„ADHS ist keine neue Erfindung“

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Die Wände des Klassenzimmers sind kahl. Und damit sie sich nicht gegenseitig ablenken, sitzen die Schüler des Privaten Gymnasiums Esslingen an Einzeltischen. ▪

Es ist verdammt still für einen Montagmorgen. „Ich bin gleich so weit“, flüstert Christa Sebold. Regungslos stehen die elf Jungs vor ihren Stühlen. Die Arme haben sie locker an ihren Körpern herunterhängen. Sie warten geduldig.

Sie reden kein Wort. „Guten Morgen“, sagt die Biologielehrerin endlich. Das ist das Zeichen für die Neuntklässler, sich hinzusetzen – fast geräuschlos. Jeder der vorbildlich erscheinenden elf Schüler hat ADHS. Das ist die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, mit der man eigentlich eher Eigenschaften wie unaufmerksam, unkontrolliert und laut verbindet. Das Private Gymnasium Esslingen (PGE) ist die erste Schule in Deutschland, die ausschließlich Kinder mit ADHS unterrichtet.

Unruhige Kinder gab es

auch schon früher

„Diese Kinder können nicht abwarten, folgen ihrem ersten Einfall und platzen mit einer Antwort heraus“, erklärt Manfred Döpfner, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut der Uniklinik Köln. Aber sind das nicht einfach nur schlecht erzogene Kinder, für die man eine Ausrede gefunden hat? Kinder, die etwas lebendig sind, weil ihre faulen Eltern sie vor den Computer setzen, anstatt sie zu einem Ausflug ins Freie mitzunehmen?

„ADHS ist keine Erfindung der heutigen Zeit“, betont Döpfner. Unruhige Kinder, die nicht stillsitzen können und Probleme haben, sich zu konzentrieren, gab es auch schon früher. Man nannte es nur anders. In der wissenschaftlichen Literatur tauchte das Phänomen auch schon 1900 auf. Ebenso in den 40er und 50er Jahren, so Döpfner. Inzwischen hat sich der Begriff ADHS eingebürgert. Auch für die Betroffenen, bei denen sich weder Hyperaktivität noch Impulsivität zeigt, sondern nur die ebenso charakteristische Unaufmerksamkeit. In solchen Fällen spricht man auch von einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) oder dem Träumertyp.

Um die Aufmerksamkeit ihrer Schüler nicht zu verlieren, klappt Sebold ganz nebenbei dass Heft zu, in das Nico (alle Schülernamen von der Redaktion geändert) so vertieft ist. Auch den Diaprojektor schaltet sie sofort aus, als sie ihn nicht mehr braucht. Die Wände des Klassenraums sind kahl. Und damit sich die Jungs nicht untereinander ablenken, sitzen sie an Einzeltischen. Mit großen Buchstaben schreibt Sebold das Wort „Hormone“ an die Tafel. „Dieses Thema verfolgt uns jetzt die nächsten Monate“, sagt sie. Für viele andere Schüler wäre das wahrscheinlich schon Grund genug, im Mäppchen nach einem Stift zu kramen und mitzuschreiben. Für ihre Klasse fügt die Biolehrerin hinzu: „Bitte schreibt die Überschrift groß in euer Heft“. Kinder mit ADHS sind mehr als alle anderen auf Einzelaufträge angewiesen.

„Schulformen, die den Kindern sehr viel Freiraum und Selbstständigkeit geben, sind für Kinder mit ADHS nicht sehr sinnvoll“, erklärt Döpfner. Schließlich sei ADHS ein Problem der Selbststeuerungsfähigkeit. ADHS bedeute aber auch nicht gleich Sonderschule. „Unser Ziel ist es, dass diese Kinder im Regelschulsystem bleiben“, sagt Döpfner, der auch das Zentrale ADHS-Netz leitet. Auch der Schulleiter vom PGE, Thomas Dahm, betont: „Zu uns kommen die harten Fälle.“ In Esslingen sind die Kinder, die den Unterricht an ihrer früheren Schule gesprengt haben, mit denen kein Unterricht mehr möglich war.

„Nicht jedes Kind, das

herumzappelt, hat ADHS“

„Natürlich nerven sie manchmal, man muss ausgeschlafen sein, aber man bekommt auch etwas zurück“, sagt die psychologische Leiterin Filka Kuszmierz. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hilft sie den Schülern, mit ihrer Störung umzugehen. „Störung“, das hört Kuszmierz jedoch nicht so gerne. „Es ist eine Herausforderung, eine andere Art, auf sie zuzugehen“ – das ist ihre Art, ADHS zu beschreiben.

ADHS ist die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung im Kindes- und Jugendalter. Man geht davon aus, dass etwa drei bis fünf Prozent – also 300 000 bis 500 000 – der Kinder und Jugendlichen in Deutschland betroffen sind. „Aber nicht jedes Kind, das ein bisschen herumzappelt, hat gleich ADHS“, betont Döpfner. Vorschnelle Diagnosen gebe es „auf jeden Fall“. Um ADHS sicher zu diagnostizieren, brauche es mehrere Sitzungen, Gespräche mit Eltern und Lehrern und eine Untersuchung des Kindes.

„Es muss einem aber auch klar sein, dass das, was wir als gestört bezeichnen, damit zusammenhängt, was gesellschaftlich verlangt wird“, gibt Döpfner zu bedenken. Und in der heutigen gesellschaftlichen Situation sei es eben besonders wichtig, dass Kinder die bestmögliche Schulausbildung erhalten und Leistungen erbringen. „Kein Mensch kümmert sich um die Stabhochsprungschwäche. Nicht, weil es die nicht gibt, sondern weil es kein Problem ist“, sagt Döpfner. „Aber wenn man nicht lesen kann, nicht schreiben kann, sich nicht konzentrieren kann und nicht still sitzen kann, dann ist man eingeschränkt.“

Damit die Schüler des PGE ihre Leistung erbringen können, ist der Tagesablauf in Esslingen streng geregelt. Beim Schach, Sport oder Theater spielen nach dem Mittagessen werden die Kinder betreut. „Sie brauchen klare Regeln und Grenzen“, sagt Sozialpädagogin Claudia Geppert. „Wenn sie beim Toben unter sich sind, artet es aus, dann drehen sie sich hoch und kommen nicht mehr runter.“

Als Christa Sebold ihre Klasse fragt, was bei einer Kastration passiert, lacht niemand. Keiner der pubertierenden Jungs kichert, keiner schaut verlegen zur Seite. Alle folgen konzentriert dem Unterricht. Beantworten die Fragen. Oft ausführlicher und abschweifender, als es der Lehrerin lieb ist. Es sind nur Tims Finger, die nervös an einem Ordner zupfen, der aus seinem Rucksack auf dem Boden ragt. Und Jan kippelt mit seinem Stuhl.– Von Laura Engels

Quelle: wa.de

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