Zölibat als „großartige religiöse Idee“

Pfarrer Johannes Broxtermann kennt die Kritik am Zölibat, wie jüngst in einer LN-Umfrage geäußert, und erklärt ihn deshalb aus seiner Sicht: „Die allererste Reihe bleibt frei für Gott.“

LÜDENSCHEID - Man hätte auch 15 oder noch mehr Leute fragen können, die Meinungen wären ähnlich gewesen, davon ist der Lüdenscheider Pfarrer Johannes Broxtermann überzeugt. „Weltfremd und überflüssig“  – das sei nun einmal das allgemein übliche Bild vom Zölibat. Gerade deswegen hat ihn die „Frage der Woche“ in den LN vom Donnerstag dazu bewogen, zu erklären, was den Zölibat für ihn ausmacht.

Nicht nur Jesus, Paulus oder Franz von Assisi, auch der evangelische Geistliche Roger Schütz, Mutter Theresa oder der Dalai Lama seien Beispiele für Menschen, die sich für eine zölibatäre Lebensform entschieden hätten. Insofern sei der Zölibat auch ein persönliches Zeichen, das Menschen zu der Frage herausfordern soll: „Warum lebt ihr so?“ – fast wie eine Provokation in der bürgerlichen Welt. Gleichzeitig sei der Zölibat in der katholischen Kirche nur ein Aspekt von dreien, die die „drei evangelischen Räte“ genannt werden. Dazu zählen außerdem die Entscheidung für einen einfachen Lebensstil anstelle von Besitz und das „Hinhören auf Gott“ anstelle des Strebens nach eigener Macht. Nur wenn diese drei Aspekte zusammen stünden, entfalte der Zölibat seine Geltung, erklärt Broxtermann. Das längst nicht alle Geistlichen so dächten und handelten, sei ihm bewusst. Aber für ihn selbst gelte der Zölibat nur im Sinne des Dienstes, nicht als „Elite-Muster der Herrscher“: „Ich hasse den Klerikalismus.“

Ebenso wie menschliche Beziehungen, Sexualität, Macht oder Besitz gute und berechtigte Werte seien, müsse die Entscheidung für die Ehelosigkeit akzeptiert werden, wenn sie selbst getroffen werde. „Ich versuche, die allererste Reihe im Leben freizuhalten für Gott.“ Das heiße nicht, dass das der einzige Weg sein müsse. Der Zölibat sei eine Möglichkeit, aber es gebe auch andere, wie die Ehe. „Die darf man nicht gegeneinander ausspielen.“ So wie es in der Ostkirche verheiratete Priester gebe, gebe es auch in der katholischen ein paar – rund 50 in Deutschland, sie waren bereits Geistliche, beispielsweise in der evangelischen Kirche, und verheiratet, bevor sie zum Katholizismus übertraten.

„Ich halte den Zölibat für eine großartige religiöse Idee“, sagt Broxtermann, aber er sei nicht der einzige angemessene Weg. Darüber „sollte auf jeden Fall freies Reden in der Kirche möglich sein“. Gerade in der heutigen sexualisierten Welt sei der Zölibat mit seinem hohen Anspruch sicher nicht einfach zu leben – aber eine Ehe sei das auch nicht immer.

Broxtermann erinnert daran, dass im Mittelalter das zölibatäre, klösterliche Leben für Frauen der einzige Zugang zu Bildung und Emanzipation war.

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