Nächtliche Schwertransporte

Windräder nehmen Umweg durch Lüdenscheid

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Lüdenscheid - Wenn die Stadt schläft, kommen die Riesen-Trucks: In beinahe jeder Nacht rollen derzeit Schwerlasttransporte durch Lüdenscheid. Dabei liegt die Bergstadt eigentlich gar nicht auf der Route. Doch weil die Brücken auf der A45 marode sind, müssen die Transporte teilweise hunderte Kilometer Umweg fahren – und am Ende direkt durch Lüdenscheid.

Der Schwerlasttransport und die Begleitfahrzeuge in der nächtlichen Stadt sind ein imposanter Anblick. Ein solcher Konvoi traf am frühen Donnerstagmorgen um 0.10 Uhr in Lüdenscheid ein. Geladen hatten die zwei Sattelschlepper Elemente für ein Windrad, das derzeit in Rölvede, in der Nähe von Schalksmühle-Hülschede an der A45, gebaut wird. Dabei handelte es sich um sogenannte Turmsektionen, also Teile des Windrad-Turms, an dem Nabe und Rotorblätter angebracht werden. Sie stammen aus Magdeburg, von wo sie am 5. November auf die Reise gingen.

Beide mehr als 50 Tonnen schweren Transporte sollten ursprünglich über die A45 geleitet werden. Doch seitdem in der vergangenen Woche an der alten Autobahnbrücke Brunsbecke weitere Schäden festgestellt wurden, lässt Straßen.NRW nur noch Fahrzeuge mit einem Gewicht von 44 Tonnen durch. Zuvor lag die Grenze hier bei 60 Tonnen. Für den Windrad-Produzenten und Lieferanten Enercon ein Problem: Für den bereits genehmigten Transport musste eine neue Route gefunden werden.

Von Lüdenscheid-Mitte durch die City bis zurück zur Raststätte Kaltenborn

Diese führt nun von Magdeburg über Münster, Essen, Düsseldorf, Köln und Olpe nach Lüdenscheid. Von der Ausfahrt Lüdenscheid-Mitte geht es dann über die Werdohler Straße und Lennestraße zurück auf die A45 bis zur Raststätte Kaltenborn. Dort werden die Elemente auf einen Spezialtransporter umgeladen, der auch die engen Kurven bis zum Zielort auf 438 Meter bei Rölvede meistern kann.

Nach Angaben der Lüdenscheider Polizei sind mehr als 50 Schwertransporte nach Rölvede angemeldet. Ein 107-Tonnen-Transport der Windrad-Nabe steht noch aus. Auch die Rotorblätter werden erst später angeliefert. Lüdenscheid kann sich auf mehrere Transporte einstellen. Auch für die Nacht zum Freitag war wieder ein Transport angemeldet.

Zunehmende Schwierigkeiten durch schlechte Straßen

Die Zeit drängt, schon jetzt liegt die ausführende Firma Enercon leicht hinter dem Zeitplan zurück. Hauptgrund ist der Sanierungsstau auf vielen Straßen und insbesondere auf der A45, wie Enercon-Sprecher Felix Rehwald betont. „Das ist ein Beispiel für die zunehmenden Schwierigkeiten, die wir durch die schlechten Straßen in Transport und Logistik haben.“

Ursprünglich sollte die 180 Meter hohe Windkraftanlage vom Typ E-126-EP3 (Nennleistung 3,5 Megawatt) in direkter Nachbarschaft zur Autobahn Ende des Jahres fertiggestellt sein. Betreiber ist die Ruhrwind III GmbH&Co.KG mit Sitz in Hagen. Das Unternehmen hatte auch eine Genehmigung für ein 240 Meter hohes Windrad, entschied sich schließlich aber für die kleinere Enercon-Variante. Dieses Modell verhindert, dass sich im Winter Eis an den Rotorblättern festsetzt.

Polizei wurde von Aufgabe befreit

Schwertransporte dürfen in Nordrhein-Westfalen und in vielen anderen Bundesländern nur in der verkehrsarmen Zeit von 22 bis 6 Uhr durchgeführt werden. Noch bis in den Sommer 2018 musste jeder Transport von der Polizei begleitet werden. 

Aufgrund des akuten Personalmangels wurden die Polizeibehörden von dieser Aufgabe befreit. Seitdem werden die Konvois von privaten Firmen angeführt, deren Mitarbeiter besonders geschult sind. Die Polizei im Märkischen Kreis führt lediglich stichprobenartige Kontrollen durch, wie Claus Croce, Erster Polizeihauptkommissar in der Direktion Verkehr bei der Polizei Lüdenscheid, erklärte. 

Auch wenn besondere Gefahrenmomente auf der Strecke zu erwarten sind, werde die Polizei noch hinzugezogen. Windrad-Produzent Enercon begrüßt, dass nun private Firmen die Transporte begleiten. Die Transporte würden so planbarer. In der Vergangenheit sei man auf die Kapazitäten der Polizei angewiesen gewesen, so Enercon-Sprecher Felix Rehwald.

Durch die Personalmisere bei der Polizei seien aber immer wieder Polizisten von den Transporten für andere Einsätze abgezogen worden, zum Beispiel zu Unfällen. Der Transport musste stoppen, teilweise einen ganzen Tag lang. Da sich auch die Polizei die Begleitung bezahlen ließ, seien die privat unterstützten Transporte nicht teurer. 

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