Ziemlich außerhalb – aber nicht im Abseits

brüninghausen - Es sind gut zwei Kilometer bis zum Stadtrand und etwa fünf bis zur Stadtmitte – Luftlinie. Der Ortsteil liegt ziemlich außerhalb. Und das Haus liegt ziemlich außerhalb des Ortsteils. Der letzte Bus kommt um 20 Uhr. Für junge Leute nicht gerade bevorzugte Wohnlage. Aber seit einem Jahr leben neun Kinder und Jugendliche in der ehemaligen Grundschule Brüninghausen, die jetzt Außenwohngruppe des Kinderheims Haus St. Josef ist.

Gruppenleiter Lutz Lüsebrink (36) und seine Frau Johanna wohnen mit ihren Schützlingen unter einem Dach – immerhin in einer abgeschlossenen Wohnung. Die Mädels und Jungs, zwischen acht und 18 Jahren jung, haben ihre Sachen in schmucken und hellen Einzelzimmern ausgebreitet. Das Badezimmer für die jungen Damen ist viermal so groß wie das der Burschen. Und die Nachbarn in dem Dörfchen „haben uns unheimlich gut aufgenommen“, sagt Lutz Lüsebrink. Alles in Ordnung also.

Vor kurzem kündigte ein Junge ihm an, mit dem Fahrrad losfahren und eine Forelle organisieren zu wollen. Ein Vorteil des Dorfes. Der Zehnjährige strampelte durchs Versetal zu Michael Kaiser. Der Fischwirtschaftsmeister lächelt. Der Kleine habe sich sehr höflich vorgestellt und gesagt, woher er kommt und was er will. „Er hatte nicht genug Geld, aber ich habe ihm trotzdem eine geräucherte Forelle mitgegeben.“

Ehrensache, dass der Fisch gerecht in der Gruppe geteilt wurde. Wie so vieles hier. Zum Beispiel der Drang vor allem der Älteren, in die Stadt zu fahren. Sich mit Freunden zu treffen. Eis zu essen, Kumpels einzuladen, Taschengeld auszugeben. Der Gruppenleiter sagt: „Alles normal, wir sind hier kein Waisenhaus, unsere Bewohner sind weder kriminell noch geistesgestört.“ Und manchmal sogar froh, so weit vom Schuss zu sein. Ein Mädchen aus Iserlohn, berichtet Lüsebrink, sei nach „belastenden Erlebnissen in einem schwierigen Umfeld“ in Iserlohn froh, hier endlich Ruhe zu finden.

Ein 16-Jähriger bekommt 50 Euro Taschengeld pro Monat, ein Achtjähriger 14 Euro. Die Tarife sind vom Jugendamt festgelegt wie die Kosten für die Unterbringung, Kleidergeld gibt’s dazu, Tickets für den Linienbus auch. Dass die behördlichen Vorgaben erfüllt und die pädagogischen Konzepte für die mittel- bis langfristige Unterbringung umgesetzt werden, dafür sorgen neben den Lüsebrinks vier Beschäftigte.

Sie arbeiten im Schichtsystem in der Wohngruppe. Und können doch nicht alle Bewohner vom Hierbleiben überzeugen. „Es gab anfangs zwei Mädchen aus dem Ruhrpott, das Jugendamt wollte sie aus ihrem Umfeld holen.“ Aber nach eineinhalb Wochen sei der „Dorfkoller“ gekommen. Die beiden haben so lange Druck gemacht, bis sie in Richtung Stadt wegziehen durften.

Die jungen Leute haben es sich nicht ausgesucht, in einer sanierten Dorfschule miteinander zu leben. So erzwungen die Gemeinschaft erscheint, so groß ist aber auch der Zusammenhalt – „fast wie in einer Familie“, sagt Lutz Lüsebrink. Heute fahren sie wieder zum Markt und kochen und essen gemeinsam. Beschützt, vor den Toren der Stadt – aber nicht im Abseits.

Olaf Moos

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