Geschichte der Fotografie 

Kamera in Lüdenscheid produziert

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Das rechte Kameramodell, die Lindar, wurde in den 1950er-Jahren in Lüdenscheid entwickelt und hergestellt.

Lüdenscheid - Mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das tägliche Leben der Menschen in der noch jungen Bundesrepublik in vielen Bereichen. Unter anderem wurde die Fotografie immer mehr zu einem bedeutenden Medium, um nicht nur wichtige Ereignisse, sondern zunehmend auch alltägliche Begebenheiten und Begegnungen im Bild festzuhalten. Immer mehr Familien besaßen eine eigene Kamera. Fotografiert wurde inzwischen auf Rollfilmen. Zwei typische Kameras jener Zeit werden heute Teil des Virtuellen Museums.

Sie stehen exemplarisch für verschiedene Kameras im Fundus der Lüdenscheider Museen, die die Geschichte der Fotografie dokumentieren. Bei beiden Modellen handelt es sich um sogenannte Box-Kameras. Das ist eine besonders einfache Kamera für Rollfilme. Diesen Kameratyp gab es von 1900 bis 1970 zu kaufen, besonders populär war er bis Mitte der 1950er-Jahre.

Nach der Währungsreform kamen ab 1949 regelmäßig neue Modelle auf den Markt. Sie waren vergleichsweise günstig zu haben. Dies dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, dass die Fotografie den privaten Raum aller Bevölkerungsschichten immer mehr eroberte. 

Eine der beiden Kameras trägt deutlich sichtbar den Schriftzug „Imperial“ auf dem Objektiv. Auch wenn weitere Hinweise auf den Hersteller fehlen, liegt es nahe, dass es sich um ein im Carl Braun Camera-Werk Nürnberg gefertigtes Modell handelt. Die Firma war 1948 hervorgegangen aus der 1915 gegründeten Karl Braun KG, Fabrik optischer Geräte und Metallwaren, die Ferngläser und Halbfabrikate, auch für die Radioindustrie fertigte.

Produziert von Friedrich Linden, Lüdenscheid 

Zum Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg und der Währungsreform produzierte das Unternehmen Box-Kameras der Marke Imperial und Ideal. Die technisch insgesamt einfach gehaltenen Kameras besaßen zumindest die Möglichkeit, auf Langzeitbelichtung umzuschalten. Auch bei dem vorliegenden Modell sind die Positionen M (für Momentaufnahme) und Z (für Zeitaufnahme) zu erkennen. Bei letzterer bleibt der Verschluss offen, solange der Auslöser gedrückt ist.

Noch weitaus interessanter ist allerdings die zweite präsentierte Boxkamera: das Modell Lindar mit den eingekreisten Buchstaben F.L.L. auf der Vorderseite. Diese drei Buchstaben sind die Initialen desjenigen, der das Modell entwickelt und gefertigt hat: Friedrich Linden, Lüdenscheid. 

Kurzes Intermezzo in der Firmengeschichte 

Die Quellenlage über die offensichtlich kurze Phase der Kamera-Produktion in Lüdenscheid ist dürftig. Im Internet finden sich dazu wenige kurze Beiträge in englischer Sprache. Hinzu kommen einige weitere Suchergebnisse aus vorwiegend europäischen Ländern in verschiedenen Sprachen. 

Ein Beitrag stammt von einem Museum einer Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario. Aus dem Beitrag geht hervor, dass die Lindar-Kamera in den frühen 1950er-Jahren von Friedrich Linden in Lüdenscheid produziert wurde. Dieses Logo mit den drei Buchstaben auf der Vorderseite war demnach das Markenzeichen desjenigen Unternehmens, das während des Zweiten Weltkriegs unter anderem Militärabzeichen gefertigt hat. 

Aus einem anderen internationalen Eintrag geht hervor, dass die Kameraproduktion eine kurze Episode der Unternehmensgeschichte in der Nachkriegszeit gewesen sein muss – ein weiteres Beispiel für den Ideenreichtum und Erfindergeist der heimischen Industrie. 

Für längere Belichtungszeiten gab es auch für Boxkameras die Möglichkeit, Stative zu benutzen.

Denn schon bald wandte man sich erfolgreich wieder der Produktion von Emblemen zu, diesmal für die Automobilindustrie. Daher ist das Nachfolgeunternehmen heute vermutlich die Linden-Gruppe, die seit 2012 zur Heinze-Gruppe mit Sitz in Herford gehört. Linden hat immer noch einen Standort in Lüdenscheid und produziert und entwickelt oberflächenveredelte Kunststoffteile für die Automobilindustrie. Gegründet wurde die Firma Linden 1782 in Lüdenscheid. 

Mit der Lindar-Kamera konnten mit einem Rollfilm Bilder im für eine Boxkamera typischen 6x6-Format aufgenommen werden. Es gab ein zweites Kamera-Modell mit dem Namen „Linden Reporter“. Die Tatsache, dass sich zu diesen Kameras verschiedene Interneteinträge vorwiegend aus dem europäischen Ausland finden, legt nahe, dass sie vor allen international verkauft wurde.

Boxkameras gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie zeichneten sich durch ihre Einfachheit aus, was ihre Popularität in den ersten Nachkriegsjahren erklären dürfte – sie waren dadurch für viele Leute erschwinglich. So war beispielsweise die Verschlusstechnik auf das Notwendigste beschränkt. Erst als Mitte der 1950er-Jahre ganz neue Modelle in diesem Segment aufkamen, wie zum Beispiel die modern geformte Agfa Clack, sank der Absatz der Boxkameras deutlich.

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