So geht es jetzt weiter

Weitere Asbestfunde: Die ganze Wahrheit über den Rathaustunnel

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Vorhang auf: In der luftdicht verschlossenen östlichen Tunnelröhre soll noch in diesem Jahr die Probesanierung beginnen.

Lüdenscheid – Nach dem Asbestfund im Rathaustunnel liegt Lüdenscheids wichtigste Baustelle seit mittlerweile sechs Monaten brach. Jetzt soll es endlich weitergehen. Zuvor wurden weitere Asbestfunde gemacht. 

Im September haben Straßen.NRW als Bauherr sowie Bezirksregierung Arnsberg und Berufsgenossenschaft die Weichen für eine Asbestsanierung im Tunnel gestellt. Angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in den vergangenen Monaten freut sich Bauleiter Carsten Spreemann über den Durchbruch. Er sagt: „Wir ziehen das Ding jetzt durch.“ 

Weitere Asbestfunde

Der Fund von giftigen Asbestfasernin der Tunneldecke im April, der zum sofortigen Baustopp führte, war nicht der letzte im Tunnel. In den folgenden Wochen wurden in nahezu jeder Ecke der 342 Meter langen Röhre Proben genommen. Nach der Auswertung stand fest: Asbest wurde in drei Materialien nachgewiesen, die alle bereits beim von der Stadt Lüdenscheid beauftragten Tunnelbau Anfang der 1970er-Jahre eingebracht wurden.

- „Verlorene Schalung“: Die größte Menge Asbest befindet sich in asbesthaltigen Platten in der Decke. Sie wurden als sogenannte „verlorene Schalung“ eingesetzt. Nach dem Gießen der Betondecke war die Holzschalung entfernt worden. In die entstandenen Vertiefungen wurden damals die asbesthaltigen Eternitplatten eingefügt.

- „Elefantenhaut“: Diese Form des Dickanstrichs war zur Zeit des Baus verbreitet. Die graue Farbbeschichtung enthält eine Beimischung von Asbestfasern, die die Farbe langlebig und schwer machten. Sie befindet sich im Bereich der Wände im Übergang zur Decke. Allerdings wurde die „Elefantenhaut“ im östlichen Tunnel bereits bei den Bauarbeiten entfernt – ohne dass die Asbesthaltigkeit bemerkt worden war. Im jetzt noch befahrbaren westlichen Tunnel ist sie noch vorhanden und muss fachgerecht entsorgt werden.

- Feinspachtel: Als größte Herausforderung sehen die Experten die Entfernung von asbesthaltigem Feinspachtel in den Tunneldecken der beiden Röhren. Die Spachtelmasse wurde eingesetzt, um Fehler beim Gießen der Betondecke zu kaschieren. Die Mängel wurden bei der aktuellen Begutachtung festgestellt. 

Große Herausforderung: Carsten Spreemann ist Bauleiter bei der Sanierung des Rathaustunnels.

Unklar ist, ob die Stadtverwaltung damals von der mangelhaften Bauausführung Kenntnis hatte. Ordnungsgemäß gegossener Beton bildet nach dem Aushärten eine glatte und feste Fläche ähnlich einer Tischplatte. Im Ratshaustunnel hatte der Beton durch zu wenig Feinmaterial eine schlechte Konsistenz. 

Er verdichtete an mehreren Stellen nicht richtig. In die offenen Poren drückten die Arbeiter den asbesthaltigen Feinspachtel, der nun entfernt werden muss. Das Problem: Straßen.NRW kann nicht abschätzen, wie tief die Asbest-Masse in den Beton vorgedrungen ist. Wird jedoch zu viel von der Betondecke entfernt – es geht dabei um Millimeter – ist die Statik der Tunneldecke gefährdet. 

Statik gefährdet 

Bei der geplanten Asbestsanierung wird daher auch ein Statiker die Arbeiten fortlaufend überwachen, schließlich sind die Grundstücke oberhalb des Tunnels mittlerweile wieder bebaut. Aufgrund der Unwägbarkeiten beim asbesthaltigen Feinspachtel betont Bauleiter Carsten Spreemann schon jetzt: „Das Ziel ist, so viel Asbest wie möglich aus dem Tunnel herauszuholen. Alles rückstandslos zu entfernen, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schaffen.“ 

Pionierarbeit 

Er und sein Team sowie die vier beteiligten Firmen leisten in Lüdenscheid Pionierarbeit. Noch nie ist in Deutschland ein Tunnel auf voller Länge von giftigem Asbest befreit worden. Die Herausforderung: Um ein Entweichen der Mineralfasern in die Luft zu verhindern, wird Asbest in der Regel in luftdicht verschlossenen Kammern bei Unterdruck entfernt. 

Beim 342 Meter langen Rathaustunnel ist das Luftvolumen dafür viel zu groß. „Es gibt je ein Regelwerk für eine Asbest-Innensanierung von Gebäuden und eine Außensanierung von Bauwerken. Aber für einen Tunnel gibt es nichts. Wir haben uns dazu entschieden, den Rathaustunnel so zu behandeln, als wenn wir in einem Gebäude sanieren würden“, erklärt Spreemann. 

Probesanierung 

Vor der eigentlichen Asbestsanierung steht die Probesanierung. Dabei werden verschiedene Methoden der Asbestbeseitigung getestet und bewertet. Bezirksregierung und Berufsgenossenschaft haben Straßen.NRW dafür grünes Licht gegeben. Noch in diesem Jahr – so die Planung – könnte die Probesanierung durch eine Fachfirma durchgeführt werden. 

Blick in den Lüdenscheider Rathaustunnel

Dafür wird ein rund 80 Quadratmeter großer Bereich im Tunnel eingehaust und luftdicht verschlossen. Innen wird künstlich ein Unterdruck erzeugt. Der Zugang ist nur in Schutzausrüstung durch eine Vier-Kammer-Schleuse möglich. 

Maximal zwei Stunden am Stück dürfen sich die Arbeiter im Tunnel aufhalten, dann müssen sie wieder an die frische Luft. Eine Materialschleuse verhindert, dass kontaminiertes Werkzeug nach draußen gelangt. „Wir haben uns für die Probe die schlimmste Ecke im Tunnel ausgesucht, damit es danach nur noch besser werden kann“, sagt Bauleiter Carsten Spreemann. 

Sechs Methoden

Um den Asbest zu entfernen, werden die Experten zunächst sechs Methoden ausprobieren, die sich bei anderen Projekten als geeignet erwiesen hatten: Stemmen, Absaugen, Abstrahlen unter Höchstdruck mit Wasser, Abstrahlen mit Glaspudermehl, Abschleifen mit Absaugvorrichtung und das sogenannte Trockeneisverfahren. Bei diesem im Vergleich sehr teuren Vorgehen wird Kohlendioxid auf minus 80 Grad heruntergekühlt. 

Das Gas wird als Pellets dann mittels einer Matrize mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1000 km/h auf die Oberfläche geschossen. Die Pellets sprengen das Material ab, kehren in den gasförmigen Aggregatzustand zurück und lösen sich wortwörtlich in Luft auf. 

Viel teurer 

Mit den gewonnenen Erkenntnissen aus der Probesanierung werden anschließend eine oder mehrere Methoden für die Asbestsanierung in beiden Tunnelröhren bestimmt. Dabei wird in Sanierungsabschnitten von nur wenigen Metern gearbeitet. Frühestens im dritten Quartal 2020 könnte die Sanierung in der östlichen Röhre abgeschlossen sein. Dann müssten zunächst die unterbrochenen Bauarbeiten fortgesetzt werden. 

Der Tunnel wurde Anfang der 1970er-Jahre gebaut. Damals war Asbest ein häufig verwendeter Baustoff. 

Im Anschluss wiederholt sich das Procedere an der ebenfalls asbestverseuchten westlichen Tunnelröhre. Frühestens 2022 dürften beide Tunnel wieder frei sein. Die Beteiligten selbst nennen keinen Fertigstellungstermin mehr. Schon jetzt steht aber fest, dass die ursprünglich veranschlagten 12,7 Millionen Euro schon allein aufgrund der Bauzeitenverzögerung bei weitem nicht ausreichen werden. 

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Bauleiter Spreemann weiß: Nicht nur Lüdenscheider, sondern Bauexperten aus ganz Deutschland blicken auf die Pionierarbeit am Rathaustunnel. „Mit den Erkenntnissen, die wir in Lüdenscheid gewinnen, bin ich mir sicher, dass auch das deutsche Regelwerk zu Asbestsanierungen angepasst wird.“ Den Autofahrern, die noch länger Umleitungen in Kauf nehmen müssen, ist das nur ein schwacher Trost.

Anfang Dezember begannen aufwendige Bauarbeiten im Rathaustunnel.  Eine Spezialfirma baut jetzt in Lüdenscheid einen neuen Tunnel.

HINTERGRUND: Erhebliche Baumängel

Die Baulast des Tunnels wurde im Jahre 2014 von der Stadt Lüdenscheid an Straßen.NRW übertragen. Das war möglich, da Lüdenscheid die Grenze von 80 000 Einwohner unterschritten hatte. Vor der Übergabe wurde im Zuge einer Bauwerksprüfung ein schlechter Allgemeinzustand festgestellt. 

Der Tunnel wies erhebliche bauliche Mängel auf, außerdem entsprach die Tunnelausstattung nicht mehr dem Stand der Technik. Ein von Straßen.NRW in Auftrag gegebenes Brandschutzgutachten kam zu dem Ergebnis, dass die Standsicherheit des Bauwerkes beeinträchtigt sein kann, wenn im Tunnel ein Lkw brennt. 

Aufgrund der technischen Mängel und der davon ausgehenden Gefahr für den Verkehrsteilnehmer wurden umgehend verkehrseinschränkende Maßnahmen angeordnet, die noch vor der Übergabe von der Stadt Lüdenscheid beauftragt wurden: Das Tempolimit wurde auf 30 km/h beschränkt und der Verkehr nur noch einspurig durch die Tunnelröhren geführt.

Ende 2015 wurde dann die Brandschutzsanierung beauftragt. Die Baumaßnahme wurde Anfang 2018 ausgeschrieben und konnte im Sommer 2018 vergeben werden. Im August wurde der östliche Tunnel für die Bauarbeiten gesperrt. Im April 2019 folgte nach einem Asbestfund der sofortige Baustopp.

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