120 Maßnahmen gelistet

Weniger Auto, mehr zu Fuß: Stadt im MK äußert klare Ziele für Klimaprojekt bis 2030

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Der Modal Split – also die Aufteilung nach Verkehrsarten – soll sich bis 2030 in Lüdenscheid deutlich verändern. Der Anteil der Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, soll auf weniger als die Hälfte reduziert werden.

„Global Nachhaltige Kommune“ heißt das Handlungsprogramm, in dem die Klimaziele gelistet sind, die bis 2030 erreicht werden sollen. Was in dem Programm steht, erfahren Sie hier:

Lüdenscheid – Mit ihrem Klimapaket hat die Stadt Lüdenscheid im Herbst 2019 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Seitdem gelten strenge Vorgaben zum Beispiel für Bauherren, andere Maßnahmen wie die Prüfung einer „autofreien Innenstadt“ oder ein Steingärten-Verbot kommen weniger verbindlich daher. Jetzt hat die Stadt ihre Klima-Ziele in einem Handlungsprogramm konkretisiert. Um es kurz zu sagen: Sie sind ambitioniert.

120 Maßnahmen listet das Handlungsprogramm auf, das im Rahmen des Projekts „Global Nachhaltige Kommune“ erarbeitet wurde und in die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt münden soll. Gedacht ist es als „Wegweiser und soll als Prozessdokument verstanden werden“, heißt es in einer Beschlussvorlage für den neuen Ausschuss für Klimaschutz und Nachhaltigkeit am 27. Januar, dessen Mitglieder das Handlungsprogramm zur Kenntnis nehmen werden. Mit anderen Worten: Fix ist noch nichts, aber die Richtung gibt das Programm schon einmal vor – ganz im Sinne und im Geiste des Lüdenscheider Klimapakets von 2019.

Neben den strategischen werden ganz konkrete operative Ziele in verschiedenen Lebensbereichen formuliert. Die größten Auswirkungen auf Normalbürger ergeben sich demnach beim Verkehr, bei Ernährung und Gesundheit sowie beim Bauen und Wohnen.

Verkehr

Der motorisierte Individualverkehr soll zurückgedrängt werden – unabhängig von der Antriebstechnologie. Konkretes Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 den Anteil des Fußverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen auf 20 Prozent, den Anteil des Radverkehrs auf über 10 Prozent und den Anteil des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) auf 20 Prozent zu erhöhen. Damit würden mehr als die Hälfte der Wege nicht mehr mit dem Auto oder Motorrad zurückgelegt. Dafür soll auch geprüft werden, wie die Innenstadt autofrei werden kann.

Die jüngste Auswertung für Lüdenscheid zum sogenannten Modal Split – also der Verteilung des Verkehrsaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel – stammt noch aus dem Jahr 2000. Vor 20 Jahren lagen in Lüdenscheid die Anteile des Fußverkehrs bei 13 Prozent, des ÖPNV bei 14 Prozent und des Radverkehrs bei 2 Prozent. Der motorisierte Individualverkehr (inklusive Mitfahrer) lag damals bei 71 Prozent – wohlgemerkt bei den angetretenen Wegen, nicht bei den Kilometern. Eine neue Erhebung zum Lüdenscheider Modal Split ist nach Stadtangaben für das Jahr 2022 geplant.

Die Förderung der alternativen Verkehrsträger bis 2030 soll durch mehrere Maßnahmen erreicht werden, unter anderen die Einrichtung einer innerstädtischen Kleinbuslinie „City-E-Shuttle“ und eines Fahrradverleihsystems, die Bevorrechtigung von Radfahrern gegenüber dem Autoverkehr, Prüfung von Stellplatzgebühren und Verkehrsversuche zu autofreien Straßen. Auch sollen die innerstädtischen Lieferverkehre durch ein neues Konzept besser gelenkt werden.

Bis 2030 soll es zudem zehn „Mobilstationen“ geben, um die Vernetzung zwischen den Verkehrsträgern zu erhöhen. Diese sollen in Kooperation mit Carsharing-Anbietern an wichtigen Knotenpunkten in der Stadt entstehen. Für die „Versorgungsanlagen für postfossile Antriebstechniken“ wie E-Ladesäulen und Wasserstofftankstellen könnten öffentliche Flächen bereitgestellt werden. Busse mit alternativen Antriebstechniken kommen bis dahin vermehrt zum Einsatz. Schon 2025 – so das Ziel – soll ein Lüdenscheider Mobilitätskonzept vorliegen. Zuvor werden die Bürger zu ihren Mobilitätsbedürfnissen aber noch einmal befragt, heißt es in dem Bericht.

Bauen und Wohnen

Das Ziel: Bis zum Jahr 2030 werden in Lüdenscheid zehn Prozent aller Neubauten in nachhaltiger Bauweise, also aus Holz oder aus wiederverwertbaren Baustoffen errichtet. Auch in der Bestandssanierung soll der Anteil nachhaltiger Baustoffe erhöht werden. In zehn Jahren übertreffen dann 50 Prozent der Neubauten die Anforderungen der dann gültigen Fassung des Gebäudeenergiegesetzes – Stand heute wäre das Passivhausstandard. Die lokale Energieproduktion aus regenerativen Quellen soll bis 2025 um 35 Prozent steigen, unter anderem durch eine Solardachpflicht für Neubauten.

Ernährung/ Gesundheit

Die Stadt Lüdenscheid will sich dafür einsetzen, dass bis 2030 alle lokalen Anbauflächen ökologisch bewirtschaftet sind. Dafür soll sie Anreize für Landwirte schaffen. Zudem stellt die Stadt bei Neuverpachtungen städtischer Flächen sicher, dass die Anbauflächen ökologisch bewirtschaftet werden. Kleine Einschränkung: Im Stadtgebiet gibt es kaum landwirtschaftliche Flächen, Waldflächen ausgenommen. 2016 wies das Statistische Landesamt circa 1 000 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche sowie 19 landwirtschaftliche Betriebe aus.

Schon bis 2025 soll es mindestens fünf Kindergärten, Schulen und Pflegeeinrichtungen geben, die „regelmäßig regionales, saisonales, biologisches, vegetarisches und gesundes Essen“ anbieten. An Schulen sollen Trinkwasserspender installiert werden. Zudem will die Stadt einen „Tag der gesunden Ernährung“ feiern. Auch das Thema Gesundheitsstandort ist den Projektbeteiligten ein Anliegen. Ziel ist es, den Versorgungsgrad mit medizinischen und therapeutischen Angeboten „im Mittelbereich Lüdenscheids bei nahezu 100 Prozent zu halten.“ Dafür sollen Anreize für medizinisches Fachpersonal geschaffen werden. Naherholungsgebiete und Naturräume sollen mit einer Kampagne bekannter gemacht werden.

Weitere Ziele

Die Stadt Lüdenscheid will im Jahr 2030 mindestens eine Partnerschaft mit einer Stadt „aus dem Globalen Süden (zum Beispiel Palästina)“ unterhalten. Dazu soll ein Projekt „deutsch-palästinensische Städtepartnerschaften“ ins Leben gerufen werden. Bislang hat Lüdenscheid sechs Partnerstädte – Brighouse/Großbritannien, Den Helder/Niederlande, Leuven/Belgien, Myslenice/Polen, Romilly-sur-Seine/Frankreich und Taganrog/Russland. Eine Partnerschaft mit einer Stadt in Israel besteht nicht.

Alle klimarelevanten Ratsbeschlüsse werden – so das Ziel – ab spätestens 2025 stets auf ihre Klimaauswirkungen geprüft und für die Bevölkerung sichtbar gemacht. Dann soll auch ein Nachhaltigkeitsbeirat aus „Mitgliedern der Zivilgesellschaft“ seine Arbeit aufnehmen. Er fungiert als Beratungsinstanz für politische Gremien.

CO2-Bilanz

Über allem steht das Ziel der Bundesregierung, die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 zu reduzieren – auch in Lüdenscheid. Der Referenzwert für 1990 liegt hier bei 17,9 tCO2eq je Einwohner. Der Wert bezeichnet die Pro-Kopf-CO2-Emissionen in Tonnen im Jahr und kann auch als ökologischer Fußabdruck bezeichnet werden. Die aktuellsten Werte für Lüdenscheid stammen aus dem Jahr 2017. Damals lag der ökologische Fußabdruck pro Kopf bei 10,6 tCO2eq – dies entspricht einer Reduzierung gegenüber 1990 von 41 Prozent.

Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ist nicht unumstritten, da durch die Übertragung des gesamten CO2-Ausstoßes zum Beispiel aus Firmen oder dem Öffentlichen Nahverkehr auf alle Einwohner das Verursacherprinzip nicht mehr gilt. Einige Lebensbereiche werden in der CO2-Bilanz gar nicht erfasst, zum Beispiel Haustiere. Dabei verursacht eine Hauskatze im Jahr fast so viele CO2-Emissionen wie ein VW Golf, wie neuseeländische Wissenschaftler vorrechneten. Ihr Schluss: Wer sich eine Katze zulegt, sollte – im Sinne eines optimalen ökologischen Fußabdrucks – auf den Zweitwagen verzichten oder Vegetarier werden.

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