Ein nur scheinbar normales Foto

Zwei Kinder mit Kuscheltieren: Ein Detail verrät, warum dieses Foto so seltsam ist

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Der Junge aus Lüdenscheid mit seiner Schwester Silke. 

Das Foto aus einem alten Album zeigt einen Bruder und seine Schwester, die scheinbar jeder ein Kuscheltier im Arm halten. Doch ein Detail verrät, was an dieser Aufnahme seltsam ist. Die Augen scheinen zu leuchten. Das ist die Geschichte hinter dem Foto. 

Lüdenscheid - Vor wenigen Tagen wurden in der Lüdenscheider Innenstadt Waschbären entdeckt. Als Andreas Kappe die Fotos sah, fühlte er sich sofort in seine Jugend zurückversetzt. Denn statt eines Hundes bekam der damals Zwölfjährige von seinem Vater eine Waschbären-Dame geschenkt. Das tierisch-menschliche Duo brachte es in den 1970er-Jahren zu einiger lokaler Bekanntheit. 

Andreas Kappe besuchte damals die Wefelsohler Hauptschule. Seine Noten waren schlecht. Um den Sohn zu besseren Leistungen zu motivieren, versprach ihm der Vater einen Hund – wenn er einen bestimmten Notenschnitt erreichte. 

Andreas hatte sich einen Hund gewünscht

Andreas hatte sich schon immer einen Hund gewünscht und strengte sich in der Schule so sehr an, dass er seinem Vater im Sommer 1973 voller Stolz sein Zeugnis präsentierte. Das Problem: Mittlerweile hatte auch seine Mutter von dem Vater-Sohn-Deal Wind bekommen und sprach sich mehr als deutlich gegen einen Hund als neues Haustier aus.

 „Kurzerhand sind mein Vater und ich zum Wildgehege Mesekendahl gefahren. Die Waschbären dort hatten Nachwuchs bekommen. Mein Vater hat dann für 100 Mark einen jungen Waschbären gekauft“, erzählt Andreas Kappe, der von Bekannten nur „Zappa“ gerufen wird und in den 1980ern als Motorrad-Rennfahrer bei Deutschen Meisterschaften startete. 

Andreas Kappe mit "Chup" an der Leine. 

Sein neues Haustier taufte der junge „Zappa“ auf den Namen „Chup“. „Wir haben uns erstmal ein Buch über Pelztierfarmen gekauft. Wir wussten ja nicht, was wir füttern sollten“, erinnert sich der heute 61-Jährige. Die Tiere sind Allesfresser, doch der tierischen Feinschmeckerin wurden vor allem Obst, Kekse und Fleisch serviert – „ab und zu auch eine lebende Taube von einem Arbeitskollegen meines Vaters, als Chup älter wurde“, berichtet Kappe. 

Überhaupt das Älterwerden: Aus dem kuscheligen Fellknäuel wurde schnell ein echtes Wildtier, das auch aggressiv und giftig sein konnte. Nur wenn es etwas zu fressen gab, so erinnert sich der Lüdenscheider, war die Waschbären-Dame handzahm. Ansonsten galt: „Sie war mit Vorsicht zu genießen. Gehört hat sie nie.“

Im Viertel "bekannt wie ein bunter Hund"

In der Wohnung an der Berliner Straße 107 durfte „Chup“ nicht bleiben. Im Garten bauten Vater und Sohn deshalb einen Käfig. Das tat der Liebe des jungen Andreas keinen Abbruch. Intensiv kümmerte er sich in den Anfangsjahren um sein Haustier, ging jeden Tag mit „Chup“ an der Leine spazieren. Später berichtete die Lokalzeitung über das ungleiche Paar: Das Duo war in seinem Viertel bekannt „wie ein bunter Hund“. 

„Mit dem Waschbären an der Leine war man eine Attraktion in der Straße“, erinnert sich Andreas Kappe. Einmal begleitete ihn „Chup“ sogar in die Schule. Gemeinsam „pflückten“ sie auf dem Weg zur Fuelbecke-Talsperre Früchte von fremden Obstbäumen. Das Tier kletterte in die Äste hinauf und griff nach Äpfeln oder Birnen. Anschließend wurde die „Beute“ geschwisterlich geteilt.

An Weihnachten durfte die Waschbärin auch in die Wohnung. 

Irgendwie aber, fand der Heranwachsende, war die Waschbär-Dame nicht ausgelastet. 1976 nahm Familie Kappe deshalb noch ein von einem Jäger entdecktes Waschbär-Männchen im Garten auf – „Nicki“. Die Liaison allerdings blieb kinderlos.

Schon nach einem Jahr türmte „Nicki“ in die umliegenden Wälder. Waschbär-Dame „Chup“ starb im Alter von 17 Jahren in ihrem Käfig – nach einem sorgenfreien Leben.

Zwischenzeitlich gehört auch Waschbär "Nicki" zur Familie. 

Damals wie heute war die Haltung von Wildtieren wie Waschbären nicht gesetzlich geregelt oder gar verboten – so lange keine Gefahr im Verzug ist, ergab eine Nachfrage in der städtischen Pressestelle. 

„Jetzt, wo die Waschbären in Lüdenscheid wieder herumlaufen, würde ich jedem abraten, die Hand hinzuhalten“, warnt Andreas Kappe. Er selbst hat zahlreiche Narben davongetragen und weiß aus leidvoller Erfahrung: Vom niedlichen Äußeren sollte man sich nicht täuschen lassen.

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