Zwischen hilfsbereit und jähzornig

Lüdenscheid - Mit den Vorwürfen in der Anklageschrift ist es vielleicht nicht getan. Im Verlauf des zweiten Verhandlungstages wird der Verdacht laut, der Beschuldigte sei am Abend des ersten Prozesstages schon wieder „übergriffig“ geworden und habe eine Mitbewohnerin im Haus Hellersen unzüchtig betatscht.

Diese Tat ist nicht angeklagt. Eine Strafanzeige wurde nicht erstattet. Richterin Heike Hartmann-Garschagen fragt den 33-Jährigen trotzdem. „Wollen Sie zu den neuen Vorwürfen was sagen?“ Sie erntet stummes Kopfschütteln. Verteidiger Martin Düerkop ergänzt: „Er hat mir gesagt, da war nichts.“

Die höchst unterschiedlichen Zeugenaussagen komplizieren die Wahrheitsfindung. Eine Pflegerin beschreibt ihn als „hilfsbereit, wenn er gut drauf ist“. Einer ihrer Kollegen nennt den Beschuldigten „sehr ruhig“ und sagt, die Eskalationen, um die es in dem Prozess geht, „haben nicht nur an ihm gelegen“. Ein Patient, der „oft an ihm dran ist“, könne eine „ganz schöne Nervensäge sein“. Eine Pflegerin in Ausbildung beschreibt ihren Schützling als „häufig sehr impulsiv“. Der rede nicht lange, sagt sie. „Der packt sich die Leute und macht Drohgebärden. Aber er haut nicht gleich zu.“

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Die Fragen, um die es geht, stehen noch unausgesprochen im Raum. Was darf man einem psychisch kranken Menschen durchgehen lassen, ohne die Polizei zu holen? Wo enden die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Pflegepersonals, der Ärzte und der Betreuer? Ab wann muss staatliche Macht eingreifen? Bis wann ist ein Mensch „nur“ hilfsbedürftiger Patient, ab wann „schon“ eine Gefahr für die Gesellschaft?

Für Donnerstag erhoffen sich die Richter der 4. großen Strafkammer mehr Aufschluss über den Zustand des Mannes auf der Anklagebank. Dann soll der Bochumer Neurologe Prof. Dr. med. Pedro M. Faustmann sein psychiatrisches Gutachten über den Probanden erstatten.

Der Prozess wird ab 9.30 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

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