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Sauerwein-Braksiek zur A45-Talbrücke: Zwei Jahre für Neubau möglich - ab Baustart

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Von: Jan Schmitz

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Fünf Jahre bis zur Fertigstellung der neuen A45-Talbrücke Rahmede - davon lässt sich Elfriede Sauerwein-Braksiek im Interview nicht abbringen. Der Neubau alleine sei in zwei Jahren möglich.

Hamm/Lüdenscheid – Seit knapp zwei Wochen steht fest: Über die marode Rahmedetalbrücke auf der A45 bei Lüdenscheid (NRW) wird nie wieder ein Auto fahren. Seitdem fährt der Verkehr durch Lüdenscheid und Umgebung – bis zur Fertigstellung eines Neubaus viele Jahre lang. Schlimmer noch: Auch an anderen Brücken in NRW herrscht ein riesiger Sanierungsstau. Holger Drechsel, Martin Krigar und Jan Schmitz sprachen über die Ursachen und die Zukunftspläne mit Elfriede Sauerwein-Braksiek, der westfälischen Direktorin der Autobahn GmbH.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

A45-Sperrung: Chefin der Autobahn GmbH zum Neubau der Brücke Rahmede

Die Rahmedetalbrücke ist nur das schockierendste Beispiel. Überall im Land bröseln die Brücken. Besonders schlimm ist die Lage im Sauerland. Ist das Land der 1000 Berge derzeit Ihr Land der 1000 Sorgen?

Elfriede Sauerwein-Braksiek: Dass wir die größten Probleme im Sauerland haben, liegt daran, dass die A45 eine Brücke nach der anderen hat, wie an einer Kette aufgereiht. Sie heißt ja nicht umsonst die „Königin der Autobahnen“. Allein in unserer Zuständigkeit sind 60 große Talbrücken bis nach Hessen hinein. Dazu kommen noch ganz viele kleine Brücken. Die A45 war schon Schwerpunktthema seit vielen Jahren.

Kann man sagen seit wann?

Sauerwein-Braksiek: Die Fachwelt weiß schon länger von den Brückenproblemen, aber wirklich aufgekommen ist das Thema 2010. Mit der Sperrung der Leverkusener Rheinbrücke hat das ganze Thema Fahrt aufgenommen. Seit 2014 gibt es ein Brückenmodernisierungsprogramm, und die Finanzmittel wurden für die Brückensanierung auch aufgestockt über die Jahre. Das ist also kein Thema der letzten zwei, drei Jahre. Es ist ein altes Thema.

Ein altes Thema, das jetzt allerdings mit der kaputten Talbrücke Rahmede massiv hochkocht. Täuscht der Eindruck, dass es immer schlimmer wird mit unseren Straßen und Brücken?

A45-Sperrung: „Talbrücke Rahmede ist extremer als Rheinbrücke Leverkusen“

Sauerwein-Braksiek: Die Talbrücke Rahmede ist tatsächlich extrem, noch extremer als es Leverkusen war. In Leverkusen oder auch an der Emschertalbrücke an der A43 haben wir Schäden festgestellt, dann den Verkehr eingeschränkt – aber noch laufenlassen. Hier an der Rahmede ist es tatsächlich das erste Mal, dass wir von einer Stunde auf die andere gesagt haben: Verkehr komplett runter. Generell gilt: Die Brücken sind alle zu gleicher Zeit gebaut worden, alle in den 1960er, 70er Jahren. Damals waren die Bauwerke für eine andere Verkehrsbelastung dimensioniert. Die A45 war für 25.000 Fahrzeuge am Tag geplant, zuletzt waren 70.000 drauf. Es fahren immer mehr Lkw, und sie wiegen viel mehr. Dazu kommen noch Großraum- und Schwertransporte; die Zahl der Fahrzeuge über 40 Tonnen hat sich ja vervielfacht. Und wenn sie dann Brücken haben, die dafür nicht dimensioniert sind, gehen die kaputt.

Kann man abschätzen, wie lange die noch nicht sanierten Brücken der A45 überhaupt noch halten?

Sauerwein-Braksiek: Da gibt es welche mit einer Restnutzungsdauer bis 2026, andere bis 2038. Pauschal kann man das aber nicht sagen.

Können Sie uns Beispiele nennen von Brücken der A45, die ihnen derzeit die größten Sorgen machen? Das Bundesverkehrsministerium hat doch eine solche Liste angefordert…

A45: Weitere Brücken auf der Sanierungsliste

Sauerwein-Braksiek: Eine Brücke, die auf dieser Liste steht, ist die Talbrücke Rahmede. Auch die Talbrücken Sterbecke bei Lüdenscheid und Wannebach bei Schwerte stehen darauf. Und ganz besonders kritisch ist die Talbrücke Sechshelden, bei Haiger in Hessen – das ist mit die kritischste, die ich im Moment sehe. Aber angesichts der wachsenden Belastung: Ich kann nicht immer vorhersagen, wie die Entwicklung bei unseren Brücken ist. Das kann man nur vorsichtig prognostizieren. Die Talbrücke Rahmede hat uns ja auch alle überrascht.

Elfriede Sauerwein-Braksiek, Niederlassungsleiterin der Autobahn GmbH Westfalen.
Elfriede Sauerwein-Braksiek, Niederlassungsleiterin der Autobahn GmbH Westfalen. © Robert Szkudlarek/Digitalbild

Durch die Sperrung der Rahmdetalbrücke ist der Verkehr auf der A45 um zwei Drittel zurückgegangen. Gewinnen Sie dadurch auch bei anderen Brücken Zeit und vielleicht eine längere Restnutzungsdauer?

Sauerwein-Braksiek: Das wird allen Bauwerken auf der A45 definitiv gut tun.

Sie haben zuletzt auch die vielen kleinen Brücken angesprochen, die belastet sind. Kann es da ebenfalls zu so einem Totalausfall kommen?

Sauerwein-Braksiek: Wir schauen uns auch die alle genau an. Bei den großen Talbrücken ist das Risiko aufgrund der Stützweiten allerdings ein ganz anderes als bei den kleinen Brücken. Ein Vorteil bei kleinen Brücken ist: Hier können wir mit Fertigteilbauweisen arbeiten. Das geht dann viel schneller. Wir haben kleine Brücken in 80 Tagen geschafft.

A45: Finanzmittel für den Neubau der Talbrücke Rahmede

Sie haben mal gesagt – weil man ja nicht alles gleichzeitig bauen kann –, dass man vier, fünf Brücken pro Jahr angehen könne. Bei 60 Talbrücken der A45: Wie wollen sie das denn überhaupt schaffen?

Sauerwein-Braksiek: Wir haben jetzt 15 Brücken im Bau auf der A45 oder fangen dieses Jahr damit an. Dann gibt es auch Brücken wie die Lennetalbrücke, die schon fertig sind. Dann gibt es Brücken, die wir verstärken, sodass wir Zeit gewinnen. So verlängert sich die Lebensdauer dieser Bauwerke. Und dann müssen wir jetzt sehen, dass wir beginnen umzupriorisieren. Heißt: den sechsstreifigen Ausbau planen, aber den Ersatzneubau der Brücken vorziehen.

Ist der sechstreifige Ausbau überhaupt zeitgemäß? Sie haben ja auch gesagt, dass sich der Verkehr insgesamt reduzieren muss.

Sauerwein-Braksiek: Autobahnen sind insbesondere in ländlichen Regionen existenziell für die Wirtschaft und die Bevölkerung. Die Autobahn wird immer ihre Bedeutung in Südwestfalen behalten, und sie muss leistungsfähig sein. Wenn wir in Deutschland als Wirtschaftsstandort vorankommen wollen, bleibt der Ausbau unserer Autobahnen, insbesondere der Engstellen, wichtig.

Aber ist der sechstreifige Ausbau noch angebracht, wo doch Verkehre, insbesondere Güterverkehre verlagert werden sollen?

Sauerwein-Braksiek: Sollen, ja. Aber die Prognosen sagen: Die Güterverkehre nehmen zu. Und sie werden nicht alle Güter auf andere Verkehrswege verlagern können. Ich wüsste nicht, wie man das hinbekommen soll, zumal ein Großteil der Verkehrsströme des Güterverkehrs kleiner als 150 Kilometer ist. Aber, das ist auch klar: Die Vorgaben dafür gibt die Politik mit dem Bundesverkehrswegeplan.

Was sind denn dann ihre Erwartungen an die Politik, um im Straßen- und Brückenbau nach vorne zu kommen?

Sauerwein-Braksiek: Wir haben mittlerweile viel bekommen. Wir haben Finanzmittel bekommen. Und wir könnten Personal bekommen, wenn es denn auf dem Markt wäre. Wir suchen händeringend gute Ingenieure.

Und was ist mit vereinfachten Planungsregeln?

Sauerwein-Braksiek: Der Abbau von Bürokratie ist ein wichtiges Thema. Wir brauchen mit den normalen Planrechtsverfahren zu lange. Acht bis zehn Jahre ist für den Ersatzneubau einer Brücke viel zu lang. Das bindet auch zu viel Personal.

Schnellere Verfahren hat sich die neue Bundesregierung ja vorgenommen. Glauben Sie, dass die da weiterkommen?

Sauerwein-Braksiek: Wenn man sich was wirklich vornimmt und daran arbeitet – warum soll das nicht klappen?

Warum kriegen andere Länder es hin, schneller zu bauen als wir. Warum gelang es in Genua, nach dem großen Brückeinsturz in zwei Jahren einen Ersatz zu bauen – und wir brauchen über dem Rahmedetal mindestens fünf?

Sauerwein-Braksiek: Genua wurde per Dekret zum Notstandsgebiet erklärt und man hat dem Bürgermeister Rechte übertragen, wie ich es ich hier noch nicht so erlebt habe. Wir können nur nach geltendem Planrecht arbeiten. Das kann ich nicht umgehen. Sonst droht die Gefahr, durch eine Klage einen Baustopp zu bekommen. An der Rahmede laufen viele Prozesse derzeit alle parallel. Heute zum Beispiel gibt es einen Termin vor Ort mit Naturschützern, wo man über die ökologischen Belange spricht. In der Brücke sitzt eine Fledermaus – wie geht man mit der um? Das müssen wir alles prüfen.

Muss man einzelne Fledermäuse nicht weniger wichtig nehmen, wenn gleichzeitig sehr viele Menschen im Raum Lüdenscheid schwer belästigt werden?

Sauerwein-Braksiek: Es ist eine Frage der Wertung der Schutzgüter. Wir haben eine Liste mit Arten geschützter Tiere, die wir betrachten müssen. Es heißt ja nicht, dass man die bevorzugt betrachtet. Das steht mir nicht an. Die rechtliche Grundlage besagt: Diese Fledermaus ist ein geschütztes Wesen und ich muss schauen, wie ich mit diesem geschützten Wesen umgehe. Etwa anderes lässt mir das Recht nicht zu.

Der BUND hat ja schon die Hand gehoben und gesagt: Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung klagen wir.

Sauerwein-Braksiek: Ja. Wir müssen jetzt erst einmal prüfen, ob wir diese Eingriffe haben. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung müssen wir machen, wenn es erhebliche Eingriffe gibt. Habe ich sie nicht, kann ich eine Befreiung von der Umweltverträglichkeit bekommen

Wann steht denn fest, ob sie die alte Rahmedetalbrücke sprengen können oder nicht? Davon hängt ja ab, ob Sie Tempo aufnehmen können.

Sauerwein-Braksiek: Da sind wir in der Prüfung. Es gibt nur ganz wenige Firmen, die das machen. Wir haben Unterlagen zur Verfügung gestellt und machen jetzt Termine. Die Experten müssen sich die Konstruktion und die Örtlichkeit anschauen und wenn sie das übereinander gebracht haben, können sie erst ein Konzept machen. Sie müssen prüfen, ob man Sprengsätze an diese Brücke so anbringen kann, dass das Bauwerk auch so fällt wie es fallen soll.

Wie lange braucht die Prüfung?

Sauerwein-Braksiek: Ich hoffe, dass wir bis Ende Januar zumindest eine Tendenz bekommen: geht gar nicht – oder es könnte gehen. Bis zu einer Sprengung würde es dann deutlich länger dauern.

Wird die Brücke noch in diesem Jahr abgerissen oder gesprengt?

Sauerwein-Braksiek: Sprengen wäre in diesem Jahr möglich. Beim Abriss wäre ich vorsichtig. Für den Abriss müssen wir unter die vorhandene Brücke ein riesiges Gerüst bauen. Wir bauen eine Brücke unter die Brücke. Das heißt, dass wir dafür Baugrunderkundungen machen müssen, dann brauchen wir Baustraßen, dann muss das Gerüst geplant und statisch berechnet werden und dann muss es noch ausgeschrieben und gebaut werden. Dieses Jahr fangen wir in diesem Fall nicht an.

Was war die schnellste Realisierung einer Talbrücke, die Sie erlebt haben?

Sauerwein-Braksiek: Von der Planung bis zum Bau waren das fünf Jahre, allerdings nicht bei einer so langen Talbrücke. Was wir in Rekordzeit geschafft haben, ist die A43. Der Abschnitt ist 2015 in den Bedarfsplan gekommen und dort haben wir für den sechsstreifigen Ausbau über neun Kilometer in relativ kurzer Zeit den Planfeststellungsbeschluss bekommen und angefangen zu bauen. Dabei waren auch Brückenneubauten.

Wenn Sie von fünf Jahren sprechen: Wie viel Zeit benötigen Sie dann nach Planung allein für den Bau?

Sauerwein-Braksiek: Die Bauwirtschaft sagt, in anderthalb oder zwei Jahren. Ich sage bei 24/7-Bautätigkeit zwei, zweieinhalb Jahre. Ich freue mich über jeden Tag, den es schneller geht.

Wenn man unter der Brücke steht, hat man schon ein mulmiges Gefühl. Müssen sich die Leute Sorgen machen?

Sauerwein-Braksiek: Nein. Die Brücke ist ja erheblich entlastet, dadurch das kein Verkehr da drauf ist. Die Brücke liegt jetzt stabil.

Die Schäden, die zur Sperrung Anfang Dezember geführt haben, wurden mittels Laserscan entdeckt. Anfang Januar wurde mitgeteilt, dass Risse und Korrosionsschäden die Wiederherstellung unwirtschaftlich machen. Risse und Korrosionsschäden zu finden, ist Aufgabe der Brücken-Hauptprüfung, die zuletzt 2017 durchgeführt worden war. Wurden die Risse und Korrosionen 2017 übersehen?

Sauerwein-Braksiek: Risse und Korrosion sind auch bei den Prüfungen vorher schon festgestellt worden. Risse und Korrosion sind in den letzten Jahren immer wieder aufgetreten. Man hat vor 20 Jahren auch schon einmal eine Risse-Sanierung vorgenommen. Es ist nicht so, dass an dieser Brücke in all den Jahren, nicht saniert wurde. Eigentlich kann man sagen, dass diese Brücke vom ersten Tag an ein Sorgenkind war. Schon bei der damaligen Abnahme hat man Mängel festgestellt. Es sind Risse saniert worden und auch im Brücken-Protokoll steht, dass es Schäden gibt, auch Risse. Aber in der Tragweite wie sie jetzt sind, hat man sie damals nicht gewertet.

Das heißt: Sie haben noch neue zusätzliche Risse entdeckt, die noch schwerwiegender waren?

Marode Talbrücke der A45: „Lkw anders gefahren als sie sollten“

Sauerwein-Braksiek: Genau. Man hat die Brücke 2016 abgelastet. Die Brücke ist von fünf auf vier Spuren reduziert worden. Es gab auch verkehrswidriges Verhalten. Lkw sind dann anders gefahren als sie sollten.

Was meinen Sie denn mit unrechtmäßig? Dass ein Lkw auf der linken Spur fährt?

Sauerwein-Braksiek: Zum Beispiel, dass er überholt. Man muss auch sagen, die Fahrspuren hätten vielleicht noch mehr eingeengt werden können. Eigentlich gilt ein Abstandsgebot von 50 Metern auf der Brücke, was aus heutiger Sicht problematisch ist, weil es kaum kontrolliert wurde. Teilweise fuhren die Lkw Stoßstange an Stoßstange auf der Brücke.

Wann 2017 wurde die Entscheidung getroffen, den Neubau der Talbrücke Rahmede zurückzustellen – in der Regierungszeit von Frau Kraft - bis Juni 2017 - oder von Herrn Laschet - ab Juli 2017?

Sauerwein-Braksiek: Das hat mit dem Regierungswechsel nichts zu tun. Weder Frau Kraft noch Herr Laschet haben diese Entscheidung getroffen.

Das heißt: Die Straßenbauverwaltung trifft die Entscheidung, welche Brücke wann und wie ertüchtigt oder gebaut wird, ganz allein – ohne Einfluss der Politik?

Sauerwein-Braksiek: Ja. Wann welche Brücke gebaut werden muss, ist ja eine fachliche Entscheidung. Und diese Entscheidung wurde von den Straßenbauverwaltungen oder wird heute von der Autobahn GmbH getroffen – aus der fachlichen Sicht heraus. Die wird natürlich – weil man nicht alles gleichzeitig machen kann –beeinflusst davon, wie viel Personal, welche Finanzmittel und welche zusätzlichen Aufgaben ich habe. Bei der Priorität, wo es am dringlichsten ist, wird auch kein Politiker Einfluss üben.

Ist dieses Brückendesaster am Ende vielleicht sogar eine Chance, um endlich bei der Brückenertüchtigung nach vorne zu kommen?

Sauerwein-Braksiek: Der Druck ist im Moment enorm. Ich erkenne aber durch alle Reihen, dass die Unterstützung da ist, die Situation zu verbessern. Ich glaube auch, das wir einiges bewegen.

Was sagen Sie den Menschen, die in Lüdenscheid und Umgebung wohnen oder arbeiten. Worauf sollen Sie vertrauen?

Sauerwein-Braksiek: Sie können darauf vertrauen, dass wir im Moment alles in unseren Möglichkeiten Stehende tun, um so schnell wie möglich eine Brücke zu bauen.

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