Begegnung mit einem Prozent

Westfälisches Landestheater zeigt „Tschick“

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Das Westfälische Landestheater zeigte „Tschick“ im Kulturhaus.

Lüdenscheid - Gut gemachtes Jugendtheater ist, wenn über 100 pausenlose Minuten gebannte Stille herrscht, nur an den richtigen Stellen gelacht wird und am Ende der gebührende Beifall aufbrandet. So wie am Donnerstagabend, als Wolfgang Herrndorfs Helden mit ihrem geklauten Lada über die Bühne im Kulturhaus rappelten. Zu Gast war das Westfälische Landestheater mit Maximilian von Ulardt, Philip Butz, Isa Svenja Marija Topler, der Crew und zwei hohen Schrottbergen.

Die Reihen hätten bei der Bühnenadaption des Herrndorf-Romans „Tschick“ durchaus dichter besetzt sein können. Immerhin ist „Tschick“ auf deutschen Bühnen in der Spielzeit 2013/2014 schon 954 Mal aufgeführt und stand bereits im letzten Jahr an der Spitze bei den Aufführungen. Maik, ein Berliner Junge aus verwahrlostem Wohlstand, und Tschick, der so wunderbar den Akzent der Russlanddeutschen drauf hatte, erfüllen sich den Traum aller Teenager – Freiheit und Abenteuer im geklauten und kurz geschlossenen Auto. Zu den zarten Tönen Richard Claydermans „Ballade pur Adeline“ machen sie sich auf in die Walachei, die – rein regional betrachtet – tatsächlich irgendwo im Süden Rumäniens liegt.

Regisseurin Regisseurin Katrin Herchenröther weist die Erzählpassagen nur Maik zu. Und so führt der schüchterne Achtklässler die Zuschauer im Rückblick durch das größte Abenteuer seines Lebens, durch die erste Begegnung mit dem Russlanddeutschen, der asozial und alkohol-umnebelt jedes Klischee erfüllt.

Die Rollen der beiden Teenager nimmt man den Mimen ab, bedienen sie sich doch des Sprachgebrauchs der Romanvorlage. Die Kulisse: Zwei große Hügel voller Schrott, ein Donnerblech, eine aus Blech gebogene Bank, die den Lada symbolisiert. Ein paar Eimer, Kartoffelchips, Getränkedosen, viel Raum für Kopfkino im Publikum und Bedauern für denjenigen, dem am Ende der Vorstellung die Bühne putzen muss. „Mein Vater sagt immer, die Welt ist schlecht, und zu 99 ist das auch so. Aber dann sind wir wohl dem einen Prozent begegnet“, resümiert Maik am Ende der Begegnungen mit schrägen Typen, allesamt schrullig, aber durchweg nett. Isa Svenja Marija Topler komplettiert das kleine Ensemble auf der Kulturhausbühne und verkörpert nicht nur das Mädchen Isa von der Müllkippe, sondern gleich auch sämtliche anderen Frauenrollen.

Das Abenteuer endet auf der Autobahn unter einem Schweinetransporter und später dann mit Sozialstunden für den „Jungen aus gutem Haus“. Tschick bleib, wo er vorher schon war – im Heim. Der Theaterabend hingegen endet großartig – mit der Slow-Motion-Gestik, mit der die beiden Schauspieler ihren Unfall darstellen.

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