Wolfgang Bosbach plaudert über „tolle Zeit“

+
Wolfgang Bosbach diskutierte mit den Lüdenscheidern.

Lüdenscheid - Politiker haben es nicht leicht: „Politik ist das lange und langsame Bohren dicker Bretter. Sie erfordert Leidenschaft und Augenmaß“, urteilte einst Max Weber. Wolfgang Bosbach legte am Mittwoch beim Lüdenscheider Gespräch im Kulturhaus noch was drauf auf die Bretter: „In Wirklichkeit muss man sich durch ganze Wälder wühlen“, sagte der CDU-Politiker, der in den bundesdeutschen Talkshows mit Wolfgang Kubicki (FDP) um die Krone der meisten Einladungen zu ringen scheint.

Auf Einladung des Instituts für Biographie und Geschichte der Fernuniversität Hagen plauderte der streitbare Bundestagsabgeordnete aus Bergisch Gladbach über Politiker und ihre Wähler, die Lage der Bürgerrechte nach den Abhörskandalen, die sogenannten Euro-Rettungsschirme und vieles Andere.

Wer anderer Meinung als seine Fraktion ist, sollte Mumm haben und sein Abstimmungsverhalten vorher preisgeben, verteidigte Bosbach nicht den Fraktionszwang, wohl aber die Fraktionsdisziplin. Dreimal habe er anders abgestimmt als seine Fraktionskollegen, blickte er zurück auf 20 Jahre im Bundestag. Seine 40 Jahre als Politiker seien „unter dem Strich eine tolle Zeit“ gewesen, auch wenn das Ansehen von Politikern in der veröffentlichten Meinung „nur knapp über dem von organisierten Kriminellen“ liege.

Doch diesem Eindruck setzte Bosbach den regen Austausch mit den Wählern entgegen, die sich 10 000 Mal im Jahr bei ihrem Abgeordneten auf verschiedenen Wegen melden. „Das ist der wichtigste Teil meiner Arbeit“, sagte der Politiker und erklärte, warum die Wähler für ihn so wichtig sind: „Die Unterstützung zuhause macht den Abgeordneten unabhängig.“ Will sagen: Wer über eine Reserveliste ins Parlament einzieht, ist seiner Partei in ganz anderer Weise verpflichtet als jener Abgeordnete, den seine Wähler mit einem Direktmandat ausgestattet haben.

Kritisch äußerte sich der Politiker über die Zwänge, die der Kampf um Aufmerksamkeit in den Medien mit sich bringe. „Bei Beratungen hinter verschlossenen Türen wird weitgehend sachlich und konstruktiv zusammengearbeitet.“ Das gelte über alle Parteigrenzen hinweg. Doch wehe, wenn sich die Türen wieder öffnen und das knackige Statement in ein Mikrofon gefragt sei. Überraschend bestätigte der Insider Bosbach die Wahrnehmung des Publikums gegenüber dem, was in den politischen Arenen so alles stattfindet: „So wie Sie glauben, dass Politik ist, so ist sie auch!“

Die Besucher des Lüdenscheider Gesprächs zeigten sich auch gegenüber diesem Gast als sehr diskussionsfreudig. Es wurde über das Freihandelsabkommen mit den USA, über die Lage in der Ukraine, die Zukunft der Rentenkassen und die Europapolitik teilweise kontrovers diskutiert. Alles ging ein bisschen quer durch den Garten, doch auf seine staatsmännisch ruhige Art präsentierte Wolfgang Bosbach viel Wissenswertes in einem erneut spannenden Lüdenscheider Gespräch. - Von Thomas Krumm

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare