Dieter Liebeck: Wenn er guckt, gucken sie weg

Kontaktfreudig, hellwach und ein guter Beobachter: Dieter Liebeck ist Stammkunde im Stern-Center. Tausende haben ihn schon gesehen, kaum jemand kennt ihn wirklich.

Lüdenscheid - Da ist er ja wieder. Dieter Liebeck auf seinem Stammplatz. Gerade zurück aus der Zigarettenpause. Mit der Wange ein Stups vor den linken Hebel, dann schwenkt die Steuerung rechts weg, und er hat wieder den Mund frei. Zum Beispiel zum Sprechen. „Aber die haben ja alle keine Zeit mehr.“

Zeit, davon hat Dieter Liebeck (49) reichlich. Beobachten ist seine liebste Beschäftigung. Und so ziemlich seine einzige. Sein Stammplatz ist hinter den Rolltreppen, an der Rotunde im Stern-Center. Da steht sein Rollstuhl nicht im Weg. Die Menschen machen trotzdem einen Bogen um ihn.

Das war nicht immer so. Es gab mal eine Frau. Und dann später noch eine. Mit beiden hat er Hochzeit gefeiert, von beiden ist er geschieden. „Die haben mich beide betrogen.“ Übrig sind ein Sohn aus der ersten und eine Tochter aus der zweiten Ehe. Wo der Sohn ist, weiß Dieter nicht so genau. Das Mädchen, inzwischen eine junge Dame, kommt immerhin einmal im Monat vorbei.

Das Leben als Familienvater ist also nicht so gut gelaufen für Dieter Liebeck. So wie vorher als Sohn auch schon. Der gebürtige Lüdenscheider erinnert sich kaum an positive Erfahrungen. Die Nackenschläge dagegen bleiben lange im Gedächtnis. Die Hauptschule hat er geschmissen, als er 16 war. „Zu Hause gab es immer Krach, mein Vater war Alkoholiker. Irgendwann hat er mich rausgeschmissen.“ Da war es vorbei mit der sozialen Sicherheit.

Nur noch Stress und Hektik

„Ich habe dann ein paar Wochen hinterm Parkhaus des Globus-Marktes übernachtet. Und dann bin ich bei einem guten Freund und später bei meiner Oma untergekommen.“

Sein stetes Lächeln wirkt wie festgefroren. Die Menschen hetzen mit Tüten in der Hand und Handy am Ohr an ihm vorbei. Wenn er auf das Display seines 16 000-Euro-Rollstuhls guckt, schauen sie ihn an. Wenn er zurückguckt, gucken sie weg. „Ich bin echt kontaktfreudig“, sagt Dieter Liebeck. „Aber die Leute haben ja alle nur noch Stress und Hektik am Hals.“

Vor 15 Jahren diagnostizierten die Ärzte Multiple Sklerose (MS). Es gebe zwei Formen dieser fortschreitenden Lähmung, erklärt der Patient. Eine, die den Körper schubweise schwächt. Eine, die schleichend zu Werke geht. Dieter hat erfahren: „Ich habe beide Formen gleichzeitig.“ Er hatte sich vorher schon immer gewundert. Dass er an der Maschine bei Overhoff & Cie. an der Kampstraße und später als Wachmann öfters mal umknickte. Dass es lange weh tat und das Laufen immer schlechter wurde. „Die haben mich immer auf Rückenschmerzen behandelt.“

Auf die Diagnose folgten fünf Jahre Psychotherapie, „weil ich gar nicht damit klargekommen bin.“ Jetzt, sagt Dieter Liebeck, komme er „ganz gut“ klar. Man müsse halt immer von einem Tag auf den nächsten gucken. „Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, geht’s mir immer gut, sage ich.“ Und was, wenn er ehrlich antworten müsste? Er denkt zwei Sekunden nach, hebt den Kopf, wie zum Trotz, und sagt: „Dann geht’s mir Scheiße.“

Inzwischen funktionieren die Hände schon nicht mehr. Deshalb die Mundsteuerung für den Rollstuhl. Dieter Liebeck ist ständig online, sein Telefon steckt im Ohr.

Er hat eine ebenerdige Wohnung in der Innenstadt, die LaBa (Lüdenscheider Ambulante Betreuungsarbeit) schickt viermal am Tag jemanden vorbei. Seine Blutwerte sind „astrein“, sagt er. „Damit kann man uralt werden.“ Sein Gewicht von 60 Kilo hält er inzwischen konstant, früher waren es 85.

„Ich gehöre hier zum Inventar“

Er kennt fast alle Bediensteten im Stern-Center. „Ich gehöre hier zum Inventar.“ Das klingt doch nicht schlecht. Und sonst?

„Ich möchte gerne wieder eine Freundin. Aber so einen wie mich nimmt ja keine.“ Und weil das nach Leid und Bedauern klingt, fügt er schnell hinzu: „Die Frauen nehmen einen ja sowieso nur aus.“ So wie seine beiden Schwestern, mit denen er als Drillingsbruder zur Welt gekommen ist. „Die sind irgendwo in Herne.“ Würden sich nicht kümmern. Wollten sowieso nur sein Geld. Das bisschen Rente. „Ich bin misstrauisch geworden.“

Manchmal hilft das auch. Zum Beispiel, wenn er durch die Ladenstraßen des Einkaufszentrums kurvt. Center-Manager Kai Ehlers kennt „den Dieter“ und weiß: „Der gibt unseren Sicherheitsleuten schon mal den einen oder anderen Tipp.“

Einmal Wachmann, immer Wachmann

Dieter selbst würde gerne noch mehr tun. „Ich würde gerne mal aufstehen und einem eins vor die Mütze hauen.“ Aber so? So beschränkt er sich aufs Aufpassen. „Ich bin einem Ladendieb auch schon mal vor die Knochen gefahren.“ Einmal Wachmann, immer Wachmann. Gerne würde er arbeiten, sagt Dieter Liebeck. „Aber das darf ich aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht.“ Stattdessen habe ihn ein Ladendieb auch schon mal als Transporter missbraucht. „Da hat mir einer im Saturn was in die Tasche gesteckt, und am Ausgang hat’s gepiept.“

Das macht ihm alles nichts aus. Sagt Dieter. Aber was ihn nervt, sind Berührungsängste. Etwa, wenn er jemanden vergeblich bittet, ihm die Zigarette aus dem Mund zu nehmen und auszutreten. Da sitzt er an seinem Stammplatz, und sein Lächeln friert fest. „Ich bin doch ein vollwertiger Mensch.“

Zeit für eine Zigarette. Dieter rollt vor den Center-Eingang. Eine junge Frau steckt ihm eine Camel zwischen die Lippen und gibt ihm Feuer.

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