Der Musiker mit den zwei Gesichtern

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„Weil damals in einer Band ein Bass gebraucht wurde, habe ich damit halt angefangen. Am Bass fühle ich mich wohlsten, denn es ist ein schönes, unterbewertetes Instrument“, sagt Patrick Gajda, der statt des klassischen Vier- einen Sechssaiter spielt. ▪

LÜDENSCHEID ▪ „Elesârge“, „KleinstadtChaoten“, „Gore“, „Paragraph 08/15“ und „Zugabe“: Bei all diesen Bands spielte er als festes Mitglied oder als Aushilfe Bass. Stil: Hardcore und Punkrock.

Seit knapp einem Jahr ist er bei „Allein der Tag“ für das rhythmische Grunddumpfen verantwortlich. Stil: Experimenteller Postrock. Patrick Gajda hat einige Male den Proberaum gewechselt, zahllose Konzerte gespielt – und ist seit rund elf Jahren ein fester Bestandteil der lokalen Musikszene. Das ist sein bekanntes Gesicht, das „Band-Gesicht“: Ein Instrument, unterschiedliche Genres. Sein zweites Gesicht ist das des Solomusikers, des kaum bekannten Multi-Instrumentalisten, der sich dem Gothic Metal verschrieben hat.

„Dieser Stil“, sagt Patrick Gajda, „ist meine musikalische Konstante.“ Die ist seit 2003 Teil seines Lebens. Aus einer Vorliebe für Bands wie „Subway To Sally“ und „In Extremo“ und einer Laune heraus unter dem bedeutungslosen Namen „In Ol Vendo“ gegründet. Seit 2004 heißt das Ein-Mann-Projekt „RacheEngel“. Was in diesem Genre einerseits nach Klischee klinge, andererseits aber den Charakter seines Musikstils, den Wechsel zwischen harten und fast schon zerbrechlich klingenden Passagen, passend beschreibe.

Gajda ist Lead- und Background-Sänger zugleich, spielt E-Gitarre, Keyboard und natürlich Bass. Das Spielen der Instrumente hat er sich selbst beigebracht. Lediglich am Dudelsack ist der Autodidakt bislang gescheitert. Das lärmintensivste Instrument, das Schlagzeug, programmiert er am heimischen Computer.

An dem hat Gajda auch seine bisherigen vier, jeweils in kleiner Auflage erschienenen Longplayer eingespielt. Dem 2004 veröffentlichten Debüt „Herzleid“ folgten „Sternenhimmel“ (2006), „Nordwind“ (2009) und „Sündenfall“ (2012). Die fünfte CD soll den Titel „Ascheregen“ tragen und ist für das kommende Jahr geplant. An seinem bisherigen musikalischen Konzept will Gajda festhalten: Auch das neue Album soll in zehn Songs die Geschichte einer neuen fiktiven Hauptperson erzählen. Irgendwann sollen die einzelnen Handlungsstränge der musikalischen Horror-/Fantasy-Erzählung auf einem Album ineinander verlaufen.

Wenn der Vorteil

zum Nachteil wird

„Ich lasse mich viel von Literatur inspirieren“, verrät der Lüdenscheider. Die größte Angst des Texters, die Schreibblockade, habe ihm bislang nie Probleme bereitet. Im Gegensatz zu musikalischen Arrangements. „Man hat immer mindestens einen Gitarren- oder Keyboard-Part oder eine Gesangsmelodie im Kopf, woraus sich dann ein Song ergibt“, erklärt der 26-Jährige. Fügen sich diese Einzelteile aber mal nicht zu einem Lied zusammen oder gibt es unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten, könne er beim Songwriting auch so lange auf der Stelle treten, dass Ideen in der Schublade landen oder ganz verschwinden müssten.

„In solchen Momenten“, sagt Gajda, „habe ich anders als im Proberaum eben nicht den Luxus, mit mehreren Personen an einer kreativen Lösung arbeiten zu können.“ Eben dieser Nachteil sei zugleich aber auch der größte Vorteil seines Ein-Mann-Projekts, denn „Kompromisse mit einem Stück, die einem in einer Band schon mal schwerfallen können, muss ich nicht eingehen.“

Immerhin steckt ihm das Genre Gothic Metal keine engen musikalischen Grenzen: Mittelalter- und orchestrale Klänge, auch elektronische Einflüsse gehören dazu. „Gothic Metal ist eine sehr schöne musikalische Spielwiese, um sich auszutoben“, erzählt der Lüdenscheider.

Wie seine Musik am Ende klingt, hat er zu einhundert Prozent selbst in der Hand, weil er seine Songs via Home-Recording am PC nicht nur eigenhändig einspielt und einsingt, sondern auch abmischt. „Die Qualität der Programme ist enorm gestiegen, was gleichzeitig bedeutet, dass man auch in die Produktion der Songs eine Menge Arbeit steckt“, sagt Gajda.

Das Resultat kriegen in erster Linie Familienmitglieder und enge Freunde zu hören – und diejenigen, die sich auf seine Homepage „verirrt und da eine CD bestellt haben“, erklärt der 27-Jährige.

Hoher Anspruch

an sich selbst

Den Traum, mit seinem Solo-Projekt bekannt zu werden, habe er aufgegeben. „Ich setze mich nicht unter Druck.“ Nichtsdestotrotz hat er einen hohen Anspruch an sich selbst: Nachdem seine dritte CD in Musikmagazinen „alles andere als bombig“ bewertet worden war, steckte er umso mehr Leidenschaft in die Arbeit an dem vierten Silberling – mit Erfolg: „Sündenfall“ sei in Szene-Zeitschriften wie „Orkus“ auf ein generell positives Echo gestoßen. Für Gajda Lohn der umfangreichen Mühen.

Ein weiterer Nachteil seines Ein-Mann-Projekts: Auf eine Bühne wird er es wohl nicht schaffen. „Das wäre schön, aber ein Riesenaufwand, für den ich mindestens sechs Musiker bräuchte, um es richtig rüberzubringen. Dafür fehlen mir momentan Lust und Energie.“ Auf der Bühne kann er sich aber trotzdem austoben. Weil er der Musiker mit den zwei Gesichtern ist. ▪ Sven Prillwitz

http://www.rache-engel.net

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