Dramatische Szenen in der Karibik

"Mein Schiff": Zauberer aus MK sitzt bei Corona-Beginn auf Kreuzfahrtschiff fest

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Bevor es auch für ihn in den Lockdown ging, bescherte Berufszauberer Timothy Thomson Kreuzfahrtgästen vor Mittelamerika magische Momente.

Lüdenscheid - Dramatisch ging seine letzte Kreuzfahrt zu Ende. Und doch hofft Berufszauberer Timothy Kahler, bald wieder an Bord gehen zu können.

„Das war alles ziemlich schräg“, sagt der Lüdenscheider Berufszauberer Tim Kahler alias Timothy Thomson. Und doch schielt er jetzt bereits mit einem Auge in Richtung der nächsten Kreuzfahrt. Dramatisch ging seine jüngste Reise zu Ende. 

Vom „Endless Summer“ vor Westindien in die gespenstische Stille des Frankfurter Flughafens. Von magischen Momenten in den deutschen Shutdown. Im Februar machte sich der Lüdenscheider auf, um mit dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff“ durch die See vor Mittelamerika zu fahren.

 „An solch eine Buchung zu kommen, ist schwierig. Meistens geht das über Empfehlungen anderer Kollegen“, sagt der Magier, der das Glück hatte, für einen Kollegen einspringen zu können. Tagsüber sitze man wahlweise in seiner Kabine bei der Nach- und Vorbereitung der abendlichen Show. Man hilft bei Landausflügen mit seinen Sprachkenntnissen, sieht eine Menge oder liegt einfach nur tagsüber am Strand. Ein Berufsleben, das sich durchaus aushalten lässt. 

Ende Februar tourt „Mein Schiff“ auf Kreuzfahrt vor der Küste Mittelamerikas. „Klar haben wir über Facebook gelesen, dass da irgendwas zuhause passiert. Ein Virus aus China, in Deutschland gibt’s kein Klopapier mehr und so. Das war alles weit weg. Aber bei uns war Urlaubsstimmung“, erinnert er sich, dass urplötzlich die Häfen, die angesteuert werden sollten, geschlossen wurden, obwohl die Corona-Fallzahlen vergleichsweise niedrig waren. Ein Hafen nach dem anderen – „wir waren oft noch das letzte Kreuzfahrtschiff, das überhaupt noch anlegen durfte.“ 

Dann kam der Tag, an dem von jetzt auf gleich gar nichts mehr ging: „Wir waren fünf Tage auf See, dann durften wir unplanmäßig auf Barbados anlegen!“ Barbados mit einem Flugplatz, der, so Thomson, „vielleicht so die Größe von Dortmund hat.“ Tausende gestrandeter Kreuzfahrt-Urlauber wollten und sollten nach Hause. 

Für den Inselstaat in den Antillen eine Art Rollkommando. 162 Quadratkilometer klein, einen einzigen Flughafen in Bridgetown, knapp zwölf Flugstunden vom heimatlichen Deutschland entfernt. Am 22. März, erinnert sich Thomson, seien die Urlauber der 12 oder 13 Kreuzfahrtschiffe auf Barbados gestrandet, wurden mit einer Polizeieskorte in einen separaten Hangar am Flughafen gebracht, bloß keinen Kontakt zu anderen: „Das war einfach nur ein Riesenchaos mit manueller Abfertigung und fünf Stunden Wartezeit.“ 

Die Dramatik der sich abzeichnenden Corona-Lage wurde wohl erst im spanischen Ersatzflieger Richtung Frankfurt klar. Personal mit Gummihandschuhen, Atemschutzmasken an Bord, keine Verpflegung – „wer da nicht ordentlich gefrühstückt hatte, dem ging es am Ende nicht wirklich gut.“ Die Landung in Frankfurt dann gespenstisch. 

Thomson: „Wir sind ja aus dem Urlaub in den Lockdown geflogen. Das war dann schon alles ganz schön abgefahren, so allein auf dem Flughafengelände in Frankfurt. Und auch die ersten Tage zuhause – alles rennt quasi vor einem weg.“ 

Spritsparend seien die Kreuzfahrtschiffe auf wochenlangen Touren auf See schließlich über Spanien wieder nach Deutschland geholt worden, weiß der Lüdenscheider. Und auch, dass inzwischen kleinere Kreuzfahrten wieder möglich sind: „Da wird dann die Crew auf Schiff 4 in Quarantäne geschickt, damit sie später mit Schiff 1 fahren kann.“ Allerdings eher in nordischen Gefilden und ohne Landgang. 

Sommersonne und Urlaubsfeeling vor Mittelamerika ist durch Corona in weite Ferne gerückt. Trotzdem will der Lüdenscheider wieder an Bord. Industriekaufmann hat er gelernt, 2017 ist er in die professionelle Zauberei gewechselt. Offiziell, so sagt er, könne man wohl mit Blick auf Corona wieder ab Oktober an Bord, „aber das entscheidet sich in den nächsten Wochen“. Bis dahin hält sich der Magier mit Zauberei in heimatlichen Gefilden über Wasser wie „Lünsch Magisch“ beim CVJM oder die Cinemagic-Veranstaltungen wie im Filmpalast an der Werdohler Straße. 

„Der Vorteil an Cinemagic sind die kurzen Kontaktwege. Da könnte man vielleicht sogar eine größere Tour planen. Einmal im Quartal könnten wir uns vorstellen. Selbst die großen Filmverleiher geben ja nicht einmal mehr Daten an, wann ein Film in die Kinos kommt. Das zeigt ja bereits die Dramatik für die Kinos auf. Die können nur ältere Filme zeigen“, hofft Thomson für sich und seine Kollegen auf weitere Engagements in den umliegenden Kinosälen. 

Kleinere Folgebuchungen habe es schon gegeben – „Im Moment hilft ja alles. Man darf halt nur nicht in Vergessenheit geraten!“ So richtig reich wird man mit den Zaubershows nicht. Die Vorbereitung, die Werbekosten, die Shows selbst – alles refinanziert sich durch den Preis für die Eintrittskarten – „das rechnet sich nicht unbedingt. Es ist schwierig, aber aktuell ist’s auch nicht mehr ganz so grausig wie bei der langen Durststrecke vor acht Wochen.“ 

Zurück in seinen alten Beruf will der Lüdenscheider nicht: „Die Corona-Schutzverordnung lässt kleinere Shows zu, aber da traut sich da ja kaum ein Veranstalter ‘ran. Die Fördermittel werden langsam weniger, und für uns Künstler ist das Hobby, Leidenschaft und Überleben.“

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