Mit viel Fingerspitzengefühl

Zohre Esmaeli - Einblick in die Gefühlswelt von Flüchtlingen

Zohre Esmaeli lernte bei ihrer Lesung auch Dr. Arnhild Scholten und BGL-Lehrerin Elisa Stoffers (v.li.) kennen, die ihr von der Mädchenschule in Estalef berichteten. „Ein tolles Projekt“, lobte Esmaeli den Einsatz des Vereins Eschan und seiner Helfer.

Lüdenscheid - „Flüchtlinge sind sehr aufnahmefähig. Sie gehen mit offenen Augen durch die neue Umgebung und nehmen alle Eindrücke sehr intensiv auf. Dabei schwingt auch immer Angst mit vor dem Neuen und den Menschen, auf die sie treffen.“

Zohre Esmaeli weiß, wovon sie spricht, hat sie doch nach ihrer Flucht mit ihrer Familie aus Afghanistan als 13-Jährige und der Zeit des Ankommens in Deutschland an Leib und Seele erfahren, wie das ist. In ihrem Buch hat sie darüber geschrieben. Im LN-Gespräch gab das heutige Modell einen Einblick in die Gefühlswelt von Flüchtlingen, schilderte Erwartungen und gab Tipps, wie der Zugang auf Menschen, die aus ihrer Heimat vor Not und Terror geflohen sind, möglich ist.

Sie erinnert sich an einen Arztbesuch mit ihren Eltern: „Der Arzt überging meine Eltern, sah sie nicht an, sprach über sie hinweg. Das hat mich irritiert und sehr weh getan.“ Jemand, der eine solche Profession habe, müsse doch auch mit Menschen umgehen können, dachte sie und war enttäuscht. „Man muss mit Herz helfen wollen“, sagt sie heute. „Ich habe zum Glück später viele Menschen kennengelernt, die so waren und werde ihre Hilfe nicht vergessen.“

Für ihre Eltern sei es ungleich schwerer gewesen, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. „Sie brauchten meine Hilfe. Dabei waren sie es doch in Afghanistan, besonders mein Vater, der sich um mich kümmerte.“ Der Rollentausch habe an seiner Würde gekratzt. Er habe sich abgekapselt.

Sich in den anderen hineinzuversetzen, erfordere viel Fingerspitzengefühl. Das gelte für die Flüchtlinge auf der einen wie für die Deutschen auf der anderen Seite. „Wir wissen zu wenig voneinander. Zum Beispiel haben der Ton der Sprache und die Gestik in Afghanistan eine große Bedeutung. Deutsche machen dagegen im Alltag oft einen verschlossenen Eindruck. Das Wesen und die Art sind anders.“ Das führe zu Missverständnissen.

Gleich am Anfang sei es daher wichtig, dass Sozialarbeiter, die die Mentalität der Flüchtlinge und ihre Geschichte kennen, als Vermittler aufträten. „Das möchte ich gerne fördern.“

In Lüdenscheid hat sich, wie berichtet, ein Runder Tisch gegründet, deren Teilnehmer angesichts einer zunehmenden Anzahl von Menschen, die hier Zuflucht suchen, helfen wollen. „Dabei spielt dieses Verständnis füreinander eine große Rolle.“

Verschiedene Kulturen seien nicht die Schwierigkeit. Es gehe um ein gesellschaftliches Problem, das man in Deutschland erst sehr spät angegangen habe – vielleicht auch aufgrund der Geschichte Deutschlands. „Aber man darf nicht immer nur an die Vergangenheit denken, sondern muss mutig und selbstbewusst in die Zukunft sehen“, sagt Zohre Esmaeli. Ihr hat es geholfen, auch wenn anfangs Ängste mit einhergingen. „Aber man muss positiv bleiben und denken. Das ist ganz wichtig.“

Von Martin Messy

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