Hinterbliebene fassungslos

Weitere Gräber auf kommunalem Waldfriedhof im MK schon vor der Frist abgeräumt

Mann vor Kapelle auf Friedhof
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Wolfgang Schiela steht an der Stelle auf dem kommunalen Friedhof Loh, wo sich bis zum April das Grab seiner Schwägerin Brigitte Mielke befand. Er hatte es mehr als 28 Jahre gepflegt, jetzt wurde es vorzeitig abgeräumt. Die Ruhezeit wäre erst im Oktober 2022 abgelaufen.

Das vorzeitig abgeräumte Grab von Else Sleiderink auf dem Waldfriedhof Loh ist kein Einzelfall. Nach unserer Berichterstattung am Mittwoch („Plötzlich ist Mutters Grab weg“) meldete sich ein weiterer Angehöriger in der Redaktion.

Lüdenscheid - Auch Wolfgang Schiela blickte Anfang Mai fassungslos auf das frisch eingesäte Rasenstück: Nur wenige Meter von der ehemaligen Grabstelle von Else Sleiderink entfernt befand sich hier mehr als 28 Jahre lang das Grab seiner Schwägerin Brigitte Mielke. Bis der STL anrückte.

Die Anfrage unserer Redaktion nach dem zweiten Fall löste im Rathaus und beim Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb Lüdenscheid (STL) eine umfassende Prüfung aller im April abgeräumten Gräber aus. Das Ergebnis: Nicht nur die Gräber von Else Sleiderink und Brigitte Mielke wurden vorzeitig abgeräumt, sondern noch zwei weitere Grabstellen. Der STL räumte in einer Stellungnahme „einen sehr schweren und äußerst bedauerlichen Fehler“ ein. Zusammen mit Bürgermeister Sebastian Wagemeyer entschuldigt sich der STL „ausdrücklich und in aller Form bei allen Angehörigen“.

Nach Darstellung der Stadt waren Mitte April auf dem Waldfriedhof, für deren Unterhaltung der STL zuständig ist, die Ruhezeiten von zwölf Gräbern abgelaufen. Wie üblich hatte der Fachbetrieb die Hinterbliebenen rund drei Monate im Voraus darüber informiert, dass die Ruhestätten daher demnächst eingeebnet, also aufgelöst werden würden. „Bei den Arbeiten wurden allerdings auch vier Gräber geräumt, bei denen die jeweilige Ruhezeit noch zwei, fünf und zweimal sogar knapp 18 Monate betrug“, heißt es aus dem Rathaus.

In einem der letzten belegten Reihengräber auf dem Friedhofsfeld wurde Brigitte Mielke beigesetzt. Sie war am 8. Oktober 1992 im Alter von 60 Jahren gestorben und sechs Tage später beigesetzt worden, nachdem sie 1989 aus der DDR zu den Verwandten nach Lüdenscheid übergesiedelt war. Auch wenn das Grab lediglich eine Einfassung aus Grauwacke und keinen Grabstein hatte, pflegten Karin und Wolfgang Schiela die Grabstelle über Jahrzehnte, deckten sie im Winter mit Zweigen ab. Schiela vermutet, dass das Grab beseitigt wurde, damit der STL an der Engstelle besser mit dem Trecker oder einem Radlader vorbeikommt.

Stadt und STL dagegen sprechen von einem Versehen. In zwei Fällen hätten die verantwortlichen Mitarbeiter „vermutlich nur auf die Jahreszahl geachtet, nicht aber auf das Datum“ auf dem Grabstein, wird STL-Chef Heino Lange zitiert. Warum auch zwei Ruhestätten eingeebnet wurden, die noch bis Oktober 2022 hätten belegt sein sollen, kann er sich dagegen nicht erklären. Fest steht für ihn aber: „Das war definitiv keine Absicht, sondern ein Versehen und eine Unachtsamkeit. Wir bedauern sehr, dass sich diese Vorfälle nicht rückgängig machen lassen.“

„Das hätte selbstverständlich nicht passieren dürfen“, stellt der STL-Chef weiterhin klar. „Ein Grab steht für das würdevolle Andenken an einen geliebten Menschen und hat für die Hinterbliebenen eine vor allem emotional unschätzbar wichtige Bedeutung.“ Es ist für Lange „dementsprechend bedauerlich und unangenehm, aber selbstverständlich auch ärgerlich, dass ein solch schwerer Fehler gleich viermal passiert ist.“

Lange und Bürgermeister Sebastian Wagemeyer bitten die Hinterbliebenen um Entschuldigung. „Von einem Verstorbenen Abschied zu nehmen, fällt uns allen schwer. Das gilt ganz besonders für die Beisetzung, aber natürlich auch für den Moment, in dem eine Ruhestätte aufgelöst wird. Wir möchten uns daher ins aller Form für die Unachtsamkeit entschuldigen, die dazu geführt hat, dass diese Gräber früher als vereinbart eingeebnet worden sind“, schreiben Lange und Wagemeyer in ihrer gemeinsamen Stellungnahme.

Der STL und die Stadtverwaltung bieten den Hinterbliebenen nun an, die versehentlich vorzeitig geräumten Gräber durch symbolische Ruhestätten zu ersetzen. „Vielleicht kann das den Schmerz zumindest ein wenig lindern“, hoffen Lange und Wagemeyer. Auf schriftlichem Wege hat sich die STL-Werkleitung in zwei Fällen bereits bei Betroffenen bereits entschuldigt. „Auf Wunsch machen wir das selbstverständlich auch persönlich“, so Lange. In zwei weiteren Fällen versucht der Betrieb noch, Kontakt zu den Angehörigen aufzunehmen.

Beide betonen, dass der STL bei der Unterhaltung der beiden kommunalen Friedhöfe besonderen Wert auf Sorgfalt und Respekt legt. „Seit über zwölf Jahren bin ich für den Geschäftsbereich Friedhof zuständig. In dieser Zeit ist ein solcher Fall meines Wissens noch nie vorgekommen“, sagt Lange – und verweist auf ein „normalerweise reibungslos funktionierendes System“. Die Gräber auf beiden kommunalen Friedhöfen sind in einem Katastersystem erfasst. Dadurch hat der STL die 25 beziehungsweise 30 Jahre währenden Ruhezeiten jeder einzelnen Grabstätte jederzeit genau im Blick. Knapp 4 000 sind es allein auf dem Waldfriedhof Loh.

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