Wiedergutmachung lohnt sich: Berufung erfolgreich

Lüdenscheid - Sie wirken wie beste Freunde. Auf dem Gerichtsflur wird gelacht, es gibt eine kleine Umarmung zwischen Männern, Schulterklopfen. Sie sind Täter und Opfer.

Von Olaf Moos

Der Angeklagte (41), arbeitslos, neun Vorstrafen, hat den 40-jährigen geistig behinderten Mann in der Nacht vom 5. März 2013 in der Nähe des Kluser Platzes bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen und -getreten. Hirnblutung, stumpfes Bauchtrauma, Zähne kaputt. Dafür verurteilte ihn das Schöffengericht im Oktober ‘13 zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis – ohne Bewährung. Nun steht die Berufungsverhandlung an.

Inzwischen ist viel passiert. Das Verbrechen ist fast zwei Jahre her. Strafverteidiger Andreas Trode hat die Berufung auf die Rechtsfolgen beschränkt. Das Geständnis und damit der Tatnachweis bleiben. Aber die Chancen, doch noch eine Strafe herauszuholen, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann, stehen gut. Das Zauberwort heißt „Täter-Opfer-Ausgleich“.

Er bitte sein Opfer bei jedem einzelnen Treffen um Entschuldigung, sagt der Angeklagte ganz leise. Richter Wilhelm Kaiser fragt nach einem Grund für die brutale Attacke. „Stress“, so die kaum hörbare Antwort. Die Beziehung zu seiner Freundin stand vor dem Aus. Der Mann hatte zur Tatzeit 1,7 Promille intus und war „alkoholbedingt enthemmt“, so der Richter. Die Schwäche eines behinderten Menschen ausgenutzt zu haben, urteilte Richter Leichter in erster Instanz, „ist für das Strafmaß von großer Bedeutung“.

Noch schwerer wiegen in zweiter Instanz aber die Bemühungen des Schlägers, seine Tat wiedergutzumachen. Seit mehr als einem Jahr kümmert sich der Täter um sein Opfer. „Wir gehen ins Kino, ins Café oder in die Dönerbude, wir waren auch schon zusammen im Zirkus.“ Er telefoniere auch viel mit dem behinderten Mann, so der Beschuldigte. Und habe freiwillig 2500 Euro Schmerzensgeld an ihn überwiesen.

Der Zeuge – schmal, klein, langhaarig und wieder sehr gesprächig – bestätigt. „Zweieinhalb“ habe er gekriegt. „Und im Zirkus, das war klasse!“ Rechtsanwalt Trode beantragt ein Jahr und zehn Monate mit Bewährung. Der Vertreter der Nebenklage, Dominik Petereit, sieht’s genauso.

Richter Kaiser auch. Er lobt die „vertrauensbildenden Maßnahmen“ zum Täter-Opfer-Ausgleich. „Dieser erhebliche Warnschuss reicht dann wohl auch aus.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare