Spiegel-TV: "Der ganz normale Wahnsinn"

Klinikum Lüdenscheid: TV-Doku zeigt Ärzte und Pfleger auf der Corona-Station

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Dr. Jörg Schwarzkopf vor einem Intensivzimmer auf der Corona-Station im Klinikum Lüdenscheid. 

Lüdenscheid – Eine Fernseh-Dokumentation von Spiegel TV über die Situation auf der Corona-Intensivstation im Klinikum Lüdenscheid gibt seltene Einblicke in die Versorgung von Covid-19-Patienten in Deutschland.

  • Ein Kamerateam von Spiegel TV begleitete Ärzte und Pfleger auf der Corona-Station in Lüdenscheid
  • Gezeigt werden auch die Schicksale der Patienten
  • Inzwischen sind im Klinikum sechs Covid-19-Patienten gestorben

Der zehnminütige Film mit dem Titel „Der normale Wahnsinn“ wurde am Montag auf RTL ausgestrahlt. Er zeigt in bewegenden Bildern, wie Ärzte und Pfleger in Lüdenscheid um das Leben von Corona-Infizierten kämpfen. 

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen drehte das Film-Team am vergangenen Samstag auf der Corona-Intensivstation in Lüdenscheid. Alle Patienten wurden unkenntlich gemacht. Entstanden sind Szenen, die nahe gehen und einen Eindruck davon vermitteln, vor welche Herausforderungen das Coronavirus die Mitarbeiter stellt.

Erstmals drehte ein Filmteam auf der Intensivstation des Klinikums Lüdenscheid

Erstmals gestatteten die Märkischen Kliniken einem Kamerateam den Zugang auf die Intensivstation. „Wir haben damit die Hoffnung verbunden, dass mit ganz realistischen Bildern der Öffentlichkeit vermittelt wird, wie ernst die Erkrankung ist. Das ist in unseren Augen gelungen“, erklärte Klinik-Sprecherin Corinna Schleifenbaum. 

Am Drehtag sind elf der 14 Betten auf der Corona-Station belegt. Bei einigen Patienten ist nicht sicher, ob sie die Covid-19-Erkrankung überleben werden. Inzwischen starben bereits sechs Patienten im Klinikum Lüdenscheid. Sie alle wurden mit Einverständnis der Angehörigen obduziert. 

Schwere Verläufe der Covid-19-Erkrankung stellen die Ärzte vor jedes Mal neue Herausforderungen

Die Kamera schwenkt auf eine Patientin, die aus einem anderen Krankenhaus nach Lüdenscheid verlegt wurde. Die Ärzte versuchen ihre Lunge zu retten, die bereits massiv geschädigt ist. Ein Mann mit Vorerkrankungen ist ebenfalls in einem kritischen Zustand. Chefarzt Prof. Dr. Thomas Uhlig sagt in die Kamera: „Wir haben große Bedenken, ob wir das hinkriegen, weil schon ein Stück Lunge entfernt worden ist.“ 

Klinikdirektor Prof. Dr. Thomas Uhlig erläutert die schweren Verläufe bei einigen Patienten.

Über Nacht hat sich der Zustand eines 39-jährigen Patienten verschlechtert. Das Spiegel-TV-Team ist bei einer Besprechung der Pflegerinnen dabei. Dr. Jörg Schwarzkopf erklärt den TV-Zuschauern die Situation: „Sein Gesamtzustand verschlechtert sich gerade dramatisch. Er hat ein Nierenversagen, die Nieren funktionieren nicht mehr adäquat, und jetzt zieht die Leber leider nach und er ist gerade in einem fulminanten Leberversagen, sodass wir jetzt versuchen müssen, die Situation wieder in den Griff zu kriegen.“

Corona-Patienten in Lüdenscheid: Ärzte müssen schneller sein als das Virus

„Wir haben hier eine Krankheit, bei der alles auf den Kopf gestellt wird. Wir sind nicht die, die agieren, sondern die, die reagieren. Wir müssen für jedes Organ immer wieder neue Ideen finden, wie wir schneller sind als das Virus“, sagt Intensivmediziner Uhlig im Beitrag. Bei dem 39-Jährigen gelingt das. Stand Mittwoch hat sich der Patient erholt, teilt Klinikum-Sprecherin Schleifenbaum mit. 

Durch die großen Glasfenster, mit denen die einzelnen Bettenplätze abgetrennt sind, filmt das Kamera-Team auch einen operativen Eingriff bei einem 65-jährigen Covid-19-Patienten. Drei Wochen lang wurde der Mann künstlich beatmet. Um ihm einen kürzeren Zugang zu legen, bekommt er einen Luftröhrenschnitt. 

Corona-Infizierte sind ansteckend - Personal muss sich selbst schützen

Für die beteiligten Ärzte und Pfleger ein sehr kritischer Moment, wie Oberarzt Dr. Klaus Henkel berichtet: „Wir sind 30, 40 Zentimeter über der Wunde, teilweise noch näher. Wir öffnen hier den Luftweg, und da kann bei der Exposition Atemluft aus dem Atemgerät oder aus dem Patient in die Luft gepustet werden. Das ist natürlich hoch kontagiös.“ Unter Kontagiosität versteht man die Übertragbarkeit des Erregers. 

Damit sich das Personal im direkten Kontakt mit den Infizierten nicht ansteckt, müssen auf der Corona-Intensivstation höchste Sicherheitsstandards erfüllt werden. Schutzbrille, Kopfbedeckung, zwei Paar Schutzhandschuhe, Mund-Nase-Schutz, zwei OP-Kittel und darüber ein Sterilkittel müssen vor dem Eingriff angelegt werden – nach der Operation ist Dr. Henkel nassgeschwitzt. 

Um sich selbst vor einer Infektion zu schützen, betreiben die Ärzte und Pfleger einen enormen Aufwand. Die kleinste Unaufmerksamkeit kann auf der Corona-Station gefährlich sein.

Auch wenn es kritisch wird - der Selbstschutz des Personals geht vor

Ein Dialysegerät schlägt Alarm, Intensivschwester Larissa Radinski legt sich die Schutzkleidung trotz gebotener Eile gewissenhaft an. „Selbst wenn die Patienten kritisch sind, muss man sich selbst schützen. Das dauert schon ein paar Minuten, bis man angezogen ist“, berichtet Radinski. 

Die Ansteckungsgefahr ist auf der Corona-Station allgegenwärtig: „Es kann immer passieren, dass man sich infiziert. Hundertprozentig vermeidbar ist das nicht – trotz aller Schutzmaßnahmen“, sagt Oberarzt Henkel. 

Oft dauert die Behandlung Wochen, bis die Patienten außer Lebensgefahr sind. Nur wenige Betten werden schnell wieder frei. Die Zahl der Intensivbetten aber ist begrenzt. Derzeit kann das Klinikum noch 14 Covid-19-Patienten aufnehmen, dann ist die Kapazitätsgrenze erreicht

Prof. Uhlig deutet auf ein Zimmer, in dem zwei Patienten bereits aufrecht sitzen. Sie sind auf dem Weg der Besserung. Einer der Männer winkt dem Chefarzt durch das große Fenster zu. „Der erste Patient ist in der Lage, uns ein wenig zu begrüßen“, sagt Uhlig dazu. Ein bis zwei Wochen wird er noch auf der Corona-Station verbleiben, bevor er auf die normale Intensivstation verlegt wird. 

Dort befindet sich inzwischen eine erst 20-jährige Covid-19-Patientin, deren Niere vorgeschädigt war. Heute geht es ihr schlecht. Das Gespräch mit der jungen Frau bricht Prof. Uhlig vor laufender Kamera ab, weil die Patientin erbrechen muss. An die Zeit auf der Corona-Station kann sie sich nicht erinnern.

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Ein tödliches Drama ereignete sich im Klinikum Lüdenscheid. Ein Frauenarzt diagnostizierte bei einer Schwangeren einen Magen-Darm-Infekt, jetzt ist das Kind tot. 

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