Walter Welschehold war ein "Moorsoldat"

Wegen Widerstands gegen das Hitler-Regime: Lüdenscheider ins KZ deportiert

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Walter Welschehold nach seiner Entlassung mit Tochter Doris. 

Lüdenscheid - Walter Welschehold war ein „Moorsoldat“. Der Lüdenscheider wurde wegen nazifeindlicher Einstellung verhaftet und landete im Konzentrationslager. Dies ist seine Geschichte.

Der Widerstand gegen das Nazi-Regime in Lüdenscheid liegt noch weitgehend im Dunkeln. Zu diesem Ergebnis kommt Matthias Wagner vom Verein Ge-Denk-Zellen in seiner Analyse anlässlich des 75. Jahrestags des Stauffenberg-Attentats auf Reichskanzler Adolf Hitler am 20. Juli. Die Lüdenscheider Nachrichten berichteten. Als Doris Lahn von den Widerstandskämpfern in ihrer Heimat Lüdenscheid las, fehlte ein Name in der Übersicht – der ihres Vaters. Walter Welschehold. 

Verurteilt zu 42 Monaten Konzentrationslager

Seine Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten, sagte sich die 79-Jährige und legte in der Redaktion Dokumente vor, die nahelegen, dass ihr Vater aktiv im Lüdenscheider Widerstand mitwirkte. Wegen seiner „nazifeindlichen Einstellung“ wurde er zu dreieinhalb Jahren Konzentrationslager verurteilt.

Walter Welschehold wurde am 21. Oktober 1907 in Lüdenscheid geboren. Von 1914 bis 1922 besuchte er die Volksschule in Lüdenscheid. Die Schule beendete er mitten in der Wirtschaftskrise. Seine erste feste Anstellung hatte Walter Welschehold 1927 als Versandarbeiter bei der Firma P.C. Turck. Kurz vor Hitlers Machtübernahme heiratete er am 10. Dezember 1932 die Remscheiderin Helene Schwippert (geboren 15. April 1910). 

Walter Welschehold 1940 mit Tochter Doris. 

Schon früh begann er, sich politisch und gewerkschaftlich zu engagieren. Über seine Motivation und Prägung ist nichts bekannt, wohl aber über sein politisches Engagement. So war Welschehold Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), deren Anhänger nach dem Reichstagsbrand 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt und in den Untergrund gedrängt wurden. 

Mitglied von KPD und "Roter Hilfe"

Zudem hatte Welschehold einen Mitgliedsausweis der Roten Hilfe, einer der KPD nahestehenden Hilfsorganisation für politisch Verfolgte. Der Kirche dagegen kehrte er früh den Rücken – „aus Gründen innerer Überzeugung“, wie er nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Jahr 1946 zu Protokoll gab.

Selbst als die Partei und die Hilfsorganisation nach der Machtübernahme Hitlers verboten wurden, blieb Welschehold bis zu seiner Verhaftung 1935 aktives Parteimitglied. Als Gewerkschafter wurde er 1934 als Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF) geführt, in der auf politischen Druck hin sämtliche Berufsverbände von Arbeitern und Angestellten aufgingen. Nur wenige Monate später wurde die DAF der Nationalsozialisten Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) angeschlossen und gleichgeschaltet. 

Hochzeit eines befreundeten Paares zu Beginn der 1930er-Jahre. 

Seine Tochter Doris Lahn war damals noch nicht auf der Welt. Aus Erzählungen ihres Vaters weiß sie, dass es damals in Lüdenscheid eine Gruppe von jungen Männern gab, die mit der KPD sympathisierten und die Nationalsozialisten teils auch offen ablehnten. 

Wie groß und wie aktiv der Lüdenscheider Widerstand zu diesem Zeitpunkt allerdings war, darüber hat Doris Lahn keine Erkenntnisse. Als gesichert darf aber gelten, dass die Lüdenscheider „Kommunisten“ schon bald nach der Machtübernahme ins Visier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gerieten. 

"Sie haben ihm die Zähne ausgeschlagen"

Am 3. Mai 1935 wurde Walter Welschehold in Lüdenscheid verhaftet – wegen „aktiven Widerstands gegen den nationalsozialistischen Staat“. Am Tag der Verhaftung wurde der 27-Jährige nach Angaben seiner Tochter in aller Öffentlichkeit vor dem Alten Lüdenscheider Rathaus verprügelt und gedemütigt. „Sie haben ihm die Zähne ausgeschlagen, weil er die Namen der anderen nicht verraten wollte“, berichtet Doris Lahn. Ihr Vater habe eisern geschwiegen. 

Häftlingsnummer 200 im KZ Börgermoor

Zehn Monate später wurde Walter Welschehold in einem Werler Gotteshaus zu dreieinhalb Jahren Konzentrationslager verurteilt. Seine Haftzeit begann im Zuchthaus Werl. Im Januar 1937 wurde der politische Strafgefangene ins Konzentrationslager Börgermoor (Lager 1, Baracke 4) deportiert. Er erhielt die Häftlingsnummer 200. 

Dort traf er nach Angaben seiner Tochter auf mindestens einen weiteren Widerstandskämpfer aus Lüdenscheid. Sein Name ist nicht bekannt. In den Briefen ist immer wieder von einem „Ewald“ die Rede, den er aus der Heimat kenne. Sechs Wochen nach seiner Ankunft schrieb Walter Welschehold einen ersten Brief an seine Frau Helene: „Ich trage mein Los tapfer und weiß mich in jede Lage zu finden.“

In Börgermoor entstand das Lied "Moorsoldaten"

Das Konzentrationslager Börgermoor im Emsland war eines der ersten Lager der Nationalsozialisten. Die Häftlinge wurden unter anderem in der Landwirtschaft und in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Im KZ Börgermoor entstand das bekannte Lied „Die Moorsoldaten“ – eine Erkennungs-Melodie internationaler Widerstandsbewegungen. 

Neben Kriminellen saßen in Börgermoor politische Gefangene und Homosexuelle ein. Welschehold wurde am 11. Mai 1938 ins nahegelegene KZ Esterwegen (Lager 7, Häftlingsnummer 395/38) verlegt und vorzeitig – am 4. September 1938 – aus der Haft entlassen. 

Außer Briefen an seine Familie ist aus der Haftzeit im Lager nur wenig bekannt. Die Briefe unterlagen der Zensur durch das Wachpersonal. Mehrfach erhielt er Besuch aus Lüdenscheid. Bei seiner Entlassung wurde Walter Welschehold zum „Schweigegebot“ verpflichtet. 

Das Ehepaar Welschehold mit Tochter Doris. 

Er kehrte nach Lüdenscheid in den Wermeckergrund 21 zu seiner Frau zurück und bekam noch im selben Monat eine Anstellung als Versandarbeiter bei der Firma Hueck & Büren an der Wiesenstraße. Am 11. November 1939 – wenige Wochen nach Kriegsausbruch – erblickte seine Tochter Doris das Licht der Welt. 1945 wurde Tochter Karin geboren.

Walter Welschehold litt nach seiner Haft an heftigem Asthma. Der Grund, warum er nicht zum Wehrdienst herangezogen wurde, war aber ein anderer: Wehrunwürdigkeit. Bis 1945 blieb er bei Hueck & Büren, anschließend wurde er bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse an der Knapper Straße angestellt. Walter Welschehold starb am 17. Juli 1984.

Anerkennung als politisch Verfolgter

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches hatte sich Welschehold erfolgreich darum bemüht, als politisch Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt zu werden. Am 11. Mai 1946 wurde er von der britischen Militärregierung dazu befragt. 

Als Zeuge für die Richtigkeit der gemachten Angaben wurde in dem Fragebogen der Lüdenscheider Verwaltungs-Amtmann August vom Orde genannt. Auch der Lüdenscheider Gewerkschafter war in der Nazi-Zeit inhaftiert worden.

Sonderausweis für politisch, rassisch und religiös Verfolgte von Walter Welschehold. 

13 Monate später erhielt Walter Welschehold den Sonderausweis für politisch, rassisch und religiös Verfolgte, den der Kreissonderhilfeausschuss ausgestellt hatte. Der Ausweis berechtigte ihn und seine Familie dazu, „Sonderhilfen“ in Anspruch zu nehmen, darunter Sonderrationen, das Wohnungsvorrecht für vier Personen und ein Anstellungsvorrecht. 

Die Frage, wie viele Lüdenscheider im Widerstand tatsächlich aktiv waren, kann auch die Geschichte von Walter Welschehold nicht beantworten. Einen Hinweis darauf, wie viele Lüdenscheider aus rassisch, religiösen oder politischen Gründen vom Nazi-Regime verfolgt wurden, gibt der Sonderausweis von Walter Welschehold aber doch. Er wurde am 11. Juni 1947 ausgestellt – und trägt die laufende Nummer 137.

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