"Made in Sauerland"

Der ungeplante Welterfolg mit Gin aus Lüdenscheid

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Matthias Czech (links) und Till Brauckmann sind die Köpfe von "Woodland Dry Gin".

Die schönsten Erfolge sind die völlig ungeplanten. Was ursprünglich als Marketing-Gag gedacht war, ist mittlerweile ein international erfolgreiches Produkt: der Woodland Dry Gin aus Lüdenscheid. Was ist da passiert? Mit den Machern Matthias Czech und Till Brauckmann sprach Redakteur Willy Finke.

Wie kam es zur Geburt des Lüdenscheid-Gins? 
TILL BRAUCKMANN: Wir haben ursprünglich überlegt, was wir als Agentur fürs Sauerland tun können. Zentraler Aufhänger war unser Buch „Sauerlandität“, das jüngst erschienen ist. Der Gin war – in Anführungsstrichen – ein ähnliches Produkt. 

Wieso ausgerechnet Schnaps, wieso ausgerechnet Gin? 
BRAUCKMANN: Wir wussten, dass viele weltweit führende und international bekannte Unternehmen im Sauerland sitzen. Zum Beispiel Falke-Socken. Wir haben uns gefragt: „Wieso weiß keiner, dass die hier sitzen?“ 

Und wie lautete die Antwort? 
MATTHIAS CZECH:  Ganz einfach: Weil’s nicht draufsteht! Da müsste irgendwo „Sauerland“ draufstehen. Die einzige Firma, die das macht, ist Metten mit seinen „Dicken Sauerländern“. 

Von der Wurst zum Gin ist es aber ein weiter Weg. 
CZECH:  Klar. Wir haben ein Produkt gesucht, das in der Welt funktionieren kann, das ein bisschen lifestylig ist und den Absender „Sauerland“ trägt. Da wir selber gerne Gin trinken und Gin seit einigen Jahren eine immer größere Aufmerksamkeit erhält, fanden wir, es sei naheliegend, einen Sauerland Dry Gin zu machen. 

Also haben Sie das Ganze vom Marketing her aufgezäumt und nicht vom Produkt? 
BRAUCKMANN: Genau. Wir sind an das Projekt bewusst mit der Perspektive herangegangen. dass es auch international funktionieren muss. Das zeigt schon die englische Namensgebung. Wir wollten es nicht zu sperrig machen. So sind wir auf „Woodland“ gekommen, was das Sauerland in einem Wort beschreibt. 

Es sollte also ein Gin sein. Und der musste ja auch schmecken... 
CZECH:  Deshalb haben wir uns den WDR-Fernsehkoch Olaf Baumeister vom Hotel Seegarten in Sundern dazugeholt. 

Warum gerade er? 
CZECH:  Weil er selbst mit Sauerländer Zutaten kocht, sogar Sauerland-Sushi. Er hat mit seiner Koch-Erfahrung dann auch ganz neue Aspekte ins Brennen hineingebracht. Woodland ist zum Beispiel der einzige Gin, für den Löwenzahnwurzeln verwendet werden. 

Was für eine Geschmacksidee hatten Sie denn? 
CZECH:  Wir wollten einen sehr gefälligen Gin haben. Er sollte so gut schmecken, dass man ihn pur genießen kann –nicht zu blumig und auch nicht zu kräuterig – und dass er natürlich auch nachgekauft wird. 

Wie erreicht man diesen Geschmack? 
BRAUCKMANN:  Wir haben anfangs mit 30 bis 40 Botanicals, die wir als typisch für das Sauerland erachtet haben, herumexperimentiert. Darunter war auch Löwenzahnblüte. Davon hatten wir uns viel versprochen, weil sie beim Kochen sehr mild, weich, fast süßlich ist. Aber als Destillat war die total seifig. So sammelt man seine Erfahrungen. 

Und... 
CZECH:  ...geht schließlich zum Brenner. In diesem Fall war das Klaus Wurm von der Märkischen Spezialitäten-Brennerei in Hagen-Dahl. Er war sofort Feuer und Flamme und hat für uns 30 bis 40 Botanicals einzeln destilliert.

Dann wurde es also allmählich ernst? 
BRAUCKMANN: Bei der Entwicklungsverkostung standen 30 bis 40 Flaschen mit den einzelnen Destillaten vor uns. Wir haben angefangen mit Nosing-Gläsern und Pipette: ein Tröpfchen hiervon, zwei Tröpfchen davon – und immer wieder probieren. Nun kam Olafs große Stunde. Als geübter Abschmecker – zum Beispiel auch für die Amecke-Fruchtsäfte – konnte er sehr zielgerichtet vorgehen. Wir dagegen waren schon in der dritten oder vierten Runde abgehängt, weil wir die Unterschiede kaum noch wahrnahmen. 

Und damit war der Woodland Dry Gin geboren? 
CZECH:  Nein, noch nicht ganz. Nach diesem ersten Termin haben wir noch zweimal nachjustiert, bis wir so richtig zufrieden waren. Als Neutralalkoholbasis haben wir uns für den sehr hochwertigen Weizenalkohol entschieden. Dieser ist besonders arm an Fuselölen und Stoffen. 

Wann wurde der Gin auf den Markt gebracht? 
CZECH:  Anfang Juli 2017. 

Welche Absatzerwartungen hatten Sie? 
BRAUCKMANN: Optimistisch gerechnet sind wir davon ausgegangen, im ersten Jahr 2500 Flaschen zu verkaufen. Ein vergleichbares Produkt aus dem Schwarzwald, Monkey 47, hatte im ersten Jahr 2600 Flaschen abgesetzt. Dann ist aber so die Post abgegangen, dass die 2500 Flaschen nach fünf Wochen weg waren und wir mitten in der Sommerferienzeit nicht nachliefern konnten. Auf so etwas waren wir überhaupt nicht eingestellt. 

Wie viele Flaschen wurden es dann letztlich seither? 
BRAUCKMANN: Nicht 2500, sondern 30 000! Das bedeutet aber auch, dass wir uns keine Lieferengpässe mehr leisten können. Unsere größeren Kunden können wir nicht einfach mit einem „Oh, sorry!“ vertrösten, dann fliegen wir sofort aus deren Sortiment. 

Dann sind Sie also jetzt schon reich? 
CZECH:  Jeder Euro, den wir bisher hereinbekommen haben, wurde reinvestiert. Von uns hat bisher noch niemand auch nur einen Cent verdient, weil wir erst einmal die Voraussetzungen dafür schaffen mussten, auch plötzlich hinzukommende neue Großkunden beliefern zu können. Wenn einer 10 000 Flaschen haben möchte, muss er die bekommen können, ohne dass es gleich zu Engpässen kommt. 

Haben Sie dieses Ziel erreicht? 
BRAUCKMANN: Ja, wir haben jetzt wirklich große Reserven, und ein Ende des Verkaufs-Booms ist nicht absehbar. Mittlerweile exportieren wir unter anderem nach Österreich und in die Schweiz und sogar nach Singapur. Dort ist unser Gin schon in der Getränkekarte einer bekannten Bar aufgeführt. Ganz besonders stolz sind wir darauf, dass es im weltbekannten Maritimen Museum in der Hamburger Speicherstadt Woodland als einzigen Gin zu kaufen gibt. Für das Museum haben wir sogar eine eigene Verpackung entwickelt. 

Wie sieht es denn im Inland hinsichtlich Großkunden aus? 
CZECH:  Wir sind bei Edeka Rhein-Ruhr und im Norden sowie bei einigen großen Rewe-Händlern gelistet. Wichtig für uns sind aber auch die Fachhändler, die man nur durch persönliche Besuche erreicht. Woodland gibt es in fast allen deutschen Großstädten. 

Also stehen die Zeichen ganz klar auf Wachstum. Wird es auch neue Produkte geben? 
BRAUCKMANN:  Seit einiger Zeit gibt es auf Bitte etlicher Händler unsere Miniaturflaschen. Im Weihnachtsgeschäft hat sich zudem unser auf 1000 Stück begrenzter „Limited Edition Distillers Cut“ sehr gut verkauft. Diesen Gin gibt es immer noch in der besonders starken „Navy Strength“-Version mit 57,14 Prozent Alkoholgehalt statt der sonst üblichen 45,3 Prozent. 

Was kostet der Spaß? 
CZECH:  Die Flasche ist in Seidenpapier eingewickelt und wird in einer exklusiven Holzkiste geliefert. Macht 79,90 Euro. Der normale Gin kostet 37,90 Euro. 

Und das lässt sich alles noch bei Ihrem Brenner in Hagen stemmen? 
BRAUCKMANN:  Es wird allmählich eng. Gebrannt werden soll und muss natürlich weiter in Hagen-Dahl. Die Lagermöglichkeiten sind dort aber beschränkt, sodass wir schon nach Lüdenscheid ausweichen. Hier in Lüdenscheid haben wir ein Zolllager. Das ist natürlich alles ein logistischer Wahnsinn. Der Schnaps, den wir in Lüdenscheid lagern, muss dann wieder nach Hagen-Dahl zur Verpackung und zum Versand.   

Das kann ja eigentlich kein Dauerzustand sein? 
CZECH:  Korrekt! Lüdenscheid ist ganz wichtig und gesetzt für uns. Deshalb führen wir mittlerweile Gespräche, um in Lüdenscheid eine Location für Woodland zu etablieren. Im Moment ist es ja sogar noch so, dass unsere Agentur David & Goliath teilweise als Lager herhalten muss. Selbst in den Autos der Vertriebler lagert der Gin. 

Das alles ist neben der eigentlichen Arbeit in Ihren Agenturen noch zu schaffen? 
CZECH:  Ja, aber es wird allmählich eng. Wir sind jetzt soweit, wie wir es eigentlich erst in fünf oder sechs Jahren sein wollten. Das geht nur, weil unsere Agenturmitarbeiter Fans sind und teilweise noch neben und nach ihrem eigentlichen Job für Woodland arbeiten. Wir werden aber in diesem Jahr jemanden einstellen müssen, der fulltime für uns tätig ist. Anders geht’s nicht mehr. 

Warum soll es denn unbedingt Lüdenscheid sein, das Sauerland ist doch groß? 
CZECH:  Lüdenscheid ist die Stadt, in der wir großgeworden sind. Gerade in der Anfangszeit von Woodland waren wir zudem begeistert davon, wie die örtlichen Händler mitgezogen haben. In Lüdenscheid, der Stadt der Skeptiker, haben wir die meisten Verkaufsstellen und Fans. Darüber freue ich mich noch viel mehr als darüber, dass man uns in Singapur kaufen kann. 

Sie sind also überzeugte Lüdenscheider? 
CZECH: Ja, und wir wollen möglichst viel in Lüdenscheid lassen. Eine mobile Bar hat für uns der Lüdenscheider Tischler Dennis Lewandowski gebaut. Unsere Prospekte kommen von der Lüdenscheider Druckerei Seltmann.

BRAUCKMANN: Ganz wichtig ist uns auch, dass die Zutaten weiterhin aus dem Sauerland kommen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. 

Warum? 
BRAUCKMANN:  Ein Beispiel: Eine absolute geschmacksprägende Besonderheit bei Woodland ist, dass wir Brennessel und Sauerampfer aus frischem Blatt destillieren. Als wir Anfang 2018 das nächste Batch produzieren wollten, gab es nach dem langen und kalten Winter im Sauerland keine Brennesseln mehr. Da mussten wir für ein Heidengeld von dem Gastronomie-Großhändler Rungis Express mehrere Kilo Brennesseln bestellen. Das war für Rungis gar nicht so einfach, weil die Gastronomie Brennesseln normalerweise nur in homöopathischen Dosen ordert und nicht kiloweise. 

Inzwischen sind Sie ja sogar mehrfache Preisträger? 
BRAUCKMANN:  Wir gehörten im Jahr 2018 in der Tat zu den meist- und höchstausgezeichneten Gins der Welt. Wir haben eine Platin-, sechs Gold-, sechs Silber- und einige Bronzemedaillen gewonnen. In der vergangenen Woche kam Gold beim World Gin Award in London hinzu. 

Das spornt an? 
BRAUCKMANN:  Sicher. Für dieses Jahr haben wir uns auch viel vorgenommen. Wir werden wieder auf mehreren Messen vertreten sein, unter anderem auf der ProWein in Düsseldorf. Dort wollen wir auch ein neues Produkt vorstellen. 

Apropos Messen: Sie waren 2018 auch auf der Bar Convent Berlin (BCB)? 
CZECH:  Oh ja. Für uns als Startup-Unternehmen war so ein Messestand auch ganz schön teuer. Da haben sich die Leute gewundert, dass sich die frechen Sauerländer zwischen all die etablierten Firmen mischen. Dass wir die Musik anmachen, obwohl man das nicht darf. 

Wie fühlt man sich da als Neuling? 
CZECH: Ach, wir versuchen den Markt halt mit der Bodenständigkeit des Sauerlands aufzumischen. Du musst das Produkt, das du verkaufen willst, als Person transportieren – durch die Musik, die du spielst, durch die Klamotten, die du trägst. Wir verhalten uns einfach so, wie wir auch sind. Aber Messen sind ausgesprochen anstrengend.  

Inwiefern? 
CZECH:  Die ProWein zum Beispiel fängt morgens um 9 Uhr an. Du trinkst den ersten Gin um 10. Das musst du. Du kannst dem potenziellen Kunden nicht sagen: „Kannste mal probieren, aber ich trinke nicht mit?“ Dann machst du um 11 Uhr das erste Gespräch mit Rumänen in Englisch. Da hast du dann schon ein bisschen Gin drin. 

Klingt hart. 
CZECH:  Das ist wirklich anstrengend. Aber du musst auch gegen Abend noch Gespräche führen – auch auf Französisch, Polnisch oder Italienisch. Da ist keiner mehr richtig nüchtern, auch von den Kunden nicht. Aber die machen dann noch richtig große Geschäfte, auch mit uns. Und wir stoßen dann mit Woodland auf Woodland an.

Einen guten Whiskey oder Cognac vergewaltigt man nicht mit Cola. Wie ist es beim Woodland Dry Gin – trinken ihn die Kunden eher pur oder als Gin Tonic? 
CZECH: Grundsätzlich schafft man es, mit einem süßen Tonic jeden schlechten Gin zu übertünchen. Einige unserer Kunden sind Gin-Fans mit 100 verschiedenen Sorten im Regal. Und von denen haben wir schon früh gehört: „Woodland ist einer der wenigen Gins, die man pur trinken kann“. 

Und wenn es dann doch Tonic sein soll? 
CZECH:  Dann darf es natürlich keiner sein, der unseren Gin versaut. Es ist also sehr wichtig, welchen Tonic man nimmt, damit unser Gin immer noch durchkommt. Es sollten zuckerarme, also Dry Tonics, sein. Diese enthalten fünfmal mehr Chinin als die meisten gängigen Sorten. Warum das so ist, wissen wir gar nicht so genau. 

Können Sie bestimmte Marken empfehlen? 
CZECH: Vor allem Fever Tree Indian und Schweppes Dry – das ist der mit dem silbernen Etikett. Wer eine Geschmacksvariante sucht, dem sei noch Fever Tree Mediterranean ans Herz gelegt. Selbst der einfache Schweppes passt, wobei er von der Perlage und Süße etwas zu stark ausgeprägt ist. Thomas Henry dagegen schmeckt einfach nicht mit unserem Gin. Warum – das können wir auch nicht erklären. Da wir aber von einem Genussmittel reden, kommt es letztlich nur auf den individuellen Geschmack an. 

Welche Trinktemperatur sollte man wählen? 
BRAUCKMANN:  Sowohl der Gin als auch das Tonic Water dürfen Zimmertemperatur haben. Den Gin Tonic sollte man aber über einen ziemlich großen, massiven Eiswürfel, der langsam taut, eingießen.

 

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