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A45-Sperrung „eine Katastrophe für die Region“ - Großes Leid in Lüdenscheid

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Von: Jan Schmitz

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Tausende Laster täglich donnern mitten durch Wohngebiete. In der bundesweit drittstärksten Wirtschaftsregion sieht man schwarz. Die Deutsche Presseagentur (dpa) zu Besuch in dem von der A45-Sperrung betroffenen Lüdenscheid.

Lüdenscheid  - Schwere Lastwagen mit Anhängern, Sattelschlepper, Tankwagen, Transporter mit Bauholz, dicht an dicht. Anfahren, stoppen, anfahren, stoppen. Laute Motorengeräusche, Hupen, Abgasgestank. Keine Szene an einer Zufahrt zur Autobahn-Raststätte, sondern auf einer Straße in einem Wohngebiet in Lüdenscheid. Familien wohnen hier, ein paar kleinere Geschäfte gibt es. In der 73.000-Einwohner-Stadt im Sauerland ist nichts mehr wie es war. Auch mehrere kleinere Städte in der Umgebung sind im Ausnahme-Zustand. „Es ist schlimm. In vielerlei Hinsicht“, sagt Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer (SPD). „Eine Katastrophe für die Region.“

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNordrhein-Westfalen; Hessen; Bayern

Die marode Talbrücke Rahmede auf der Autobahn 45 bei Lüdenscheid auf der zentralen Sauerlandlinie wurde Anfang Dezember dicht gemacht. Und seit zwei Wochen ist klar, dass die wichtige Verkehrsachse zwischen Nord- und Süddeutschland über viele Jahre hinweg unterbrochen bleibt. Das beschädigte Bauwerk muss abgerissen werden, es braucht einen Brücken-Neubau. Viele Menschen seien belastet und in Sorge, schildert Wagemeyer der Deutschen Presse-Agentur. Und Südwestfalen als drittstärkste Wirtschaftsregion in Deutschland sei getroffen.

Einige Lieferungen für das produzierende Gewerbe verzögerten sich bereits. Vor allem befürchten Arbeitgeber in der Region, Fachkräfte zu verlieren, die täglich aus dem Ruhrgebiet oder dem Siegerland zur Arbeit fahren - und nun ewig im Stau stehen. Das Gleiche gelte für „einpendelnde“ Lehrer. „Ob die sich das weiter antun werden die nächsten vier, fünf Jahre?“

Schon ab Frankfurt am Main im Süden und dem Westhofener Kreuz im Norden wird seit Anfang Dezember großflächig umgeleitet - und zwar auf ohnehin schon stark belastete Autobahnen wie die A1, A3 und A4.

Die Sperrung der A 45 bei Lüdenscheid hat auch Auswirkungen auf die Verkehrssituation in Kierspe. Die FWG fordert stärkeres Engagement des Bürgermeisters, um die Situation erträglicher zu machen.
Der 2. Dezember, der Tag, der alles veränderte. Damals wurde die A 45 bei Lüdenscheid gesperrt. © Cédric Nougrigat

Täglich sind zuvor laut ADAC mehr als 60 000 Fahrzeuge über die Rahmede-Brücke gedonnert, darunter etwa 13.000 Lastwagen. Gut 40 000 Fahrzeuge werden seit dem Brücken-Aus großflächig umgeleitet, rund 20 000 belasten aber täglich zusätzlich Lüdenscheid. Vor allem die etwa 6000 Lkw, die überregional unterwegs seien, müssten raus aus der Stadt, meint der Leiter der Verkehrsplanung, Christian Hayer.

Einige Umleitungsrouten führen durch die Innenstadt. Vor allem aber halten sich Fahrer oft nicht an die Schilder, weichen auf kleine Nebenstraßen aus. „Wir haben Sattelschlepper, die mit hoher Geschwindigkeit fahren, wo Kindergärten sind oder die quer zum Stehen kommen und alles blockieren“, betont Wagemeyer. Sogar im Vorgarten sei einer gelandet. „Das sind zum Teil lebensgefährliche Situationen. Das ist unerträglich“.

Bund und Land müssten Lösungen liefern. Es brauche mehr Kontrollen. Und einen Sondertopf mit unbürokratischen Soforthilfen - etwa für dreifach-verglaste Fenster für Anwohner. Bislang ist nichts angekommen. Menschen seien weinend zu ihm gekommen, weil sie nachts seit Wochen nicht mehr richtig schlafen könnten, sagt der Bürgermeister.

Auch Heike Sieling-Laudien ist fix und fertig. Sie wohnt an einer Umleitungsstrecke. „Wir können die Fenster nicht mehr zum Lüften öffnen bei dem Abgasgestank und dem Lärm. Das geht von morgens um drei bis Mitternacht.“ Nachbarn mit kleinen Kindern seien besonders betroffen. Unter ihrer Wohnung betreibt sie als Geschäftsführerin einen Laden für Angler-Bedarf. „Wir haben ganz massive Umsatzeinbußen. Erst wegen Corona. Dann ist das Weihnachtsgeschäft weggebrochen, weil die Leute nicht mehr durch den Stau zu uns kommen.“ Sie hat sich in Briefen schon an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) oder auch NRW-Verkehrsministerin Ina Brandes (CDU) gewandt.

Ihre Tochter Aylina Vogt ergänzt: „Unsere Kunden rufen uns an und sagen, sorry, aber wir können uns nicht zu euch durchkämpfen.“ Sie habe Existenzängste - wie auch andere Ladeninhaber wie das Döner-Haus ein Stückchen weiter. Fünf Jahre werde das Geschäft auf keinen Fall durchhalten. Die Autobahn GmbH des Bundes hatte diese Dauer als Ziel für einen Neubau genannt.

„Man kommt hier nicht zur Ruhe“, berichtet auch Rentner Peter Roth, der etwas fernab der besonders neuralgischen Bereiche wohnt. Es sei falsch und räche sich nun, dass die Politik im Land die Sanierung von maroden Straßen und Brücken immer wieder verschiebe oder „kaputtspare“.

Scholz (SPD) hatte kürzlich zugesagt, man werde bei der Planung Gas geben. Auch NRW will Tempo machen. Dass der BUND nun eine Klage nicht ausschließt, wenn der Neubau ohne Umweltverträglichkeitsprüfung laufe, beunruhige die „stark verunsicherte Region“ weiter, sagt Lüdenscheids Bürgermeister. In einem Punkt zeigt er sich allerdings sehr erleichtert: „Viel schlimmer wäre, wenn wir darüber sprechen müssten, dass die Brücke zusammengebrochen ist und wir Dutzende Tote zu beklagen hätten.“

Mit Material von dpa/lnw.

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