Freilaufender Hund am Jahnplatz

Angst um Kalli: Rottweiler-Mischling beißt Pinscher - Besitzer antwortet nicht

Sandra Schäfers und Zwergpinscher Kalli in der Klinik für Kleintiere in Gießen: Nach einem stetigen Auf und Ab ist Kalli inzwischen auf dem Weg der Besserung.

Lüdenscheid – Der Albtraum jedes Hundebesitzers – Sandra Schäfers erlebt ihn am Nationalfeiertag.

Die Lüdenscheiderin, die ihre ganze Kindheit in der Bergstadt verbracht hat und inzwischen in Koblenz lebt, ist mit ihrer Familie zu Gast bei ihren Eltern, die Am Westhang wohnt. Gegen Mittag macht sich Sandra Schäfers mit Hund Kalli, einem sieben Jahre alten Zwergpinscher, auf die Mittagsrunde. Am Parkplatz des Parktheaters – vis à vis zum Jahnplatz – hebt Kalli gerade das Bein, als von hinten ein großer Hund naht. „Eine Art Rottweiler-Mischling“, sagt Sandra Schäfers.

Unangeleint stürmt der Koloss auf das Leichtgewicht zu und packt ihn, beißt sich am Bauch des Zwergpinschers fest. Sandra Schäfers reagiert reflexartig, tritt den großen Hund, der sich aber nicht stören lässt. Momente später trennt der Hundeführer des Angreifers und dessen Freund die Hunde. Kalli blutet stark – zwei Rippen schauen aus dem Bauchraum. Es ist ein schrecklicher Anblick. Die jungen Männer helfen Sandra Schäfers bei der Online-Suche nach einem Tierarzt für die Erstversorgung. Es ist Feiertag, viele Praxen sind geschlossen. Frau. Dr. Riepe hat geöffnet. Aber es ist kein Auto da, um dorthin zu fahren. Die jungen Männer sind freundlich und hilfsbereit, sie wollen am Jahnplatz Hilfe organisieren. Es ist der Moment, in dem Sandra Schäfers sie zum letzten Mal sieht, sie macht instinktiv noch von hinten ein Bild von den Männern und dem Hund. 

Es folgen quälend lange Minuten, bis ihr Mann Andreas eintrifft. Bei Dr. Riepe erfolgt eine Erstversorgung für Kalli. Röntgen. Die Wunde wird verbunden, aber der Fall ist so schwer, dass Dr. Riepe die Schäfers nach Betzdorf in die Tierklinik schickt. Per E-Mail kündigt sie den Notfall an. „Wir sind Frau Dr. Riepe so dankbar – sie hat uns alle Drei wieder aufgebaut“, sagt Sandra Schäfers. Betzdorf indes ist kein Katzensprung. Als man endlich da ist, ruft Sandra Schäfers beim Betreten der Klinik: „Hier ist der Notfall.“ Doch dort weiß man nichts von einem Notfall, niemand hat die E-Mail gelesen. Ein Chirurg ist auch gar nicht vor Ort. Hier gibt es in diesem Moment keine Hilfe. 

Von Betzdorf geht es direkt weiter nach Gießen

Planänderung: Es geht weiter in die Klinik für Kleintiere der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Diesmal wird vorher angerufen. Die Röntgenbilder gibt es auch vorab per E-Mail. Noch einmal eine Stunde Fahrzeit, in der Kalli immer schwächer wird. Kalli blutet, Sandra Schäfers weint. Doch in der Tierklinik wird ihnen Mut gemacht. Bevor die Tierärzte Kalli auf den Operationstisch mitnehmen, gibt es für ihn eine 30-minütige Infusion. Dann geben sie den Schäfers das Halsband. „Das kommt bei uns nur weg“, sagt einer. Sandra Schäfers kann das Halsband nicht annehmen, ihr ist heulend-elend. Kalli wird fünf Stunden operiert. 

Abends rufen die Schäfers in der Klinik an. Die Tierärzte haben zwei Rippen komplett entnommen und einen Riss in der Lunge genäht. Kalli kommt auf die Hunde-Intensivstation, zwei Tage lang wird er dort bleiben. Die Schäfers hoffen und bangen von daheim mit ihrem immer so lebensfrohen Familienmitglied. 

Der Schock sitzt tief, doch Sandra und Andreas Schäfers sind nicht untätig. Sie erstatten Anzeige, erstmal gegen unbekannt. Die Polizei in Lüdenscheid hilft nur halbherzig. Hund gegen Hund – das ist nicht ihr Thema. Ein Kratzer am Auto? Na klar, aber für Hunde ist das Ordnungsamt eigentlich zuständig. „Dabei ist es doch auch eine Art Sachschaden“, sagt Sandra Schäfers. Sonntags aus Koblenz hakt sie am Telefon nach. Wieder wird sie vertröstet. Ein Aktenzeichen zum Fall gibt es nicht einmal. Sie möge sich in Koblenz an die Polizei wenden, sagt der Polizist in Lüdenscheid schließlich. „Der wollte mich nur loswerden“, sagt Sandra Schäfers später. In Koblenz erklärt sich die Polizei für nicht zuständig, da das Vergehen in Lüdenscheid war, ist aber freundlich und hilfsbereit und rät den Schäfers, eine Online-Anzeige aufzugeben bei der Polizei-NRW – mit dem Hinweis, sich in Lüdenscheid nicht ernst genommen gefühlt zu haben. 

Vorfall vor zwei Jahren an der Knapper Straße

Gemacht, getan. Die Polizei in Iserlohn wird darauf reagieren, aber erst neun Tage später – wieder mit Verweis aufs Ordnungsamt… Die Fahndung nach Hund und Herrchen nimmt Sandra Schäfers via Facebook nun selbst in die Hand. Mit dem Bild, das den Hund und zwei Männer von hinten zeigt, und der Schilderung des Geschehenen hofft sie, dass sich der Besitzer meldet, damit seine Versicherung zumindest die Kosten übernehmen kann. Er meldet sich aber nicht. Stattdessen gibt es aber viele andere Rückmeldungen aus Lüdenscheid. Bald verdichtet sich ein Bild. Sandra Schäfers kann den Hundehalter und dessen Kumpel ausfindig machen. Eine Lüdenscheiderin meldet sich und berichtet, dass eben dieser große Hund dieses Hundehalters vor zwei Jahren auch ihren kleinen Hund an der Knapper Straße gebissen habe. Die Sache sei damals bis vors Gericht gegangen. 3000 Euro Gesamtkosten, doch der kleine Hund sei am Ende doch nicht zu retten gewesen. 10 Euro im Monat habe der Hundehalter nach dem Gerichtsurteil abstottern sollen. Andere Facebook-Nutzer berichten, dass dieser Hund im Bereich Jahnplatz auch unangeleint durch Vorgärten laufe – Eltern und auch die Verantwortlichen der angrenzenden Kita seien davon wenig begeistert. 

Sandra Schäfers schreibt den Hundeführer vom 3. Oktober an, sieht den Gelesen-Status ihrer Nachrichten, doch der Hundehalter antwortet nicht, Schäfers wird bei Facebook nun von ihm blockiert. Sie nimmt sich deshalb einen Anwalt, der den Hundehalter anschreibt. Und Sandra Schäfers kontaktiert auch das Lüdenscheider Ordnungsamt. Warum hat es nach so einem Vorfall vor zwei Jahren die Einhaltung der Leinenpflicht nicht kontrolliert? Es ist eine der Fragen, die am Ende unbeantwortet im Raum stehen bleiben. 

"Ein stetiges Auf und Ab" in der Tierklinik

Kalli kämpft derweil in Gießen weiterhin um sein Leben. Die Wunde verheilt nicht reibungslos, im Körper sind vom tiefen Biss Bakterien. Eine Blutvergiftung schließt sich an. Kalli bekommt Antibiotika. Die Schäfers bringen ihm getragene Sachen und Leckerchen aus Koblenz für seinen Laufstall in der Tierklinik, damit er den Lebensmut nicht verliert. Der Entlassungstermin wird auch nach eineinhalb Wochen noch einmal verschoben, weil es neue Störungen bei der Wundheilung gibt. „Es ist ein stetiges Auf und Ab“, sagt Sandra Schäfers, weiß aber, dass Kalli in der Klinik in Gießen in den besten Händen ist. Der Arzt erzählt ihr, dass aktuell häufig größere Hunde kleinere beißen und dass es dabei nicht selten zu Komplikationen wegen der Keime kommt. Das Problem nicht angeleinter Hunde gibt es offensichtlich keineswegs nur in Lüdenscheid. Daheim 

In Koblenz vermisst Sohn Felix seinen Gefährten Kalli. Felix ist fünf Jahre alt – er kennt es nicht, daheim ohne den Zwergpinscher zu sein. Sandra Schäfers derweil hat auch zu knacken am Erlebten. Wenn sie größere Hunde sieht, reagiert sie panisch. „Ich bin da regelrecht traumatisiert. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder tiefenentspannt und unbeschwert mit Kalli Gassi gehen kann“, sagt sie, vor allem aber vermisst sie – wie Sohn Felix und Ehemann Andreas auch – ihren Hund. Die Klinik aus Gießen schickt Bilder, Andreas kann sich keines davon anschauen.

Dass ihr Zwergpinscher wieder gesund nach Hause zurückkehrt, ist der größte Wunsch der Schäfers. Und natürlich hoffen sie auch, dass die Versicherung des Hundehalters die Kosten übernimmt. Nach knapp zwei Wochen in der Tierklinik sind die Kosten dort immens, dazu kommen die Kosten für die Erstversorgung. Vielleicht werden sie sich vor Gericht darum streiten müssen. Der Albtraum, er ist noch nicht vorbei.

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