28 Zugbegleiter im Amtsgericht

LÜDENSCHEID ▪ Keine Frage: Als regulärer Zahler würde der junge Mann zu den besten Kunden der Deutschen Bahn gehören: „Weil das so schön ist“, antwortet der 25-Jährige auf die Frage von Richter Thomas Kabus, warum er soviel Intercity fahre. „Wie suchen Sie sich die Städte aus?“, will der Richter wissen. „Die, die schön sind“, antwortet der Angeklagte. Am besten habe es ihm in München gefallen – „weil es dort schön ist“.

Schlichte Fragen, schlichte Antworten, denn das Amtsgericht Lüdenscheid wurde gestern Zeuge eines Prozesses, der nicht nur deshalb außergewöhnlich war, weil 28 Zugbegleiter zu der Sitzung geladen worden waren. Ihnen allen hatte der Angeklagte, der bundesweit am liebsten mit ICs und ICEs unterwegs gewesen war, keinen gültigen Fahrausweis vorlegen können. 77 Fahrten ohne Fahrkarte listete Amtsanwalt Lehmann auf, Richter Thomas Kabus kam sogar auf 79 Beförderungserschleichungen, wie das Schwarzfahren im Juristendeutsch heißt. Die Zeugen kamen deshalb aus Basel und Hannover, München und Berlin, Dortmund und Köln, Wildemann im Harz und vielen weiteren Orten. Es wurde bayrisch gesprochen und berlinert. Die Zahl derer aber, deren Aussage gefragt war, verminderte sich schlagartig auf zehn, als es darum ging, wer sich an eine Begegnung mit dem Angeklagten erinnern konnten. Fünf von ihnen sagten letztlich aus, berichteten von einem nie renitenten Beförderungserschleicher, der ihnen in der Regel die Kopie seines Behindertenausweises vor die Nase gehalten habe, um deutlich zu machen, dass er doch wohl besondere Rechte habe. Vor allem dann, wenn es darum ging, dass er nach seinen Ausflügen zurück ins Lüdenscheider Haus Hellersen, eine Behinderteneinrichtung, müsse. „Er kann keine Beförderungsverträge mit der Bahn abschließen“, erklärt sein Betreuer vor Gericht. Aber das ändert nichts an der Beförderungserschleichung. Immer sei der Reisende, dem die Gutachter „Schwachsinn“ attestieren, bestens im Bilde gewesen, wo er war und wohin die Reise gehen sollte, berichten die Zugbegleiter unisono.

Als „gewisse Denkleistung“ würdigt Richter Kabus, dass der junge Mann den „komplexen Sachverhalt“ sehr gut verstanden habe, dass sein Lieblingsbahnhof in Deutschland liegt, obwohl er den Namen einer schweizerischen Stadt trägt: Basel Badischer Bahnhof. Diese Intelligenz reicht für eine „eingeschränkte“ Schuldfähigkeit aus. Die Prozessbeteiligten bemühen sich, dem Angeklagten zu erklären, was ein Gefängnis ist. Richter Thomas Kabus verurteilt den 25-Jährigen zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung - vermutlich in der Hoffnung, dass es zu einer Inhaftierung nicht kommen wird. Der Bahn-Liebhaber verabschiedet sich mit einer Frage: „Darf ich noch mit der Regionalbahn fahren?“ ▪ thk

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