Protest-Camp

Abenteuer-Spielplatz Wald: Neue Baumhäuser im Hambacher Forst

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Ein Aktivist baut ein Barrikade im Hambacher Forst.

Kerpen - Zehntausende demonstrierten vor einem Monat im Hambacher Forst für den Erhalt des Waldes und feierten den kurz zuvor vom Oberverwaltungsgericht verfügten vorläufigen Rodungsstopp. Ruhe ist in der Nähe des Braunkohletagebaus seitdem jedoch nicht eingekehrt.

Noch immer sind Polizisten und so genannte Aktivisten in dem Gebiet im Einsatz. Ein Besuch in einer surrealen Welt zwischen Köln und Aachen. Am Eingang zu dieser Welt steht Troll. Thomas Troll. 

Ja, der 54-jährige Hüne mit einer Körpergröße von fast zwei Metern heißt tatsächlich so. Wir treffen ihn an der L 257 zwischen den Orten Morschenich und Buir nahe des Hambacher Waldes. Dort befindet sich die Mahnwache der Tagebaugegner, unschwer zu erkennen an Fahnen und Spruchbändern mit Aufschriften wie „Braunkohle tötet“ oder „Ihr sägt den Ast ab, auf dem wir alle sitzen.“ 

Aktivist Thomas Troll führt WA-Redakteur Alexander Schäfer durch den Wald.

Die Mahnwache, das sind zwei Zelte und ein Pavillon. Sie dient als Anlaufstelle und Rastplatz für Menschen, die in den Hambacher Forst möchten oder aus dem Wald kommen. Hier kommen auch die Lebensmittel an, die für Aktivisten wie Thomas Troll gespendet werden. Von der örtlichen Tafel, von Privatpersonen.

Bares kann auch gespendet werden, eine alte Erdnussdose dient als Spendenbox. An einer Pinnwand hängt ein Zettel mit einer Handynummer: „Großer Klettergurt zu verkaufen. Noch neu. 40 Euro. Sehr günstig“. 

Die Tagebau-Gegner mahnen mit Schildern den Konsequenzen.

Ein kleiner „Altar“ aus Holz und Bambus erinnert an den 27-jährigen Journalisten, der Mitte September im Wald tödlich verunglückt ist. Er war von einer Hängebrücke in die Tiefe gestürzt als er Fotos von der Räumung der Baumhäuser durch die Polizei machen wollte. An der Mahnwache kommen auch Paletten an, um neue Baumhäuser zu bauen. 

Aktivisten wollen Großes schaffen

Troll führt Journalisten gerne in den Wald. „Wir müssen gute Bilder produzieren“, sagt er. Denn im Kampf um die Bäume im Hambacher Forst und die Häuser in den Ortschaften Morschenich und Manheim, die dem Tagebau weichen müssen, würden die Bilder entscheiden. Der 54-Jährige ist seit der Großdemo Anfang Oktober im Wald – und will für immer bleiben.

Eine Welt für sich: Leben im Hambacher Forst

Der gelernte Landschaftsbauer ist Rentner und wohnte zuletzt in Wuppertal. Es gehe darum, Großes zu schaffen, umschreibt er seinen Impuls, der ihn hierhin gebracht hat. Troll träumt von einer Art Landkommune in einem der verlassenen Bauernhöfe in der Gegend. „Ich habe ein gutes Gefühl.“ Seine drei erwachsenen Kinder halten das, was er hier macht, so erzählt er, für Quatsch. 

Troll übernachtet in verlassenen Häusern

Ganz offen erzählt Troll auch, dass er die für den Tagebau bereits verlassenen Häuser als Nachtlager benutzt. Das ist zwar verboten, doch „mir ist scheißegal, ob ich 10 oder 20 Anzeigen habe“. Eine Stunde lang saß er mal auf der Abbruchkante des Tagebaus. Für diese Betriebsstörung erhielt er ein Platzverbot. 

Die Lebensbedingungen im Hambacher Forst sind ohne Luxus.

Zelten im Wald kommt für Troll nicht mehr in Frage. Ihm seien hier Schlafsack und Handy gestohlen worden. „Auch unter Anarchisten gibt es Assis“, kommentiert er das. 

Demonstranten bewarfen Polizei mit Fäkalien 

Und was sagt er dazu, dass Polizisten hier im Wald mit Fäkalien beworfen worden sind? Nun, er sei bei den Protesten gegen die Startbahn West Anfang der 80er Jahre dabei gewesen, da seien Steine geflogen. „Besser Fäkalien als Stein. Steine verletzen, Fäkalien sind nur ehrverletzend“, sagt er und zeigt eine durch die Räumung entstandene Lichtung. 

Durch die Abholzung entstand eine Lichtung.

An einem Baumstamm lehnen weiße alte Fensterläden – keine illegale Müllentsorgung, sondern eine Spende von Unbekannt für neue Baumhäuser. Vorbei an neu entstandenen kleineren und größeren Barrikaden aus Ästen und Stämmen, führt der mit Kies aufgeschüttete Hauptweg durch den Wald zum „Jesus Point“. Mitten auf der Kreuzung steht ein Tripod, eine Konstruktion aus drei langen Baumstämmen. Sie lassen eine Plattform in rund fünf Metern Höhe schweben. 

Ist das Ende des Streits absehbar?

Dort oben liegt eine junge Frau – im Gegensatz zu Troll vermummt und namenlos. Von links kommen vier weitere junge Menschen, ebenfalls alle vermummt. „Das ist Presse, die sind in Ordnung“, ruft die junge Frau von der Plattform dem Quartett entgegen. Zudem macht sie eine entsprechende Meldung in ihr Funkgerät. 

Willkommen auf dem Abenteuer-Spielplatz Wald 

Die Zeit auf dem Beobachtungsposten vertreibt sich die Frau mit Lesen – „ein Buch über Antifaschismus“. Was auch sonst? Die Aktivisten, die aus ganz Deutschland und auch dem Ausland kommen, befürchten jederzeit neue Räumungsaktionen und sind auf der Hut. Ihre Anzahl kennt niemand oder will niemand verraten. Sie trainieren das Klettern und haben bereits wieder neue Baumhäuser gebaut. 

„Wir werden siegen“, ruft eine Frau, die zu der Gruppe gestoßen ist. Sie fällt nicht wegen ihrer ungewaschenen Haare auf, sondern weil sie viel älter ist als die meisten hier. Sie wohne im etwa 20 Kilometer entfernten Stockheim und sei eine Unterstützerin, sagt die 67-Jährige.

Heute bringt sie Wasserflaschen in den Wald. Sie habe Philosophie studiert und mit Troll neulich im Wald über den Unterschied zwischen dem radikalen und dem extremen Bösen diskutiert. „Hannah Arendt. Kennen Sie?“ 

Streit unter Aktivisten

Ein weiterer junger Aktivist taucht kurz auf einem Fahrrad auf, verschwindet aber rasch wieder. „Das ist Tarzan. Das ist noch ein Kind und gehört eigentlich nicht hier in den Wald, sondern in die Psychiatrie“, klärt Troll auf. 

Vermutlich auch wegen solcher Sprüche ist der 54-Jährige unter den jungen Aktivisten nicht gerade beliebt. Einer schreit von oben in englischer Sprache, Troll solle verschwinden. Von oben – das sind in diesem Fall rund 20 Meter. Der Mann, der vom Boden aus betrachtet mit Bart und Brille an John Lennon erinnert, befindet sich nicht auf einer weiteren Plattform, sondern liegt nur in einer Hängematte. 

Wer im Hambacher Forst lebt, muss schwindelfrei sein

Und hart im Nehmen. So wie die achtköpfige Gruppe, die etwas entfernt von Jesus Point zu finden ist. Ein 23-Jähriger – seit Anfang Juni im Wald – erzählt, dass sie „containern“ gehen, wenn die Lebensmittelspenden nicht reichen. Das heißt sie suchen in den Müllcontainern der Supermärkte nach Verwertbarem. 

Ihren Unterschlupf mit Zelten und einem Dixiklo nennen sie „Winkel der Dekadenz“. Troll ist hier nicht willkommen, die Gruppe schickt den baumlangen Kerl weg. Der 54-Jährige trollt sich. 

Studium oder Job haben viele hier geschmissen

Einer aus der Gruppe erzählt, dass er sich hier im Wald eine Existenz aufbauen will. Er meint das ernst. In der Zwischenzeit hat ein weiterer Aktivist Löcher in den Hauptweg gebuddelt und rammt da jetzt Holzstämme rein. Wer weiß schon, wann die Polizei anrückt. In dem 200 Hektar großen Wald sind heute keine Polizisten. Aber in Morschenich. Der Ort stirbt langsam aus. 

Der Ort ist verlassen, die Bagger rücken an.

Herabgelassene Rollläden, verwilderte Gärten, abgesperrte Hofeinfahrten. Hier hat die Umsiedlung wegen des Tagebaus längst begonnen. Viele Häuser sind bereits verlassen. 

Verlassener Ort, trotzdem Polizei-Einsätze

Dass hier dennoch täglich Polizei unterwegs ist, liegt an den Aktivisten, die hier Häuser besetzen und am „Hambi Camp 2.0“. In dem rückwärtigen Garten eines Hauses haben sich ein Dutzend Aktivisten niedergelassen und mehrere Zelte aufgebaut. 

Das Camp ist ausgestattet mit fließend Wasser, Solarduschen, Komposttoiletten und Küche. Bis Ende Februar habe man einen Pachtvertrag und bis Ende des Jahres eine Genehmigung für ein Camp mit maximal 50 Personen, berichtet Lena Hey. Die 22-Jährige aus dem Hunsrück ist Pressesprecherin des Camps. 

Lena Hey ist Pressesprecherin des "Hambi Camps 2.0".

Für den Hambacher Forst habe sie nach dem BWL-Studium einen Job bei der Post sausen lassen. „Das hier ist erfüllender und sinnvoller.“ Was sie im Camp machen werden? Filmabende, Diskussionsrunden sowie wind- und wetterfeste Jurten bauen. Und Thomas Troll? Ist irgendwo im Wald. Zuvor sagte er noch was ganz Vernünftiges: „Wir müssen raus aus dem Kriegsmodus.“

Quelle: wa.de

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