Risse in der Gesellschaft

Publizist warnt vor Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus

Der Wirtschaftspublizist Dr. Wolfgang Kessler war am Dienstag in der St. Joseph und Medardus-Kirche in Lüdenscheid.
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Der Wirtschaftspublizist Dr. Wolfgang Kessler war am Dienstag in der St. Joseph und Medardus-Kirche zu Gast.

Wie sollen wir nach der Coronakrise weiterleben und -arbeiten, und was können wir von der Pandemie lernen?

Lüdenscheid – Das waren die zentralen Fragen, auf die der hessische Wirtschaftspublizist Dr. Wolfgang Kessler am Dienstag in der St. Joseph und Medardus-Kirche eine Antwort gab. 25 Interessierte besuchten trotz Fußball-EM die Gemeinschaftsveranstaltung von ÖDP, Weltladen, Friedensgruppe, Pfarrei St. Medardus, evangelischem Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg und Leserinitiative Publik-Forum.

Die Pandemie nicht nur als Krise sehen, sondern als Chance, andere Wege zu beschreiten, war die Kernaussage des Wirtschaftswissenschaftlers. „Die Wünsche der Menschen nach einer Rückkehr zur Normalität sind verständlich“, betonte er.

Dabei würde jedoch ignoriert, was das Virus deutlich gemacht hat. Der Entwicklungshilfe-Minister Gerd Müller habe es auf den Punkt gebracht: Die Pandemie sei ein Weckruf an die Menschheit, mit Natur und Umwelt anders umzugehen. Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus müsse aufhören.

„Das Virus führt die Risse in der Gesellschaft vor Augen“, unterstrich Dr. Wolfgang Kessler. Die Kluft zwischen Armen und Reichen komme zum Vorschein.

Auch die Privatisierungswelle der letzten 25 Jahre mache sich bemerkbar. Gesundheit und Pflege seien zu einer Ware gemacht worden. „Inzwischen besitzen Finanzinvestoren und Großkonzerne 45 Prozent der Krankenhäuser und 25 Prozent der Pflegebetten“, nennt er Zahlen. Kliniken müssten die Kosten niedrig halten, überall würde gespart, es fehle an Personal. Das wussten viele, doch jetzt fiele es allen auf.

Unser Wohlstand basiere auf geringen Löhnen, billigen Rohstoffen und der Zerstörung der Umwelt. Wir wüssten jetzt, der Preis dafür sei hoch. Nach der Finanzkrise vor gut zehn Jahren seien viele Forderungen gestellt worden, von der Finanztransaktionssteuer gegen Spekulanten, das Verbot von Leerverkäufen, Beschränkungen des Hochfrequenzhandels und deutlich mehr Eigenkapital für Banken. Bereits seit Anfang der Pandemie räche sich, dass nur wenig davon umgesetzt wurde.

Doch Kessler skizzierte auch Lösungen: „Jetzt wäre die Zeit für eine Kindergrundsicherung von 450 Euro pro Kind. Es braucht höhere Sätze für Hartz IV und einen Mindestlohn von bis zu zwölf Euro“. Ein bedingungsloses Grundeinkommen sei keine Lösung, dafür aber ein bedingtes bis zum Sommer 2022 für Soloselbstständige, Kulturschaffende und bedürftige Rentner. Ab 2022 sollten Besserverdienende einen größeren Teil der Schuldenrückzahlung übernehmen. Ein neues Finanzierungsmodell für Krankenhäuser sei nötig. Zur gerechteren Finanzierung der Kranken- und Pflegeversicherung könne Österreichs Bürgerversicherung als Vorbild dienen. Man dürfe auch nicht zur alten Wachstums- und Verschmutzungswirtschaft zurückkehren, sondern müsse eine nachhaltige, zukunftsfähige Ökonomie aufbauen.

Den Vortrag von Dr. Wolfgang Kessler gibt es auf dem Youtube-Kanal der ÖDP Märkischer Kreis zum Nachschauen.

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