Menschengeschlecht weitergetragen wird. Die Detonationen und Gewehrsalven vom Band hätte man sich sparen können.

Das Gesetz von Konfrontation und Bestrafung hält die zivile Gesellschaft immer noch gefangen. Solche Einsichten vermitteln sich in Essen als schwere Last, als Theaterarbeit, die ihren Anfang im Mythos hatte, und trotz aller ausweichenden Leichtigkeit in unserer Kultur, die Menschen fortan knechtet. Nur sind heute weder Zeus noch der Adler am Werk.

7. August, 21.30 Uhr; Tel. 0201/812 2200

Quelle: wa.de

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