„Wir sind Fensterhandwerker, bitte!“

LÜDENSCHEID ▪ Die ersten Handwerker sind angerückt. Zwei Männer. Sie nehmen sich jedes einzelne Fenster der Humboldt-Villa vor. Der Auftakt der Sanierung des 1913 errichteten herrschaftlichen Hauses ist was für Spezialisten.

„Ah, die Fensterbauer“, hallt es zur Begrüßung durch die Flure. Volker Marten und Frank Nischik heben die Augenbrauen. „Fensterhandwerker, bitte! Wir sind Fensterhandwerker.“

Die beiden tun in ihrem Berufsleben seit zehn Jahren nichts anderes als deutschlandweit Fenster zu restaurieren, vornehmlich in Baudenkmälern. Und sie haben Aufträge satt, denn: „Wir sind die einzigen in Deutschland.“

Isolierverglasung? Kunststofffenster? Gummilippen? Neue Technologien? Nichts von alledem! Die Kunst der Reparatur, die Kultur der Erhaltung und Pflege alter Fenster und – ganz wichtig auch – die Verwendung von reinem Leinöl und Leinölfarben, das sind die Qualitätsmerkmale des echten Fensterhandwerks. Und das kommt aus Schweden, berichtet Volker Marten. „Dort sind sie uns Deutschen weit voraus.“

Die Erkenntnisse der Spezialisten lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Etwa so: „Die Instandsetzung eines alten Bestandes ist oft günstiger als neue Fenster. Die Materialqualität der alten Fenster übertrifft die von neuen Fenstern. Neue Fenster reduzieren den historischen Wert eines Gebäudes. Fachlich richtig restaurierte Originalfenster erhalten die einzigartige Erscheinung eines Gebäudes. Bund, Länder oder Gemeinden gewähren in vielen Fällen finanzielle Unterstützung für den Erhalt eines historischen Fensterbestandes. Die bauphysikalischen Eigenschaften eines historischen Fensters entsprechen den Bedürfnissen eines historischen Gebäudes. Durch den geringeren Rahmenquerschnitt bei historischen Fenstern fällt mehr Licht in den Raum.“

Diese Grundsätze hat Marco Nipkow, Koordinator der Komplettsanierung der Humboldt-Villa, verinnerlicht. Und erhält höchstes Lob von den beiden „Extremisten“. Frank Nischik sagt: „Herr Nipkow ist lernfähig und -willig. Der idealste Bauherr, den wir je hatten.“

Denn der Lüdenscheider lässt den beiden ihre Überzeugung – und hätte wohl auch keine andere Wahl. Denn die Euphorie und die Liebe zum alten Detail ist auf der Baustelle spürbar. Wie sie die Farbe entfernen, nur thermisch, ohne Chemie. Wie sie die Scheiben sachte herausoperieren und für den späteren Einbau nummerieren. Wie sie die Rahmen richten und sanft mit Leinöl behandeln – all das duldet keine Eile. Die Fensterhandwerker selbst, samt ihren behutsamen Bewegungen und fast verliebten Blicken auf ihre Werkstücke, erscheinen wie Denkmäler.

Dass sie, die Exoten unter den Schreinern, den Verein „Leinöl im Handwerk“ gegründet haben und bundesweit Lobbyarbeit für den Werkstoff betreiben, ist da schon wieder hochmodern. - omo

www.leinöl-im-handwerk.de

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