„Zielgerichtet und gut gesteuert“

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Lüdenscheid - „Vassili“ wird wohl nicht auf mildernde Umstände hoffen können. Trotz jahrelangen Drogenkonsums und Tablettensucht: Die Gutachterin Dr. Susanne Kowohl, Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, bescheinigt dem Angeklagten, bei seinen Verbrechen „planvoll, zielgerichtet und gut gesteuert“ gehandelt zu haben. Dr. Kowohl: „Er wusste, was er tat.“

Der Fall

Ein 29-jähriger Lüdenscheider ist wegen erpresserischen Menschenraubes und einer Reihe anderer Verbrechen angeklagt. Er soll seine Opfer systematisch bedroht, verletzt und um ihr Eigentum gebracht haben. Nach seiner Flucht nach Griechenland wurde er in Thessaloniki gefasst und den deutschen Behörden ausgeliefert. Der Prozess soll bis Mitte Januar dauern und wird am 6. Januar um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Von Olaf Moos

Der 29-Jährige hatte sich nach anfänglichem Zögern überraschend bereiterklärt, sich in der letzten Phase des Prozesses doch noch untersuchen zu lassen. Zwei Stunden lang, berichtet die Ärztin, habe sich der Mann im Gefängnis „offen und zugewandt“ zu seinen Lebensverhältnissen geäußert. Dreh- und Angelpunkt des Gesprächs waren demnach die Gewohnheiten des Lüdenscheiders im Umgang mit Rauschmitteln.

Nach anfänglichen Erfahrungen mit Alkohol und Haschisch griff „Vassili“ vor etwa fünf Jahren zu Kokain. Er sei damit „fit und gut drauf“ gewesen, habe er bei der Untersuchung erklärt. 20 bis 30 Stunden an einem Spielautomaten zuzubringen, war keine Seltenheit. Um wieder „runterzukommen“, fungierte Cannabis als Beruhigungsmittel, später seien immer mehr starke Beruhigungsmittel hinzugekommen, gefolgt von erneuter Leistungssteigerung durch Kokain.

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Finanziell richtig unter Druck geriet der Mann offenbar durch seine Angewohnheit, in Spielhöllen viel Geld in Automaten zu stecken und sich „fehlendes Geld auf Abwegen zu beschaffen“, wie Dr. Kowohl sagt. Und: „Ich kenne kaum eine Droge, die die Aggressivität so fördert wie Kokain.“ Es bestehe der Verdacht, dass die Taten mit dem Suchtmittelkonsum verknüpft seien, deshalb sei eine Therapie in einer Entziehungsanstalt zu empfehlen.

Derweil verdichten sich Hinweise, dass „Vassili“ noch mehr verbrochen hat als ihm Staatsanwältin Beatriz Föhring aktuell vorwirft. Durch die Aussage einer Sparkassen-Justitiarin taucht der Name einer Iserlohnerin auf, die angeblich rund 7000 Euro von ihrem Konto angehoben hat – Geld, dass von einem Opfer „Vassilis“ stammen könnte, einem Mann, der gezwungen wurde, für seinen Peiniger einen Kredit aufzunehmen. Ob die Kontoinhaberin erpresst wurde oder mit dem Angeklagten gemeinsame Sache gemacht hat, wird ihre Aussage zeigen.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9.30 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

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