Abende in der Unterkunft Hermann-Gmeiner-Schule

Flüchtlinge in Lüdenscheid zwischen Angst und Hoffnung

Liebkosungen von der Mutter – in der Fremde tut das gleich doppelt gut.

Lüdenscheid - Der Abend ist lau. Die Kinder fahren mit Fahrrad und Roller umher und spielen gemeinsam. Die Erwachsenen sitzen in Gruppen oder allein auf Stühlen, Bänken oder dem Rasen. Die Atmosphäre in und rund um die Flüchtlingsunterkunft in der Hermann-Gmeiner-Schule bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Anspannung und neuem Lebensmut.

„Ich bin froh, hier zu sein, in Sicherheit. Ich erwarte nichts vom deutschen Staat. Kein Geld, keine schöne Wohnung. Ich bin nur dankbar, dass ich hier sein darf und nicht sterben muss“, sagt ein junger Mann aus Syrien. Ob er in Deutschland bleiben kann? Das weiß er nicht. Er ist erst seit wenigen Tagen in Lüdenscheid. Und er wartet auf den Tag, an dem er seinen Asylantrag stellen kann.

„Was denken die Deutschen von uns Syrern?“, ist die Frage, die ihn und seinen Freund beschäftigen. Sehen sie in den Flüchtlingen eine Belastung? Oder erkennen sie die Not, die Menschen wie sie zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben hat? Eine Antwort auf diese Frage bekommen die beiden Syrer nicht. Aber sie spüren, dass die Hilfskräfte der Johanniter und die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma sie gut behandeln. „Alle hier sind sehr freundlich zu uns. Das tut gut.“

„Ich habe gedacht: Jetzt muss ich sterben“

Auch der junge Englischlehrer aus Syrien ist dankbar. „Ich hoffe, dass ich diesen Menschen, die uns hier im Heim helfen, eines Tages etwas zurückgeben kann.“ An seine Flucht mag er nicht denken. „Ich habe in vielen Momenten gedacht: Jetzt muss ich sterben.“ Seine Familie lebt noch in Syrien – Frau und Kind, Vater, Mutter und Geschwister. Seine Sorge gilt ihnen. „Viele der Helfer fragen, was ich brauche. Aber das, was ich brauche, können sie mir nicht geben: meine Familie.“ Der junge Mann wendet sich ab. Seine Tränen möchte er nicht zeigen.

Auch der jungen Lektorin aus Albanien, die mit Mann und Kindern in der Hermann-Gmeiner-Schule lebt, kommen die Tränen, wenn sie an die Hilfe denkt, die sie in den vergangenen Tagen erfahren hat: „Hier gibt es so viele Engel. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich nicht so große Angst gehabt, als ich mich zur Flucht entschlossen habe.“

Die junge Frau geht in die Sporthalle – zum Deutschunterricht. Mit rund 40 anderen Flüchtlingen drückt sie die Schulbank, paukt die richtige Aussprache der fremden Sprache Deutsch, büffelt die Grammatik und versucht, sich die vielen neuen Vokabeln zu merken.

„Ich will niemandem auf der Tasche liegen“

Das tut auch der junge Iraker, der neben ihr an der langen Tafel Platz genommen hat und eifrig die Gegenwartsformen des Verbs „sein“ in sein Heft schreibt. „Ich muss Deutsch lernen, damit ich hier in Deutschland bleiben kann. Ohne die Sprache geht nichts. Ich will hier arbeiten und leben. Ich will niemandem auf der Tasche liegen, sondern meinen Beitrag leisten.“

Das Engagement ihrer Schützlinge lässt auch die Mitarbeiter der Johanniter nicht unberührt. An einem Tisch am anderen Ende der Turnhalle nehmen sie ihr verspätetes Abendessen ein. Und sie schauen und hören zu, wie die Menschen aus Albanien und Kurdistan, aus Syrien und dem Irak die ersten deutschen Wörter und Sätze üben. „Das ist beeindruckend, mit welchem Elan und welcher Begeisterung hier alle zusammensitzen und lernen.“

Beeindruckt sind auch die Sicherheitskräfte. Sie kommen leise in die Halle, bleiben einen Moment stehen und hören einfach zu. „Das machen sie alle wirklich großartig“, sagt ein junger Security-Mitarbeiter, „ich könnte nicht so lernen wie sie.“

Der Sprachunterricht ist eine willkommene Abwechslung für die Menschen, die aus aller Herren Länder nach Lüdenscheid in die Hermann-Gmeiner-Schule gekommen sind. Ein Gemeinschaftsgefühl macht sich unter den Schülern breit. Einer hilft dem anderen.

Die liebe Not mit der richtigen Aussprache

Und Spaß macht das Lernen ihnen offensichtlich auch. Obwohl sie mit der Aussprache von manchen Wörtern zu Anfang ihre liebe Not haben. Als sie bei einer Übung des Alphabets auf das Wort Xylophon stoßen, lassen sie sich jedoch von den Schwierigkeiten nicht unterkriegen. Immer wieder lassen sie sich die richtige Aussprache von der ehrenamtlichen Lehrerin vorsagen. Und geben nicht auf, bevor diese nicht den Daumen reckt und sagt: „Das war super.“

„Kommst du morgen wieder?“

Rund 90 Minuten wird konzentriert und emsig gelernt. Doch dann ist es gut. „Können wir für heute Schluss machen? Ich kann nicht mehr“, schnauft ein junger Mann aus Kurdistan. Drei große Seiten hat er in seinem Heft beschrieben. Viele neue Regeln und Wörter – das muss sich erst einmal setzen. Aber dann kommt direkt die Frage an die Lehrerin: „Du kommst doch morgen wieder?“

Draußen wird es langsam dunkel. Es ist still geworden auf dem Schulhof. Die Kinder werden von ihren Eltern ins Bett gebracht. „Wir haben jetzt richtige Matratzen“, sagt ein Junge aus Äthiopien voller Stolz. Er war heute nicht beim Unterricht. Sein Vater lacht. „Er hat heute schon bei zwei Deutschstunden mitgemacht. Jetzt wollte er spielen. “

Die Erwachsenen gehen noch nicht ins Bett. Ihre Fragen halten sie wach. „Wie wird es mit uns weitergehen? Wie lange bleiben wir hier?“ Die wichtigste Frage stellen sie sehr leise: „Schickt man uns zurück oder dürfen wir hier in Deutschland bleiben – in Sicherheit?“

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