Zertrümmerte Glasscheibe: Phänomenta im Rechtsstreit

Schülerin stoppt Foucaultsches Pendel: Phänomenta zieht vor Gericht

Phänomenta-Geschäftsführer Torsten Schulz und der technische Leiter Gert von Schemm an der zertrümmerten Glasscheibe.
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Phänomenta-Geschäftsführer Torsten Schulz und der technische Leiter Gert von Schemm an der zertrümmerten Glasscheibe.

Der Besuch einer Schülergruppe aus Duisburg hatte im Januar 2019 erhebliche Folgen für die Phänomenta in Lüdenscheid. Vor dem Landgericht geht es nun nicht allein um den finanziellen Schaden, sondern vielmehr um grundsätzliche Haftungsfragen.

Lüdenscheid - Der Besuch einer Schülergruppe aus Duisburg im Januar 2019 in der Phänomenta blieb nicht folgenlos: Eine von sechs Glasscheiben, die den Besucherraum vom Foucaultschen Pendel trennt, war anschließend zertrümmert.

Eine erste Aufklärung des Hergangs ergab, dass ein Schüler sich so weit über die Absperrung gebeugt hatte, dass er das Pendelseil zu fassen bekam. Er hatte offenbar Glück, dass der zusätzliche Schwung, den er der schwingenden Kugel mehrfach versetzte, noch keinen Schaden anrichtete. Erst nachdem eine Mitschülerin sich der aus dem Takt geratenen Kugel annahm, kam es aufgrund des verlängerten Pendelweges zu einem folgenreichen Zusammenstoß mit der Glasscheibe.

Die Phänomenta-Stiftung wandte sich zunächst an die Stadt Duisburg, um eine Regulierung des Schadens auf den Weg zu bringen. Als diese Bemühungen scheiterten, reichte die Stiftung im Landgericht Hagen Klage gegen die mutmaßliche Verursacherin des Schadens in Höhe von rund 10 450 Euro ein. Zieladresse war letztlich die Haftpflichtversicherung der Eltern der Zwölfjährigen.

Diese Klage wurde vom Landgericht jetzt aber abgewiesen: Richterin Dr. Bettina Wendlandt kam nach Anhörung mehrerer Zeugen zu dem Ergebnis, dass die Schülerin die Kugel nach der Aktion ihres Mitschülers lediglich in eine „normale“ Bahn lenken wollte. Dabei sei sie ihr aus der Hand geglitten. Für die damals 12-Jährige sei es aus Sicht des Gerichts nicht vorhersehbar gewesen, dass durch ihr Eingreifen zur „Rettung“ der Situation der Schaden erst entstehen würde. Sie habe daher nicht schuldhaft gehandelt und müsse somit nicht haften.

Die Phänomenta blieb durch dieses Urteil zunächst auf dem gesamten Schaden sitzen. Es gehe der Stiftung nicht darum, Schüler vor Gericht zu zerren, betonte Phänomenta-Geschäftsführer Torsten Schulze im Gespräch mit den LN. „Wir wollten die Zeugenaussage nicht.“ Befragt wurden die Kinder auf Antrag der Beklagten, nachdem ein Vergleichsvorschlag gescheitert war: Hätte die Gegenseite diesen akzeptiert, hätte die Phänomenta 70 Prozent des Schadens übernommen.

Schon dieses Angebot macht deutlich, dass es den Phänomenta-Verantwortlichen weniger um Geld als um ganz andere Fragen geht. Der Fall werfe grundsätzliche Fragen zur Haftung sowie zu den Sicherheitsmaßnahmen und Warnhinweisen an den Experimentierstationen auf, erklärt Torsten Schulze. Zur grundsätzlichen Klärung will die Phänomenta gegen das ergangene Urteil in Berufung gehen.

Die Lehrer, die die Klasse begleitet hatten, sahen sich offenbar nicht in der Pflicht: Zwölfjährige seien mündig und könnten sich deshalb bei einem solchen Ausflug selbständig bewegen. Da an jenem Morgen nur eine Klasse in der Phänomenta zu Besuch war, ließ sich aus dem Kaffeekonsum in der Cafeteria auf den einstweiligen Zeitvertreib der Lehrer schließen.

Hier stellt sich die erste Frage: Ist es rechtlich zulässig, dass Lehrer eine ganze Klasse von Zwölfjährigen unbeaufsichtigt durch die Phänomenta toben lassen? Wenn das so sein sollte: Welche Sicherheitshinweise muss die Phänomenta an ihren Stationen anbringen? Torsten Schulze spricht von einer möglichen „amerikanischen Lösung“. Dort müssen bekanntlich auch ziemlich absurd klingende Verbraucherhinweise des Typus „Trocknen Sie Ihren frisch gebadeten Hamster nicht in der Mikrowelle!“ erteilt werden. In der Phänomenta müsste an einer schwingenden Metallspirale dann theoretisch ein Warnhinweis stehen, dass man die Metallwindungen nicht zerschneiden, sondern nur in Schwingungen versetzen darf.

Inzwischen gibt es Warnhinweise

Inzwischen gibt es orangefarbene Warnhinweise: „Nicht das Pendel oder die Schnur berühren“, heißt es am Foucaultschen Pendel. „Glasbruchgefahr! Nicht über die Absperrung steigen. Verletzungsgefahr!“ Auf die Tücke solcher Warnhinweise, die es 2015/16 schon einmal gab, weist der technische Leiter Gert von Schemm hin: Die Warnung am Foucaultschen Pendel habe Besucher „erst auf die Idee gebracht, in den Schwungweg zu greifen“.

Wie weit muss man die Sicherheitsvorkehrungen in einem interaktiven Technikmuseum, in dem „jeder an jedes Exponat gehen kann“, also treiben? Was hat es für Konsequenzen, wenn die Phänomenta für jeden Blödsinn, den Besucher an ihren Stationen anstellen, haftbar gemacht wird? „Wie müssen wir damit umgehen, wenn die Kinder machen dürfen, was sie wollen?“, fragt Torsten Schulze.

Bei einer derart umfassenden Haftung sieht er schwarz: „Dann können wir zumachen. Die Phänomenta lebt davon, dass sich Kinder vernünftig und sorgfältig benehmen.“ Er wünscht sich deshalb ein Präzedenzurteil zur grundsätzlichen Klärung zweier Fragen: „Was dürfen Kinder, und was dürfen wir?“ Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis im Oberlandesgericht Hamm erneut verhandelt wird.

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