Tag des Abschieds

Meisner zelebriert sein letztes Pontifikalamt

Köln - Nach 25 Jahren als Erzbischof ist Kardinal Joachim Meisner am Sonntag in Köln in den Ruhestand verabschiedet worden. Zum Schluss hat Kardinal Meisner den Gläubigen noch einmal jene Botschaft gepredigt, die er ihnen zweieinhalb Jahrzehnte lang eingeschärft hat.

Das Erzbistum Köln hat am Sonntag seinen ehemaligen Erzbischof Kardinal Joachim Meisner verabschiedet.

Daneben ging es an seinem Abschiedstag auch um einen Gast, der gar nicht da war. Es kann wohl nur als Ironie des Schicksals bezeichnet werden, dass die Verabschiedung des umstrittenen Kardinals Joachim Meisner von einem noch umstritteneren Bischof überschattet wurde. Einem Bischof, der noch nicht einmal anwesend war, über dessen mögliches Kommen aber den ganzen Tag spekuliert wurde: der beurlaubte Franz-Peter Tebartz-van Elst. Bis zuletzt war unklar, ob er am Sonntag nach Köln kommen würde. Er tat es nicht.

Diese Situation ist vielleicht kennzeichnend für die derzeitige Wahrnehmung der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit: Ihre eigentliche Botschaft - in diesem Fall die Verabschiedung Meisners - wird überlagert von hausgemachten Problemen.

Manchem Bischof war die Irritation darüber deutlich anzumerken. Erzbischof Georg Gänswein, der Vertraute des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. und einer der Unterstützer von Tebartz-van Elst, reagierte im Gespräch mit der dpa mit der Äußerung: "Ich sag da nur eines: Es wackelt immer noch der Hund mit dem Schwanz, nicht der Schwanz mit dem Hund." Damit meinte er wohl, dass die Öffentlichkeit eine völlig falsche Gewichtung vornehme. Man muss jedoch kein Prophet sein, um vorauszusagen: Falls Tebartz-van Elst tatsächlich eine Rückkehr ins Amt anstreben sollte, würden noch recht lange Zeit die Schwänze mit den Hunden wedeln.

Meisner selbst bekam am Sonntag nur Freundliches zu hören, ganz so wie es sich bei einem Abschiedsfest gehört. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sagte der Nachrichtenagentur dpa, er habe trotz teilweise unterschiedlicher Meinungen immer kollegial mit Meisner zusammengearbeitet. "Er ist eingetreten vor allem für den Schutz des Lebens in allen Situationen, und er ist der unerschütterliche Verkünder des Evangeliums - so bleibt er mir in Erinnerung", sagte Zollitsch. Als radikaler Abtreibungsgegner hatte Meisner Ende der 90er Jahre gegen den Widerstand liberalerer Bischöfe den Ausstieg der Kirche aus der staatlichen Schwangerenberatung mitbetrieben.

Noch ein letztes Mal zelebrierte Meisner am Nachmittag ein Pontifikalamt im Dom. Die katholische Kirche bot alles auf, was sie zu bieten hat: Orgelmusik zum Erschaudern, eine Architektur zum Ergötzen, Weihrauch bis zum Umfallen.

In schier endlosen Zweierreihen zogen Meßdiener, Priester, Bischöfe und Kardinäle in die Kathedrale ein, deren Bau im Mittelalter von eben jenem Domkapitel beschlossen wurde, das nun Meisners Nachfolger finden muss. Das im Nachmittagslicht geradezu brennende Domfenster von Gerhard Richter übergoss Säulen und Wände mit allen Farben des Regenbogens. Meisner hat das Werk nie gefallen - "zu beliebig" findet er es, und Beliebigkeit war seine Sache nie.

Meisner zeigte sich am Sonntag einmal mehr als glänzender Prediger, zitierte den atheistischen Philosophen Friedrich Nietzsche und schlug den Boden von Jesus, der in der Wüste vom Teufel versucht wird, bis in die Gegenwart. Er

versicherte er den Gläubigen am Sonntag, ihnen "in Zukunft auch ohne Jurisdiktion und amtlichen Auftrag ein Beter und Bruder" sein zu wollen. Keine seiner Predigten war wie die andere, worauf er zurecht stolz ist. Aber die Botschaft, die er verbreitete, war in 25 Jahren immer die gleiche.

Meisner glaubt fest daran, dass Jesus Christus die großen Fragen der Menschheit ein für allemal beantwortet hat. Allein ist der Mensch demnach nicht in der Lage, eine humane Gesellschaftsordnung aufzubauen. Ohne unumstößliche Werte, die von einer höheren, unangreifbaren Instanz vorgegeben sind, ist alles gleich wahr und gleich falsch. Dann macht am Ende jeder, was er will. Und das ergäbe nach Meisners Überzeugung ungefähr eine solche Schreckenswelt, wie sie der einst im Erzbistum wirkende Höllenmaler Hieronymus Bosch auf die Leinwand gebannt hat.

Meisner, der 80 Jahre alt ist, war vor einer guten Woche auf eigenen Wunsch vom Papst in den Ruhestand versetzt worden. In einer Feierstunde im Gürzenich, einem historischen Festsaal, beschrieb ihn die stellvertretende nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann (Grüne) als "Kirchenmann mit großer Wortgewalt". Viele Äußerungen Meisners seien umstritten gewesen, jedoch habe er Widerspruch immer geschätzt und "Freude an der Auseinandersetzung" gehabt. Seicht oder langweilig sei es mit ihm nie gewesen, sagte die Schulministerin. - von Christoph Driessen

Quelle: wa.de

Rubriklistenbild: © dpa

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