Wissenschaftler referiert: Vielfalt gegen die Einfalt

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Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow von der Uni Siegen (links) und Bürgermeister Dieter Dzewas.

Lüdenscheid - „Vielfalt, aber wie? – Überlegungen zum Verhältnis von Mobilität und Diversität zur Stadtgesellschaft“ lautete das Thema eines Impulsreferates mit Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow von der Uni Siegen.

Zu ihm hatte die Integrationsagentur des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg in den Roten Saal des Kulturhauses eingeladen.

Evangelia Kasdanastassi von der Integrationsagentur begrüßte Diakoniepfarrer Dr. Christof Grote sowie Bürgermeister Dieter Dzewas, der ein Nachwort sowie eine Stellungnahme zum Vortrag lieferte.

Mobilität und Vielfalt nehmen in den Stadtgesellschaften immer weiter zu und entwickeln sich mehr und mehr zu einer Chance für eine dichte, gemischte und nachhaltige Urbanität. „Der Ausgangspunkt meiner Betrachtungen ist nicht die Einwanderung, sondern vielmehr die inklusive Stadt, an der alle in ihr lebenden Menschen auf Augenhöhe beteiligt sind“, erklärte dazu einleitend der Referent und lenkte den Blick auf die urbanen Stadtquartiere (Wohnviertel).

„Das dichte und gemischte Quartier, in dem verschiedene Ethnien zusammenleben, ist dabei so etwas wie ein urbanes Labor, in das immer wieder neue Mobilitäts- und Vielfältigkeitsaspekte eingearbeitet werden, die zunächst in ‘Zwischenräumen’ arrangiert und schließlich nach und nach integriert werden“, erklärte Bukow. Was bislang als neu oder anders empfunden wurde, werde schrittweise einbezogen.

Auf diese Weise, so Prof. Bukow, führe Einwanderung grundsätzlich zu einer Modernisierung einer funktionierenden Stadtgesellschaft und setze Ressourcen für neues Wissen und Kompetenzen frei. Anders sehe es dagegen in anders strukturierten, sozial und funktional entmischten Quartieren aus. „Diese können schnell zu einem Problem werden“, betonte der Referent „denn hier entstehen schnell untereinander abgeschottete Gemeinschaften, die sich der urbanen Dynamik entziehen.“ Mit anderen Worten: Gettobildungen und Abschottungen können im urbanen Raum zu Konflikten führen.

In gemischten Vierteln entwickeln sich dagegen auf Inklusion und Veralltäglichung abzielende Alltagsroutinen, die zu gegenseitiger Akzeptanz der verschiedenen Individuen und Ethnien führen kann. „Die Menschen entwickeln alltägliche Fähigkeiten im Umgang mit dem anderen und nutzen diese ständig neu“, betonte Bukow. Die Fähigkeit des lebenden sozialen Systems zur erfolgreichen Diversität und Mobilität basiere auf einer wie selbstverständlich praktizierten urbanen Logik, wobei die Vernetzung aller wichtigen Handlungsroutinen notwendig sei. Die urbane Alltagswirklichkeit müsse zu einem der praktischen Vernunft geschuldeten routinisierten und ritualisierten Handeln nach dem Motto „Leben und Leben lassen“ führen.

Im Anschluss an die Ausführungen des Referenten legte Bürgermeister Dieter Dzewas im Rahmen einer Diskussionsrunde noch einmal seine Sicht auf die Flüchtlingsproblematik und die Einwanderung dar. Dzewas teilte Prof. Bukows Ansicht im Bezug auf die Gefahren der Gettobildung, wenn zum Beispiel bestimmte Jugendeinrichtungen nicht mehr besucht würden, weil sich in ihnen überwiegend Angehörige bestimmter Gruppen aufhalten.

Sowohl Dzewas als auch Bukow vertraten die Meinung, dass Integration bereits im Kindergarten gelebt und vermittelt werden müsse. Schließlich brachte ein Besucher der Veranstaltung deren Fazit mit einer einfachen Feststellung auf den Punkt: „Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt.“

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