Kommentar zu Weihnachten

Das wird man eben nicht sagen dürfen

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Wie gehen die Lüdenscheider mit den Flüchtlingen um? Dies ist das Thema unseres Weihnachtskommentars.

Wer früher „Volkes Stimme“ hören wollte, der ging in die nächste Eckkneipe und ließ sich von trinkgesichtigen Schlaubergern die Welt erklären. Er ging dann meist schnell wieder hinaus. Ernüchtert.

Heute ist das noch einfacher. Ein paar Mausklicks nur am heimischen PC. Schon befindet man sich in einem der „sozialen Netzwerke“ wie Facebook. Und wünscht sich in internetlose Zeiten zurück.

Was sich gegenwärtig selbst in völlig seriösen Facebook-Gruppen abspielt, spottet häufig jeder Beschreibung. Das Thema „Flüchtlinge“ bietet sich offenbar geradezu für Wortmeldungen an – immer schön nach dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ oder auch „Wir haben ja wohl noch Meinungsfreiheit in Deutschland“.

Wohlgemerkt: Wir reden hier gar nicht von den überzeugten Neonazis, deren Statements man am besten schlichtweg ignoriert oder den Strafverfolgungsbehörden meldet. Die Rede, liebe LN-Leser, ist von unserem stets lustigen Kumpel aus dem Kegelclub, von der netten Mutti aus der Krabbelgruppe oder vom immer freundlichen Schrauber in der Autowerkstatt. Diese Menschen sind keine Nazis. Aber das, was sie in Facebook kundtun, bereitet schleichend den Boden für rechtsradikale Ideologen.

Ein einziges Beispiel soll an dieser Stelle ausreichen. Da fragt eine Dame aus Lüdenscheid bei Facebook, wo sie denn gebrauchtes Geschirr und Hausrat für Flüchtlinge abgeben könne. Sie bekommt postwendend Antwort von einer Anderen: „Beim STL!“ (Anmerkung der Redaktion: Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb Lüdenscheid). Niedertracht braucht nicht viele Worte.

Auf weitere Beispiele verzichten wir an dieser Stelle bewusst, um den Urhebern derartiger herz- und hirnloser Hetzereien nicht auch noch ein Forum zu bieten.

Man muss übrigens zur Ehrenrettung der Gruppen-Administratoren sagen, dass bösartige Beiträge dieses Kalibers meist sehr schnell wieder gelöscht werden.

Aber Löschen ist auf Dauer keine Lösung. Es gilt, Zeichen zu setzen. Es gilt, solch widerlichem Gedankengut offensiv entgegenzutreten – ob in der Kneipe oder bei Facebook. Wer sich derart menschenverachtend äußert, der soll nicht noch im Glauben leben, damit für die schweigende Mehrheit zu sprechen. Und der soll gerade in diesen Tagen, gerade zu Weihnachten, keine Chance bekommen, sich selbst auch noch für einen Christen zu halten.

Wer im übrigen auf die armen Menschen herabblickt, die seit Monaten Sicherheit und Geborgenheit bei uns suchen, der sollte sich in Erinnerung rufen, dass wir alle pures Glück haben, in einem so reichen Land wie Deutschland zur Welt gekommen zu sein. Dies ist kein Verdienst, dessen wir uns rühmen können. Dies ist nichts, auf das wir stolz sein dürfen. Wir sind keine besseren Menschen als die Zuwanderer aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Wir haben aber die Pflicht, das Beste aus der jetzigen Situation zu machen.

Und es gibt ja zum Glück durchaus sehr viele Lüdenscheiderinnen und Lüdenscheider gleich welchen Glaubens und welcher Weltanschauung, die genau dies tun. Die in den vergangenen Monaten mit angepackt haben, die für die Flüchtlinge zur Stelle waren. Diese Mitbürger stehen mit ihrem Handeln in einer großen Tradition. Deutschland hat schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg schon einmal bewiesen, dass es sogar unter weit schwierigeren Umständen als heute in der Lage ist, selbst Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen bestens zu integrieren.

Daran hat jüngst auch Bundespräsident Joachim Gauck erinnert: „Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen“. Beherzigen wir die Worte Joachim Gaucks! Handeln wir alle im Sinne desjenigen, dessen Geburt wir heute feiern!

Im Sinne des Flüchtlingskindes Jesus Christus.

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