Lüdenscheider Gespräch

Islamkritiker Abdel-Samad über den Umgang mit der Flüchtlingssituation

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Hamed Abdel-Samad mischte sich zunächst unter die Zuschauer.

Lüdenscheid - Schon 2010 prognostizierte der aus Ägypten stammende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad auf der letzten Seite seines Buches zum „Untergang der islamischen Welt“ Bürgerkriege, Chaos und die größte Migrationswelle der Geschichte. Er sollte Recht behalten.

„Damals war ich ein Panikmacher. Wer die Entwicklungen im Nachhinein nutzlos analysiert, ist ein Experte“, scherzte der Deutsch-Ägypter beim Lüdenscheider Gespräch im vollbesetzten Roten Saal des Kulturhauses. Dass er nur noch unter erheblichen Sicherheitsmaßnahmen öffentlich auftreten kann, sah Abdel-Samad gelassen: „Ich muss für meine Freiheit einen sehr hohen Preis bezahlen, aber ich bereue das nicht.“

In sein Hohelied auf die freiheitlichen Errungenschaften Europas mischten sich kritische Bemerkungen zum Umgang mit der Flüchtlingskrise. „Schizophren und heuchlerisch“ sei die europäische Politik und deren offenkundige Ungerechtigkeit im Umgang mit den Flüchtlingen: „Warum verdient einer, der 5000 Euro an einen Schlepper bezahlt hat, die Aufnahme mehr als jemand, der mit nichts in der Tasche in Todesgefahr ist?“

In der Praxis bedeute der derzeitige Kurs vor allem eine Zusammenarbeit mit einer Türkei, die mit den Kurden „die aufrichtigsten Kämpfer gegen den IS“ bombardieren. Weil Europa sich „zu fein“ für Mauern gegen die Flüchtlinge sei, wolle man die Türkei für diese Drecksarbeit gewinnen. Letztlich erkaufe man sich Ruhe für das angeschlagene europäische Gewissen durch ein paar mehr Dixi-Klos und ein bisschen mehr zu essen in den türkischen Auffanglagern.

Moral in der Flüchtlingsfrage sei gut, um das Leid der Menschen zu lindern: „Ich habe großen Respekt für alle Menschen, die Flüchtlingshilfe organisieren.“

Doch Politik müsse auch vernünftig sein, und daran mangele es vor allem wegen der Kurzatmigkeit der Reaktionen auf die derzeitige Situation. „Wir haben eine Million Menschen mit Teddybären beworfen, und dann überlassen wir sie ihrem Schicksal.“ Was für Handlungsweisen sollen aber aus der Beobachtung folgen, dass Flüchtlinge an vielen Orten an Bevölkerungen „ausgeliefert“ werden, „die sie nicht haben wollen“. Sollen alle ins relativ tolerante Nordrhein-Westfalen? Und Angela Merkel vorzuwerfen, weder Europa, noch ihre Partei, noch ihre Koalition im Griff zu haben, mag in einer schwierigen Situation wohlfeil sein. Abdel-Samad verwies in diesem Zusammenhang auf einen anderen Kanzler: „Ich denke, Helmut Schmidt hätte sein Amt längst zur Disposition gestellt.“

Empört zeigte sich der Deutsch-Ägypter über Geldzahlungen an konservative Islam-Verbände, damit diese sich um Flüchtlinge kümmern, die vor den Auswüchsen des intoleranten Islam geflüchtet sind. Statt diese Menschen an konservative Islamverbände auszuliefern, müssten ihnen Wege in die Freiheit und Emanzipation aufgezeigt werden. Außenpolitisch kritisierte Abdel-Hamad nicht nur die menschenverachtenden Deals mit der Türkei, sondern auch den deutschen Waffenhandel mit Ländern des Nahen Ostens – auch mit Saudi-Arabien.

Ungeschoren blieben auch die Vereinigten Staaten nicht: Ohne einen gangbaren Plan, was nach Saddam Hussein kommen solle, hätten sie den Irak ins Chaos gestürzt – mit gravierenden Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten. Mit den Folgen wollten sie nun nichts mehr zu tun haben: Gerade mal 10 000 Flüchtlinge hätten die USA aufgenommen.

Lebendig war anschließend die Diskussion, in der es um verschiedene Themen ging: Die demographische Entwicklung in den islamisch-arabischen Ländern und die Frage nach den Motiven für Hamed Abdel-Samads neues Buch „Mohammed – eine Abrechnung“: „Was mich bewegt hat, ist die Unantastbarkeit dieser Figur. Ich sehe nicht ein, warum eine Person, die vor 1400 Jahren gestorben ist, Immunität besitzt. Nicht einmal zeichnen darf man ihn. Als freier Mann lehne ich diese Haltung ab.“

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