Cipolla und sein perfides Spiel

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Das Ensemble des Westfälischen Landestheaters zeigte „Mario und der Zauberer“.

LÜDENSCHEID -  Eine Rundfunkansprache Thomas Manns bildet den akustischen Prolog und geleitet den Zuschauer hinein in die Inszenierung „Mario und der Zauberer“. Das Ensemble des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel hat sich der Novelle angenommen und zeigte am Donnerstagabend im Kulturhaus jene tragische Geschichte um Macht, Ohnmacht, Verführung, Gehorsam und Massensuggestion.

Von Jutta Rudewig

Ein Theaterstück im herkömmlichen Sinne ist es nicht, was das WLT bietet. Eher eine in ein Schauspiel eingebundene Lesung, halten sich die Darsteller Vesna Buljevic, Bülent Özdil, Sophie Schmidt, Burghard Braun und Thomas Zimmer doch eng an die literarische Vorlage. Bewundernswert im Übrigen, wenn man sich die komplexe Erzählweise Thomas Manns vor Augen führt. Thomas Mann wird gleich zu Beginn im Fünferpack auf die Bühne gebracht. Gleiche sommerlich-legere helle Anzüge, gleiche Hüte, Einstecktücher und die gleiche persönliche Vorstellung: „Ich bin Thomas Mann“. Alle fünf teilen sich fortan die Rolle des Erzählers, schlüpfen bunt gemischt in Nebenrollen. Sie zeigen eine deutsche Familie um 1920 im faschistisch geprägten Italien, in Torre di Venere, einem Küstenort, in dem die Familie mit einer gewissen Arroganz auf Diskriminierung, Prüderie, Hitze, Fülle und die vorhandene Mittelschicht reagiert. Abwechselung verspricht der Auftritt des Zauberers Cavaliere Cipolla, der sich bald als Scharlatan herauskristallisiert und seinem Publikum durch Hypnose den Willen entzieht. Das perfide Spiel treibt er am Ende auch mit dem Kellner Mario, führt ihn vor, macht ihn willenlos, bis Mario in dem Zauberer seine Geliebte zu sehen glaubt.

Die Emotionen, die das WLT-Ensemble auf die Bühne bringt, werden verstärkt durch musikalische Untermalung, zumeist italienische Volksweisen. Die Novelle, an deren Ende der Täter zum Opfer wird, ist durchdacht inszeniert und immer wieder mit komischen und auch magischen Elementen durchbrochen. Ein literarischer Klassiker, innerhalb von 90 Minuten erzählt, ohne dass Wesentliches fehlt. In einer Kulisse, die einem überdimensionalen Silbervorhang ähnelt. Und in einer dichten Art und Weise, die gleichsam fesselt und fasziniert. Vollkommen zu recht gab es am Ende lang anhaltenden Beifall für die fünf Thomas-Mann-Akteure des Westfälischen Landestheaters.

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