Aufregung und Unverständnis

Weil Vermieter Frist versäumt: Stadt droht Hochhaus-Mietern mit Rauswurf

+
Mietern von sechs Wohnungen im Hochhaus Handweiserstraße 16 droht die Zwangsräumung.

Lüdenscheid - Die Stadt will durch die Androhung einer Zwangsräumung von Wohnungen im Hochhaus Handweiserstraße 16 erreichen, dass für das Gebäude endlich ein zweiter Rettungsweg geschaffen wird. Doch eine entsprechende Ordnungsverfügung sorgt für Aufregung und Unverständnis.

Es war nur ein kokelnder Stabmixer im Erdgeschoss, die Gefahr schnell gebannt, die Erleichterung auf allen Seiten groß, dass der Ernstfall nicht eingetroffen am Abend des 5. Juli  an der Handweiserstraße 16. Mit einem Großaufgebot war die Feuerwehr ausgerückt – Brandmeldung in einem Hochhaus sorgt für besondere Alarmstimmung.

Vor dem Hintergrund bekommt ein wenige Tage altes Schreiben der Stadtverwaltung an die Mieter von sechs Wohnungen vom 2. bis 7. Obergeschoss an der südöstlichen Hauskante ebendort eine besondere Dringlichkeit. Inhalt: Die Stadt verfügt, dass die Wohnungen bis zum 27. Juli geräumt werden müssen. Erst, wenn die Stadt feststellen könne, dass ein geeigneter zweiter Rettungsweg hergestellt wurde, dürften die Wohnungen wieder bezogen werden, heißt es.

Rauswurf droht: Mieter über Schreiben der Stadt empört

Für neun Seiten Erläuterungen der Vorgeschichte plus Plan stellt die Stadt den betroffenen Mietern der Sozialwohnungen 100 Euro plus 3,50 Euro für Auslagen in Rechnung.

„So geht man mit Menschen nicht um“, empört sich Roland Desens über das Schreiben und vor allem den Ton. Seine Schwiegermutter, Anna Dabrowski, hat sich in ihrer Not an ihn gewandt, weiß nicht, was sie nun tun, wo sie hin soll. Und vor allem weiß sie nicht, woran sie schuld sein soll. Sie wird 86 Jahre alt, wohnt seit der Fertigstellung 1973 in der Handweiserstraße 16. Und nun hat sie es schriftlich, dass sie als Mieterin „Zustandsstörer“ sei und somit „ordnungspflichtig“. Am 28. Juli „gegen 10 Uhr“ werde kontrolliert, „ob die Wohnnutzung aufgegeben wurde“.

Anfang September 2018 hatte die Stadt die Räumung von Wohnungen auch im Nachbarhochhaus, Nr. 14, angeordnet, weil die für die Drehleitern im Brandfall nicht erreichbar waren. Nr. 14 – das sind Eigentumswohnungen, die die Lüdenscheider Immobilien Verwaltungsgesellschaft (Liv) betreut. Damals reichten Bauarbeiten zur Verbreiterung des Feuerwehrzufahrtweges, um die Erreichbarkeit für Nr. 14 zu ermöglichen. Zweieinhalb Tage hat das gedauert, in der Zeit bezahlte die Liv eine Brandwache.

Angelegenheit zieht sich hin

Parallel dazu forderte die Stadt damals auch von der Verwaltung des Hauses Nr. 16, der R&S-Hausverwaltung, die Herstellung des zweiten Rettungsweges. Seitdem zieht sich die Angelegenheit hin. Zwei Hausverwaltungen müssten sich über die privatrechtliche Nutzung eines Weges einigen, der als Feuerwehrzufahrt dient und nach Erkenntnissen der Stadt anteilig den Besitzern beider Häuser im Bereich ihrer Grundstücke gehört. Festgestellt werden müsste nun, wo bauliche Voraussetzungen für eine Feuerwehraufstellfläche im fraglichen Bereich geschaffen werden können, auf die moderne, breite Fahrzeuge passen, und ob dafür ein Grundstückserwerb nötig wird.

Laut Stadt gilt es dreierlei zu klären: 1. Ein Bauantrag für die Festlegung der Feuerwehrflächen der Handweiserstr. 16 müsse eingereicht werden; 2. Die Eigentümergemeinschaft von Nr. 14 müsste über die Eintragung einer Baulast abstimmen; 3. der hinderliche Baumbewuchs müsste beschnitten werden.

"Bemüht, eine Lösung zu finden"

Die Baulast sei gar nicht das Problem, betont Liv-Geschäftsführer Laurent Sager von Nr. 14: „Es ist auf keinen Fall so, dass sich die Wohnungseigentümergemeinschaft sperrt.“ Man sei auf jeden Fall gesprächsbereit, allerdings sei es unter Corona-Bedingungen nicht möglich, zu einer Versammlung einzuladen. Die Gemeinschaft wolle natürlich wissen, betont er, was sich durch die Aufstellfläche baulich verändere – durch Anschüttungen oder Befestigungen. Doch die Verwaltung von Nr. 16 sitze das aus, glaubt er mit Blick aufs Nachbarhaus.

Ein vom Bürgermeister moderiertes Gespräch habe nichts gebracht. „Wir wollen es auf jeden Fall abwenden“, sagt Ioan Rakosi, R&S Hausverwaltung für Nr. 16. Am Freitag habe er gemeinsam mit seiner Architektin einen Termin bei der Stadt: „Wir sind bemüht, eine Lösung zu finden. Wir versuchen, die Kuh vom Eis zu kriegen.“

Stadtverwaltung hofft, Räumung abwenden zu können

Auch er hat ein Schreiben von der Stadt bekommen, eine Duldungsverfügung samt einer um ein Vielfaches höheren Gebührenrechnung, wonach er die Räumung der Wohnungen zu dulden habe, „bis er einen Zustand hergestellt hat, in dem diese genutzt werden dürfen“. Vor dem Haus habe man, sagt Rakosi, alle baulichen Forderungen erfüllt, in Nr. 16 habe man zusätzliche, funkvernetzte Rauchmelder in den Fluren installiert. Die hätten am Sonntag, so der Verwalter, zum Glück alle Hausbewohner alarmiert.

Von der Stadtverwaltung waren auf LN-Nachfrage auch versöhnliche Töne zu hören. „Sollte eine Räumung notwendig sein, dann werden bei der Stadt Vorkehrungen getroffen, um die Mieter, wenn dies notwendig ist, zu unterstützen. Die Stadtverwaltung hofft, dass dies noch abgewendet werden kann. Die Räumung ist das allerletzte Mittel, wenn auf anderen Wegen keine Abhilfe geschaffen werden kann."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare