Zwischen Bauhausmuseum und Blutstraße

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Am Gedenkmal für Goethe und Schiller hörten die Jugendlichen viele Details über die Beziehung der beiden Dichter zueinander.

Lüdenscheid - Gespannt und wissbegierig begaben sich 15 alevitische Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren auf Spurensuche deutscher Geschichte in Weimar. „Wir wollen das Land, in dem wir leben, verstehen“, brachte Cagdas Ayibogan aus dem Jugendvorstand das Anliegen der dreitägigen Studienreise auf den Punkt.

Nicht alle Interessierten aus der Lüdenscheider Ortsgruppe des Bundes der Alevitischen Jugendlichen Deutschland konnten mitfahren, die Plätze reichten nicht aus.

Es wurde eine Fahrt mit eigentümlichem Doppelklang: Im Tal lag die Stadt mit ihrer Erinnerung an die klassische Hochkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, oben auf dem Berg, fünf Kilometer entfernt, erwarten die jungen Besucher Relikte abgrundtiefster Menschenverachtung im ehemaligen KZ Buchenwald. Hier wie dort sind die Wege gesäumt mit Orten des Gedenkens. Goethe, Schiller, Wieland, Herder und Bach im Tal, Arrestzellen, Blutstraße, Verbrennungsöfen, Massengräber und Folterwerkzeuge auf dem Berg. Ein Kontrast, wie er größer nicht sein kann.

Vorbei an Wohnhäusern Goethes und Schillers

Nach mehrstündiger Fahrt ging es zugleich auf eine erste Entdeckungstour durch Weimar, am folgenden Morgen auf die zweite. „Der 1883 in Berlin geborene Architekt Walter Gropius floh vor den Hitler-Schergen, die seinen neuen Bauhausstil als entartet bezeichneten, in die USA. Er starb in Boston“, erläuterten Horst Löwenberg vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sowie Günter Hensch vom Institut für Kirche und Gesellschaft, die beiden Leiter der Gruppe.

Auch Rudolf Steiner lebte in Weimar.

Der Reihe nach ging es durch die stimmungsvolle Altstadt Weimars. Vorbei am Wohnhaus Rudolf Steiners, am Denkmal für den Dichter Wieland. Die Wohnhäuser Goethes und Schillers säumten den Weg, das Deutsche Nationaltheater mit dem Goethe- und Schiller Denkmal davor ebenfalls, gegenüber das Bauhausmuseum, wenig entfernt davon die Herderkirche, die heute Stadtkirche St. Peter und Paul heißt. Dass in dieser Bach auf der Orgel spielte, Luther predigte und der Theologe Herder beigesetzt wurde, erfuhren die Jugendlichen unter der Führung der ortsansässigen Katrin Zirkel. Das Altarbild Cranachs erzählt anschaulich die biblische Geschichte von Adam über Mose und Johannes den Täufer bis zu dem gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Mittags stand die Fahrt auf den Berg an. Beklommene Gefühle, als die Kleinbusse der Teilnehmer über die Pflastersteine der zum Teil original erhaltenen Zufahrtsstraße rumpelten, die zur größten deutschen KZ-Gedenkstätte führt. Es ist die „Blutstraße“, erbaut von Häftlingen, die diese Straße selbst so nannten, denn viele verloren bei dieser Schwerstarbeit ihr Leben. Insgesamt starben 56 000 Menschen auf dem 190 Hektar großen Areal an Hunger, Kälte, Krankheit und medizinischen Verbrechen. Andere wurden in Vernichtungslager deportiert. „Jedem das Seine“ steht am Tor, zu lesen von innen, das die Grenze zwischen SS-Bereich und Häftlingslager markierte. In einem Film, den die Jugendlichen sahen, kamen Überlebende Buchenwalds zu Wort.

Erschütternde Zeugnisse zum Auftakt dieses Besuchs, dann eine geführte Besichtigung der Arrestzellen und des Krematoriums in der ehemaligen pathologischen Abteilung. „Vernichtung durch Arbeit“ war das Prinzip. Verbrennungsanlage, Leichen- und Exekutionskeller sowie die Nachbildung einer Genickschussanlage legen erschütterndes Zeugnis ab für die Verbrechen im Nazi-Deutschland. „Dieser bestens organisierte Mord erschüttert mich“, kommentierte ein Jugendlicher. „Die Namen der verstorbenen Widerständler in den Arrestzellen zu lesen, und zu sehen, wie sie dort hausen mussten, war grauenvoll“, berichtete eine Teilnehmerin.

Von dort ging es hinüber zum Appellplatz, auf dem eine auf Körpertemperatur erwärmte Stahlplatte installiert ist zum Gedenken an die Opfer des Lagers aus mehr als 50 verschiedenen Nationen, denn 95 Prozent der Lagerinsassen stammten nicht aus dem Deutschen Reich. Die Jugendlichen stellten der Gedenkstätten-Mitarbeiterin Annette Schmitz viele Fragen. „Nichts gewusst? Hat sich niemand Gedanken gemacht, wieso die Nachbarn plötzlich verschwanden?“ Dass niemand etwas gewusst habe, sei eine Lüge, sagte Schmitz. Ab 1933 sei überall bekannt gewesen, dass es Lager gebe, was sich dort allerdings tatsächlich ereignet habe, sei weitgehend unbekannt gewesen.

Spurensuche der deutschen Geschichte in Weimar

Der Kulturverein Weimar habe darauf bestanden, den ursprünglichen Namen KZ Etternberg zu ändern, damit das Lager nicht mit dem Etternberg Goethes in Verbindung gebracht werde. 50 Tage später hieß das Lager „Buchenwald“. Schmitz stellte die Ereignisse in den Kontext von Kaiserreich, gelerntem Gehorsam und fehlendem demokratischen Grundverständnis, Erstem Weltkrieg, Wirtschaftskrise und Kriegsmüdigkeit.

Auftrag und Verpflichtung zugleich

„Die Menschen damals hatten es nicht gelernt, eigene Meinungen zu vertreten. Wir hingegen haben das Privileg, in einer Demokratie aufzuwachsen“, meinte Filiz Schmidt. Dies sei Auftrag und Verpflichtung zugleich, aus der Vergangenheit zu lernen, das Schweigen zu überwinden und Unrecht, überall, wo es geschieht, als solches zu benennen. „Für verbrecherische Ereignisse der Zukunft gibt es keinerlei Entschuldigung“, war der Konsens der Teilnehmer.

Cagdas Ayibogan und Luther auf einer Bank in Weimar.

Noch einmal kehrten die Jugendlichen ins klassische Weimar zurück, spazierten durch den Park an der Ilm, den Goethe für die Bürger entwarf, hin zu seinem Gartenhaus, in dem Goethe die meisten seiner Werke schrieb, hörten Löwenberg zu, der den Zauberlehrling eindrücklich rezitierte und beschlossen die Fahrt mit einem Ausblick von Schloss Belvedere auf das widersinnige Szenario von KZ auf dem Berg und Klassik im Tal.

Mit vielen starken Eindrücken kehrte die Gruppe der jungen Aleviten zurück nach Lüdenscheid. „Es war eine rundum gelungene Studienfahrt, die nachwirken wird“, war das Fazit aller.

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