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A45-Sperrung und Pandemie: 91-Jährige nach 20 Jahren plötzlich ohne Pflegedienst

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Von: Carolina Ludwig

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Verbraucherschützer fordern kürzere Kündigungszeit
Nach fast 20 Jahren erhielt Gerda Gerrath die Kündigung ihres Pflegedienstes. Ihrem Sohn blieben nicht einmal zwei Wochen, um Ersatz zu finden. © dpa/Patrick Pleul

Das Verhältnis zwischen einem Pflegedienst und einer pflegebedürftigen Person ist ein ganz besonderes. Die Person und ihre Angehörigen lassen anfangs fremde Menschen in die eigene Wohnung und in das Privatleben hinein, nicht selten entwickeln sich freundschaftliche oder gar familiäre Verhältnisse. Umso mehr schmerzt es, wenn dieses Verhältnis kurzfristig und ohne Gespräche gekündigt wird und man plötzlich ohne Pflegedienst da steht.

Lüdenscheid – Seit etwa 20 Jahren vertraute die 91-jährige Gerda Gerrath aus Wettringhof auf die alltägliche Unterstützung durch den Pflegedienst der Johanniter. Einen Großteil dieser Zeit seien sogar die Pfleger dieselben gewesen, einer von ihnen sei wie ein Sohn für Gerrath. „Im August wären es acht Jahre gewesen, die er schon kommt. Das hat er mir noch vorgerechnet“, erzählt sie und ihre Stimme bricht. „Das ist wie eine Familie, die mir jetzt verloren gegangen ist.“

Kurz nach Ostern habe einer der Pfleger bereits die Kündigung erwartet und für Gerrath im Briefkasten nachgeschaut. „Da war aber noch nichts drin, ich wollte das auch gar nicht glauben“, sagt sie. Am 21. April habe das Pflegepersonal dann schließlich selber die Kündigung der Pflegeleistung aus dem Briefkasten geholt und an Gerrath übergeben. „Dann stand es fest“, erzählt Gerrath.

Gerda Gerrath und ihr Sohn Martin Gerrath in Wettringhof. Nach der kurzfristigen Kündigung haben sie mittlerweile einen neuen Pflegedienst gefunden.
Gerda Gerrath und ihr Sohn Martin Gerrath in Wettringhof. Nach der kurzfristigen Kündigung haben sie mittlerweile einen neuen Pflegedienst gefunden. © Carolina Ludwig

Gekündigt wurde zum 30. April, Gerda Gerraths Sohn Martin Gerrath blieben also neun Tage, um einen anderen Pflegedienst zu finden. „Ich habe stundenlang rumtelefoniert“, sagt Martin Gerrath, schließlich habe er einen neuen Pflegedienst gefunden. Nahtlos war der Übergang dennoch nicht möglich, Gerda Gerrath musste zur Überbrückung in der Kurzzeitpflege in Kierspe untergebracht werden.

Als Gründe für die Kündigung nennen die Johanniter die „derzeit extrem angespannte Personalsituation im Pflegeteam unter anderem aufgrund der Corona-Pandemie sowie die aufgrund der Brückensperrung stark verlängerten Anfahrtswege“. Vor der Kündigung seien verschiedene Optionen geprüft worden.

Davon bekamen die Gerraths jedoch nichts mit. Sie hätten sich gewünscht, dass man nach all den Jahren gemeinsam nach einer Lösung sucht. „Wir sind doch alles Menschen und können miteinander reden“, findet Gerda Gerrath. Man sei auch kompromissbereit gewesen, einzelne Leistungen wie die Bestellung von Medikamenten hätte die Familie auch selber übernommen, um die schon so gut bekannten Pflegekräfte halten zu können.

Wir sind doch alles Menschen und können miteinander reden.

Gerda Gerrath

Dass solche individuellen Lösungen schwer umzusetzen sind, wird deutlich, wenn man den Blick etwas erweitert: Laut den Gerraths wurde in Wettringhof eine weitere Person vom Pflegedienst der Johanniter versorgt, auch ihr sei gekündigt worden. Auch vom Grebbecker Weg und aus Augustenthal habe man von Kündigungen gehört.

Der Pflegedienst der Johanniter war auf Anfrage der Redaktion nicht persönlich zu sprechen, äußerte sich jedoch in einer Pressemitteilung zu den Kündigungen: Den Johannitern sei es ein wichtiges Anliegen, dass erkrankte und ältere Menschen in ihrem eigenen Zuhause leben können. Deshalb biete man die ambulante Pflege der Johanniter-Sozialstation in Lüdenscheid an. „Es tut uns daher sehr leid, dass wir im vergangenen Monat diese Dienste aufgrund eines hohen Personalausfalls in einigen wenigen Fällen nicht selbst erbringen konnten“, teile Stefanie Ueßeler, Vorständin des Johanniter-Regionalverbands Südwestfalen, mit. Grund für den Personalausfall seien mehrere Corona-Infektionen und die damit verbundenen Quarantäneverordnungen.

Die Brückensperrung und die damit einhergehenden stark verlängerten Anfahrtswege zu den Kundinnen und Kunden verstärkten diese Ausnahmesituation zusätzlich. Die Pflege der sehr schwer erkrankten Menschen weiterhin zu gewährleisten und selbst durchzuführen, sei das oberste Ziel der Johanniter-Pflege gewesen. Mit der Unterstützung durch die Johanniter-Pflegemitarbeitenden aus Iserlohn und den beiden Johanniter-Tagespflegen sei die Versorgung vorübergehend sichergestellt worden, bis auch dort Quarantäne-Maßnahmen die Dienste beeinträchtigt hätten.

Einige der insgesamt 140 Kundinnen und Kunden mit einem „niedrigerem Versorgungsbedarf“ seien an weitere Träger von Pflegediensten vermittelt worden. „Mit der vorgeschriebenen Frist von zwei Wochen sind die entsprechenden Pflegeverträge bei einigen Kundinnen und Kunden gekündigt worden“, heißt es in der Mitteilung. Die Johanniter hätten sich zuvor an örtliche Mitbewerber gewandt, die eine Übernahme der Kunden zusagten.

In Gerda Gerraths Fall hat das scheinbar nicht reibungslos funktioniert, auch die Kündigung sei aufgrund der Osterfeiertage frühestens 10 Tage zuvor im Briefkasten gewesen. Dass die Leistung scheinbar nicht mehr wie gewohnt erbracht werden kann, haben die Gerraths bereits bemerkt, es seien schon kurzfristige Absagen vorgekommen. Kein Verständnis haben sie allerdings dafür, dass pflegebedürftige Personen von jetzt auf gleich ohne Versorgung da stehen könnten. „Ich finde es unmöglich, dass Menschen, die der Pflege bedürfen, in einem so kurzen Zeitraum gekündigt werden kann“, ärgert sich Martin Gerrath.

Kündigungsfrist bei Pflegeverträgen

Laut der Verbraucherzentrale richtet sich die Kündigungsfrist eines Pflegedienstes immer nach den Vereinbarungen im Pflegevertrag. Üblich sei eine Frist von 14 Tagen, in verbraucherfreundlichen Verträgen auch deutlich längere Fristen. Ist keine Kündigungsfrist festgehalten, darf der Pflegedienst nach gesetzlichen Regelungen grundsätzlich von einem auf den anderen Tag kündigen. Bei Pflegeverträgen bestehe aber ein besonderes Vertrauensverhältnis, weswegen das Kündigungsrecht so eingeschränkt sei, dass dem Pflegebedürftigen im Falle der Kündigung die Möglichkeit bleiben muss, einen neuen Pflegedienst zu beauftragen.

Quelle: Verbraucherzentrale.de

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