Amoklauf auf der Kulturhaus-Bühne

Susanne und Jens nähern sich an, bis das Stück eine dramatische Wendung nimmt.

Lüdenscheid – Sein Zentrum besteht aus einer unglaublichen Wut und dem Ekel vor der Welt: Jens ist eine tickende Zeitbombe, ein 16-Jähriger, dessen Gedankengut darum kreist, mit einem Amoklauf zumindest für eine kurze Zeit zu zweifelhaftem Ruhm zu kommen.

„Mein Kopf ist eine Wunde“, sagt Adrian Kraege, Schauspieler des Westfälischen Landestheaters (WLT) und der Darsteller von Jens. Das WLT zeigte am Dienstagvormittag im Kulturhaus „Good Morning Boys and Girls“ in einer Vorstellung für die neunten Klassen der Humboldtschule Halver, der Realschule Werdohl, der Richard-Schirrmann-Realschule, der Adolf-Reichwein-Gesamtschule und des ZeppelinGymnasiums.

„Ausverkauft“ war im Vorfeld vermeldet worden, Stühle mussten nachgeholt werden, um allen Schülern und Begleitern Platz zu bieten. Auf der Bühne: Jens, der bezeichnenderweise den Nic-Namen „Cold“ (kalt) trägt, sein Vater (Julius Schleheck), die Mutter (Edda Lina Janz), der Lehrer (Felix Zimmermann) und Susanne (Sabrina Sauer), deren Rolle im Laufe der Inszenierung eine dramatische Wende nimmt.

Das fünfköpfige Ensemble zeigt ein vielschichtiges Drama, dessen Bühnenbild aus eine Art Kastensystem, einem Schreibtisch und der allgegenwärtigen Kamera des Fernsehsenders CNN bestand. Im linken Kasten – physisch nah und doch unendlich fern – der Vater, der immer wieder die Amokläufe anderer Jugendlicher monoton auflistet, im rechten Kasten die Mutter, geprägt von Emotionalität, in Selbstmitleid zerfließend – „Er war so ein braves Kind“.

Mittig steht der Lehrer, der nicht wirklich versteht, was im Kopf seines Schülers vorgeht. Im Vordergrund lässt Jens das Publikum teilhaben an seiner Gefühlswelt. In verschiedenen Dialogebenen und im Rückblick wird die eigentliche Geschichte aufgerollt. Eines ist schnell klar: Jens ist tot.

„Das Ergebnis bestimmt, was vorher passiert ist“, kommentiert die Mutter die Verurteilung der Eltern, bei ihrem Sohn versagt zu haben. „Was für ein Monster“, urteilt der Vater über seinen ungeliebten Sohn. Als Susanne den Lebensweg des potenziellen Amokläufers kreuzt, scheint sich das Blatt doch noch zum Guten zu wenden. Doch auch sie erweist sich am Ende als unverstandene, hasserfüllte Jugendliche, übernimmt den Amoklauf in Eigenregie und schießt selbst Jens nieder.

Jede Menge Kino im Kopf ist bei der Inszenierung gefragt, das Hineindenken in die Eltern, den Lehrer und nicht zuletzt in Jens. Die dramaturgische Dichte des 90-minütigen, pausenlosen Stücks ist enorm, das sprachliche Niveau angepasst an das potenzielle Publikum. Ein sehenswertes Stück Jugendtheater, das allerdings einer Menge Vor- und Nachbereitung bedarf.

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