Lüdenscheider Pneumologie-Klinikdirektor Priv.-Doz. Dr. Karl-Josef Franke im Interview

„Wildes Gemisch aus Ursachen“ für schwere Post-Covid-Verläufe

Karl-Josef Franke Klinikum Lüdenscheid
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Priv.-Doz. Dr. Karl-Josef Franke.

Auch wer Covid überstanden hat, ist - wenn er Pech hat - noch lange nicht wieder gesund. Ein Fachmann erklärt, warum das so ist.

Lüdenscheid - Fast 21 000 Menschen im Märkischen Kreis sind laut Statistik von einer Covid-19-Erkrankung genesen. Doch genesen heißt noch lange nicht gesund. Sehr vage Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 15 Prozent der Patienten noch Wochen und Monate an den Folgen ihrer Erkrankung leiden – mit teils sehr schweren Verläufen. Mit Priv.-Doz. Dr. Karl-Josef Franke, Direktor der Klinik für Pneumologie, Internistische Intensivmedizin, Infektiologie und Schlafmedizin am Klinikum Lüdenscheid, sprach Willy Finke über diese sogenannten Long-Covid-Erkrankten.

Herr Dr. Franke, was genau versteht man unter Long Covid?

Long Covid heißt, dass die Beschwerden und Symptome länger als vier Wochen bestehen bleiben ab dem Beginn der Symptomatik. Dauern sie länger als zwölf Wochen an, sprechen wir von Post Covid – was zwar seltener auftritt, aber in der Regel noch gravierender ist.

Man spricht von mehr als 200 Long- beziehungsweise Post-Covid-Symptomen, die auftreten können. Was sind die wichtigsten?

Es handelt sich hier wirklich um ein Potpourri an ganz unterschiedlichen Beschwerden – sowohl psychosomatischen als auch somatischen. Zwei Beschwerden treten am häufigsten auf. Fatigue und Luftnot.

Was versteht man unter Fatigue?

Fatigue ist eine anhaltende schwere Müdigkeit und Schwäche, auf die häufig eine psychische oder körperliche Leistungseinschränkung folgt. Das kann – zumindest eine Zeitlang – bis zur Berufsunfähigkeit gehen.

Zur Person

Priv.-Doz. Dr. Karl-Josef Franke ist gebürtiger Niederrheiner und seit vier Jahren Klinikdirektor in Lüdenscheid. Er war vorher leitender Oberarzt und Leiter Endoskopie in einer Lungenfachklinik, lebt mit seiner Familie in Lüdenscheid, wobei die beiden ältesten Kinder schon außer Haus sind. Franke ist einfacher Großvater und seit vielen Jahren an der Universität Witten/Herdecke habilitiert. Er hat die Venia Legendi (Berechtigung, an wissenschaftlichen Hochschulen zu lehren) für das Gesamtgebiet der Inneren Medizin und ist gerade in Erwartung, den Titel des außerplanmäßigen Professors verliehen zu bekommen.

Es treten aber noch eine Vielzahl weiterer Symptome auf?

So ist es. Zum Beispiel Beschwerden in der Brust mit unspezifischem Druckgefühl – sehr häufig gepaart mit Luftnot. Andere Patienten leiden längere Zeit unter Geruchs- oder Geschmacksstörungen oder unter Hautveränderungen. Es kann auch zu Veränderungen der Blutgerinnung kommen mit der Gefahr, dass sich Blutgerinnsel bilden. Selten treten auch neurologische Beschwerden bis hin zu Krampfanfällen und Lähmungen auf.

„Wir haben eine sehr schlechte Datenlage“

Lässt sich denn gut unterscheiden, ob und wann tatsächlich eine Covid-Erkrankung die Ursache für spätere Beschwerden ist?

Wir haben eine sehr schlechte Datenlage. Entsprechende Studien erscheinen jetzt erst nach und nach. Grundsätzlich aber sehen wir, dass Menschen, die einem hohen psychosozialen Druck ausgesetzt sind, etwas eher dazu neigen, ein Long- oder Post-Covid-Syndrom zu entwickeln. Davon betroffen sind zudem häufiger Menschen, die akut schwerst erkrankt waren, also auf der Intensivstation lagen.

Ist Covid bei manchen Patienten vielleicht als eine Art Katalysator aufgetreten?

Es gibt in der Tat zurzeit noch sehr vage Hinweise darauf, dass Menschen stärkere Beschwerden entwickeln, die sie vor ihrer Covid-Erkrankung schon in abgeschwächter Form hatten.

Wie gehen Sie vor, wenn die Beschwerden eines Patienten mit der Zeit nicht abnehmen, sondern sich sogar verstärken oder wenn es andere Auffälligkeiten bei der Diagnostik gibt?

Dann müssen wir in eine tiefergehende Diagnostik einsteigen, uns den Patienten also besonders genau anschauen. Spätestens dann, wenn Symptome nach drei Monaten noch anhalten, sollte eine spezialärztliche Diagnostik erfolgen.

„Nur die Spitze des Eisbergs“

Wie viele Long- beziehungsweise Post-Covid-Patienten haben sich bis jetzt bei Ihnen vorgestellt?

Wir haben das nicht statistisch aufgearbeitet. Es dürfte sich bisher um etwa 30 bis 35 Patienten handeln.

Das klingt aber doch nach einer überschaubaren Zahl.

Ja, aber Sie müssen bedenken, dass diese Patienten sozusagen selektiert zu mir kommen und überwiegend von Lungenfachärzten oder Internisten geschickt wurden. Es handelt sich hier in der Regel um besonders schwere Fälle, die Spitze des Eisbergs.

Wann kommen diese Patienten zu Ihnen?

Zum einen, wenn es in der Diagnostik noch Unklarheiten gibt – wenn also zum Beispiel noch nicht abgeklärt werden konnte, woher die Luftnot des Patienten kommt. Zum anderen kommen Menschen zu mir, die im Rahmen ihrer Covid-Erkrankung schwere Lungenentzündungen hatten und die fortbestehend eine schwere Gewebsschädigung der Lunge entwickeln.

Zahlen im Frühjahr deutlich höher

Also sehen Sie längst nicht jeden Long- oder Post-Covid-Patienten?

Richtig. Sehr viele andere Patienten werden von den niedergelassenen Kollegen behandelt und sind dort ambulant bestens aufgehoben. Zurzeit sind es nicht ganz so viele, aber im Frühjahr waren die Zahlen deutlich höher.

Sind denn bei diesen Patienten auch Besserungen festzustellen?

Ja, sehr viele von ihnen verlieren die Symptomatik mit der Zeit.

„Schwerste Veränderungen im Lungengewebe“

Was wissen Sie über die Ursachen dieser Langzeit-Beschwerden?

Es handelt sich hier tatsächlich um ein wildes Gemisch aus Ursachen. Wenn strukturelle Veränderungen, also morphologische Gewebeveränderungen, vorliegen, dann sind die Ursachen deutlicher. In seltenen Fällen sehen wir durch die Entzündung wirklich schwerste Veränderungen im Lungengewebe mit Narbenbildung, bindegewebigem Umbau oder mit dem kompletten Auseinanderreißen und der Zerstörung von Lungen-Arealen. Da liegen die Ursachen für Folgebeschwerden natürlich auf der Hand.

Gibt es noch mehr so eindeutige Ursachen?

Ja, zum Beispiel bei Veränderungen in den Blutgefäßen. Das heißt: Die Innenschicht der Blutgefäße, das sogenannte Endothel, ist gestört. Das kann zu Durchblutungsstörungen und zu einer Störung der Gerinnungsneigung führen. Außerdem finden wir natürlich auch Schädigungen am Herzmuskel. Zum Teil sind diese entzündlich oder es kommt zu einer Narbenbildung. Manchmal kann man tatsächlich aber nichts nachweisen, was die Störung der Herzfunktion erklärt.

Sie sind auch Schlafmediziner. Woher kommen die bisweilen erwähnten Durchschlafstörungen bei den Long-Covid-Patienten?

Es wird gemutmaßt, dass sich – durch das Virus induziert – bestimmte Botenstoffe im Gehirn befinden, die eine Art entzündlicher Reaktion hervorrufen und damit zu Veränderungen im Stoffwechsel führen.

Also haben Sie durchaus viele Erklärungen für das Long- beziehungsweise Post-Covid-Syndrom?

„Viele Ursachen sind tatsächlich nicht fassbar“

Ja, aber viele Ursachen sind tatsächlich nicht fassbar. Wir sehen bei vielen Patienten über eine lange Zeit – das spiegeln mir auch die niedergelassenen Kollegen – Veränderungen in der Blutgerinnung. Diese sind ein Indiz dafür, dass im Körper noch etwas passiert, dessen Ursache wir nicht kennen.

Ist das alles komplettes Neuland für Sie?

Nein, dieses Langzeitproblem – ob Fatigue, Luftnot oder Leistungsminderung – kennen wir schon von anderen infektiösen Erkrankungen wie der Influenza oder dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Gerade bei dieser Erkrankung ist es gar nicht selten, dass Patienten sehr lange unter solchen Beschwerden leiden – manchmal sogar über Jahre. Nur tritt das Pfeiffersche Drüsenfieber nicht pandemisch auf, sodass die absolute Zahl der Betroffenen sehr viel geringer ist.

Wie helfen Sie den Langzeit-Erkrankten?

Es gibt Möglichkeiten, die Symptome zu behandeln. Wenn zum Beispiel psychosomatische Beschwerden da sind, sollte man eine psychosomatische Grundversorgung anstrengen.

Lungentransplantation als letzter Ausweg

Häufig kommt es ja zu Lungenschädigungen. Wie kann der Pneumologe therapieren?

Wenn wir schwere Veränderungen im Lungengewebe sehen, die noch entzündlicher Natur sind, dann besprechen wir das im Multidisziplinären Board und entscheiden dann individuell, zum Beispiel mit Corticosteroiden zu behandeln, die das Immunsystem beeinflussen.

Warum Cortison?

Das Virus verändert das körpereigene Abwehrsystem mit sogenannten Autoimmunphänomenen. Dann richtet sich plötzlich die körpereigene Abwehr gegen den Körper selbst. Das kann man in einigen Fällen mit Cortison behandeln. Bei alldem gibt es aber keinen Standard, keine generelle Empfehlung, keine Leitlinien. Das fußt auf den Erkenntnissen und Daten, die wir mit anderen, ähnlich gelagerten, Erkrankungen gewonnen haben.

Aber Cortison, so ist anzunehmen, hilft auch nicht immer?

Richtig. Es gibt eben auch die Extremfälle. Wir haben auch schon einen jungen Mann zur Lungentransplantation geschickt. Wenn die Lunge komplett zerstört ist, dann ist das die Ultima Ratio.

Wenn Covid 19 gar nicht die Ursache ist...

Kann es denn auch sein, dass ein Patient gar nicht unter Long- oder Post Covid leidet, sondern eine ganz andere Krankheit hat?

Das müssen wir natürlich abklären. Ein Patient kann durchaus schon lange latent eine andere Lungen- oder Herzkrankheit gehabt haben – und die Covid-Infektion war sozusagen nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und die Krankheit zum Ausbruch gebracht hat.

Hat sich Ihr Selbstbild als Arzt während dieser Zeit geändert?

Das glaube ich nicht. Ich bin schon lange Pneumologe, und auch die Intensivstation gehört zu meinem Bereich. In der Pneumologie im Krankenhaus sehen wir immer schon Patienten mit diversen Lungenerkrankungen wie der COPD, Lungenfibrosen oder Lungenkrebs. Diese Erkrankungen sind, wenn die Patienten bei uns ankommen, in der Regel weit fortgeschritten. Ich persönlich habe sehr viele schwerst kranke Menschen gesehen und sehe sie immer noch. Ich sehe auch sehr seltene Erkrankungen, die dann in der Regel auch schwerwiegend sind. In der Pandemie habe ich dazugelernt, aber mein Selbstbild hat sie nicht verändert: letztlich für die Schwerstkranken da zu sein, eine gute Diagnostik und eine möglichst gute Behandlung zu machen.

„Immer mehr Behandlungsmöglichkeiten“

Stichwort Behandlungen: Erleben Sie in Ihrem Fachgebiet große Veränderungen im Laufe der Jahre?

Es gibt immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. Ich sehe für die schwerst kranken Menschen immer mehr therapeutische Ansätze. Vor 30 Jahren hatten wir zum Beispiel eine einzige Form von Lungenkrebs, die wir kannten. Und wir hatten eine einzige Therapie. Heute haben wir zig Therapien und vor allem die Möglichkeit, selbst bei schwerst kranken Menschen die Krankheit in einen chronischen Verlauf zu überführen. Wir können diese Patienten über Jahre mit einer guten Lebensqualität behandeln – nicht alle, aber viel mehr als früher. Früher war das Null.

Werden mit dem zunehmenden Lernen auch bei Long- und Post-Covid die Behandlungserfolge größer werden?

Auf jeden Fall. Das Lernen ist aber alles andere als einfach, weil wir eben dieses unfassbar große Spektrum an Symptomen, Beschwerden und Ursachen haben.

Wie eng arbeiten die Ärzte der verschiedenen Fachrichtungen in Hellersen bei Long Covid zusammen?

Eine enge Zusammenarbeit ist hier ganz besonders wichtig – gerade mit den Kardiologen. Denn Luftnot ist bei diesen Patienten ein häufiges Kardinalsymptom. Und Luftnot kann eben auch mit Herzerkrankungen zusammenhängen.

Der 15-Jährige kommt nicht mehr die Treppe hinauf

Sind Ihnen noch weitere Ursachen für die gefürchtete Luftnot begegnet?

Ja, in einigen Fällen haben wir beispielsweise diagnostiziert, dass die Luftnot auf eine Zwerchfellschwäche zurückzuführen war, die im Rahmen der Viruserkrankung aufgetreten ist. Bei den Patienten, die ich gesehen habe, hat sich dieses Symptom nach vielen Wochen – lange nach der akuten Erkrankung – komplett gegeben. Zum Verständnis: Das Zwerchfell ist unser Haupt-Atemmuskel.

Treffen solche Zwerchfell-Probleme vor allem ältere Menschen?

Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte beispielsweise einen 15-jährigen Patienten, der Leistungssport getrieben hatte. Der Junge kam wegen einer Zwerchfell-Schwäche nach der Akuterkrankung die Treppe nicht mehr hoch. Bei ihm hat sich diese Symptomatik zum Glück komplett gegeben.

„Da mache ich mir auch gern noch ein ‚Ambulanz‘-Schild“

Also treten erhebliche gesundheitliche Probleme auf, auch wenn das Virus schon lange verschwunden ist?

Das ist ja gar nicht in allen Fällen verschwunden. Bei manchen der Long-Covid-Patienten sind über lange Zeit Viruspartikel nachweisbar. Ob bei diesen Patienten vielleicht immer wieder das Immunsystem angegriffen wird, darüber kann man zurzeit nur spekulieren.

Gibt es im Lüdenscheider Klinikum mittlerweile eine Long-Covid-Ambulanz?

Wissen Sie, ich sehe meine Position dort, wo es Unklarheit in der Diagnostik gibt, wo Patienten schwerst krank sind, wo sie zerstörte Lungen haben, wo der Post-Covid-Verlauf sogar fortschreitet. Diese Patienten können von überallher gern zu uns kommen. Da mache ich mir auch gern noch ein Schild, auf das ich „Long-Covid-Ambulanz“ schreibe. Es ist doch – auch bei anderen Krankheitsbildern – per se unsere Aufgabe, in solchen Fällen zur Stelle zu sein.

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