Während des Zweiten Weltkriegs ausgestellt

Reisepass des Schriftstellers Fritz Nölle im Virtuellen Museum

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Der Reisepass für Fritz Nölle wurde 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, ausgestellt.

Lüdenscheid - Grenzen zu überqueren, ohne seinen Ausweis oder Pass zeigen zu müssen – das ist seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit innerhalb Europas zwischen den Staaten die das Schengen-Abkommen unterzeichnet haben. Was für ein luxuriöses Gut diese Reisefreiheit ist, wird gerade in der Debatte um den Brexit wieder mehr als deutlich. In früheren Zeiten waren auch zwischen europäischen Staaten nicht nur Pässe, sondern auch Visa erforderlich. Ein Dokument, das dies verdeutlicht, wird Teil des Virtuellen Museums.

Es handelt sich um einen Reisepass, der gleich in mehrfacher Hinsicht als historische Quelle interessant ist – und zwar mit Blick auf seinen Inhaber, auf die Zeit, aus der er stammt, und auf die Visa- beziehungsweise Einreisestempel, die er enthält. Erstmals ausgestellt wurde dieser Pass für Friedrich Nölle am 9. Januar 1943 und war gültig bis zum 31. März 1943 desselben Jahres – also mitten im Zweiten Weltkrieg.

Alle Fragen, die dieser Pass aufwirft, können an dieser Stelle nicht beantwortet werden – dafür könnte sich eine intensivere historische Recherche sicher lohnen. Möglicherweise gibt es auch noch Zeitzeugen, die etwas zum Leben des Lüdenscheider Lehrers und Schriftstellers Fritz Nölle beitragen können. Sein Pass gelangte erst kürzlich in den Besitz der Lüdenscheider Museen.

Größter Erfolg als Schriftsteller in den 1930er-Jahren

Geboren wurde „Fritz“, wie er gemeinhin genannt wurde, am 19. Mai 1899 in Lüdenscheid, wo er auch am 14. November 1980 starb. Nölle besuchte zunächst die Volksschule und wurde, nach dem Abschluss am Lehrerseminar, selbst Volksschullehrer in Lüdenscheid. Von 1929 bis 1945 arbeitete er als Lehrer in Dortmund. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Lüdenscheid zurück und unterrichtete weiterhin.

Seinen größten Erfolg als Schriftsteller hatte er in den 1930er-Jahren – also in der NS-Zeit – mit einer Romantrilogie, die – so die Beschreibungen – ein satirisches Gesellschaftspanorama seiner Heimatstadt zeichnete. Das ist ein Hinweis darauf, dass seine Literatur dem nationalsozialistischen Regime zumindest genehm gewesen sein musste. Denn er gehörte nicht zu den Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt und verboten wurden.

Reisepässe hatten während des Krieges nur kurze Gültigkeit.

Es ist aber mehr noch davon auszugehen, dass Nölle dem Nationalsozialismus durchaus zugetan gewesen sein muss. Die Literaturwissenschaftlerin Renate von Heydebrand ordnete sein heimatliterarisches Werk laut Wikipedia in die deutsch-nationale Tradition des 19. Jahrhunderts ein – antisemitisch, antisozialdemokratisch und die Weimarer Republik ablehnend. Solche historischen Romane waren typisch für die Zeit des Nationalsozialismus. 

Bekannt ist außerdem über Nölle, dass er ein offizieller Vertreter der nationalsozialistischen Kulturpolitik war. Ab 1940 war er Landesleiter der Reichsschrifttumskammer für Westfalen und er soll sich, gemeinsam mit anderen regionalen Autoren, 1941 in der NS-Zeitschrift „Heimat und Reich“, dem „Zentralorgan der westfälischen Kultur- und Literaturpolitik“, deutlich zum Krieg bekannt und sich zu „Soldaten des Wortes“ erklärt haben. Zu seinen Schriften zählen auch kriegspropagandistische Erzählungen. 1944 wurde er mit dem Kulturpreis des Gaus Westfalen-Süd ausgezeichnet.

Reisen nach Skandinavien 

Ungeachtet dessen war er nach dem Ende des Nationalsozialismus wieder als Lehrer in Lüdenscheid tätig und veröffentlichte literarische Texte. Zumindest bis in die 1980er-Jahre wurden seine Werke in der Region gerne gelesen. Auf jeden Fall ist Nölle ein Beispiel für viele deutschsprachige Autoren, deren Schaffen durch den Einfluss des NS-Regimes stark geprägt wurde. 

Der vorliegende Reisepass wurde in Dortmund ausgestellt. Man erfährt unter den persönlichen Angaben über seinen Besitzer, dass er Schriftsteller, Brillenträger und von großer Gestalt war. Er hatte demnach ein längliches Gesicht und graue Augen. Gültigkeit hatte der Pass jeweils nur für wenige Monate – er wurde mindestens dreimal verlängert. Der Reisepass enthält unter anderem Stempel, die Reisen nach Skandinavien belegen – in das besetzte Dänemark, nach Finnland, das ab 1943 zu den Alliierten des deutschen Reichs gehörte, und nach Schweden, das im zweiten Weltkrieg einen besonderen Status pflegte. Die Einreise ins deutsche Reich erfolgte zum Beispiel über Warnemünde und den Flugplatz im estnischen Reval (heute Tallin).

Visa- beziehungsweise Ein- und Ausreisestempel dokumentieren die Reisen Nölles.

Schweden war während des gesamten Krieges darum bemüht, nicht in den Krieg hineingezogen zu werden. Das bedeutete Zugeständnisse an beide Seiten, vor allem aber an das nationalsozialistische Deutschland. Die Angst vor einer deutschen Invasion war groß. Die Regierung lavierte in der Außenpolitik zwischen allen Mächten, nicht zuletzt, um den Export aufrecht zu erhalten. Die Handelsbeziehungen gerade zu Deutschland waren lukrativ. Nichtsdestotrotz hat Schweden auch NS-Verfolgten, insbesondere Juden, Zuflucht geboten. Aber es gab auch Unterstützung für das NS-Regime, zum Beispiel durch die Lieferung von Rohstoffen für die Kriegsindustrie. Mit der Wende im Kriegsverlauf ab 1943 erfolgte eine zunehmende Annäherung an die Alliierten ohne die Beziehungen zu Deutschland aufzugeben.

Die Anlässe für Nölles Reisen sind nicht dokumentiert.

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