Alzheimer-Drama macht Zuschauer betroffen

Im Rahmen der Veranstaltung „Familie und Demenz“ ehrte Günter Nyenhuis mit Famo-Initiator Willi Denecke und Filmautor Sieghard Liebe auch die Schülerinnen vom Scholl- und Zeppelin-Gymnasiums, die an dem Wettbewerb „Familie und Alter“ teilgenommen haben.

LÜDENSCHEID - Der Abspann verschwindet. Zurück bleibt eine leere Leinwand und – Stille. Viele Zuschauer in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums haben rote Augen, umklammern das Taschentuch und schauen ins Leere.

Schließlich fasst sich Günter Nyenhuis ein Herz und greift zum Mikrophon. Auch ihm, dem Initiator der Famo-Veranstaltung „Familie und Demenz“, fällt es offensichtlich nicht leicht, das soeben Gesehene zu kommentieren und in die angekündigte Diskussion einzusteigen.

Zu eindringlich waren die Bilder, zu ehrlich, von einer gnadenlosen Offenheit und Klarheit. Sieghard Liebe, der Autor des gezeigten Films „Du und ich – Leben mit frühem Alzheimer“, kommt Nyenhuis zu Hilfe. Und seine Aussagen sind so wie sein Film – sie hinterlassen Spuren beim Publikum.

Als Liebes Frau Monika im Jahr 2000 im Alter von 52 Jahren die Diagnose „Alzheimer“ bekommt, beginnt für das Ehepaar aus Leipzig eine in jeder Hinsicht intensive Zeit. Sieghard Liebe hält alles mit seiner Filmkamera fest. Alles! Die Besuche beim Arzt, die Versuche, mit seiner Frau über ihre Erkrankung zu sprechen, die letzten gemeinsamen Reisen nach Alaska und Mexiko, die Freude über die Dinge, die seine „Moni“ noch kann.

Dann der Beginn des langsamen Verfalls. Quälend sind die Einstellungen, in denen Sieghard Liebe seiner Frau immer wieder dieselbe Frage stellt: „Und wer bin ich?“ Ihre Antworten werden zörgerlicher, es gibt Tage, an denen sie die Frage offen lassen muss. Doch Sieghard Liebe steht seiner Frau zur Seite, hilft ihr – auch als sie zum letzten Mal ihre Arbeitsstelle besucht, um endgültig aus dem Berufsleben auszuscheiden.

Es folgen Krankenhausaufenthalte, die zunehmende Ruhelosigkeit gepaart mit einem schier unendlichen Bewegungsdrang Monikas. Die Einweisung in ein Pflegeheim ist eines Tages nicht mehr vermeidbar. Doch Sieghard Liebe nimmt all seine Kraft zusammen, zieht in das Wochenendhäuschen seiner Schwiegermutter und holt seine Frau jede Woche für fünf Tage aus dem Heim, pflegt sie 24 Stunden am Tag, allein, ohne Hilfe.

Diese versagt ihm sogar der Sohn, die Tochter ist ihm eine Stütze, aber mit einer eigenen Familie in Magdeburg gebunden und nicht immer abkömmlich. Und Monika läuft und läuft, auch nachts, draußen auf einer mittlerweile abgesperrten Wiese. „Eingepfercht wie ein Tier“, soll Liebe diese Einstellung im anschließenden Gespräch kommentieren. Dann: Der totale Zusammenbruch, das letzte Todesröcheln, das sich über fünf Tage und Nächte hinzieht.

Was bleibt zurück? Ein Mann, der seine Liebe bis zum Schluss gelebt und geliebt hat. Und der dazu auch die Menschen in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums aufruft, die in der eigenen Familie einen Alzheimer-Kranken haben. „Sie müssen daran denken: Die Kranken sind nicht mehr verantwortlich zu machen für ihre Handlungen. Haben Sie Geduld mit ihnen.“

Die Diskussion endet mit dem Beitrag einer Frau aus dem Publikum. Auch ihr Mann litt an Alzheimer – 15 Jahre habe sie ihn zuhause gepflegt. Unter Tränen erzählt sie, dass sie seit fünf Monaten ohne ihn sei – verwitwet. Doch dann ein zaghaftes Lächeln: Es gab auch schöne Momente, die sie um keinen Preis missen wolle.

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