Forstwirte berichten

Wege im MK wegen Lebensgefahr gesperrt: Wanderer bedroht Waldarbeiter mit CS-Gas

Forstarbeiter im Wald Banner und Sperrschild
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Forstassessor Jan-Hinrich Brötje prüft, ob das Banner zur Sicherung von Passanten richtig hält. „So ein Ding ist uns tatsächlich kürzlich geklaut worden.“

Der Beruf des Forstwirtes gehört in puncto Unfallhäufigkeit zu den gefährlichsten in Deutschland. Vergleichbar mit Gleisarbeitern oder Straßenwärtern auf der Autobahn. Forstwirte arbeiten körperlich hart und werden dabei „nicht gerade reich“, wie Jan-Hinrich Brötje sagt. Der Forstassessor der Gutsverwaltung Schloss Neuenhof macht sich jedoch aktuell mehr Sorgen um die Sicherheit von Wanderern.

„Unter anderem bei Baumfällarbeiten beobachten wir immer wieder, dass Leute sich ohne Rücksicht auf ihre Sicherheit oder die anderer Menschen in Lebensgefahr begeben, weil sie meinen, ‘ein Recht’ zu haben, da entlang zu gehen, oder weil sie ‘hier immer spazieren gehen’ oder fahren.“ Den vorläufigen Gipfelpunkt setzte laut Brötje in der vergangenen Woche an der Brenscheider Straße ein Passant, der die Forstarbeiter sogar bedrohte.

Strafanzeige in Lüdenscheid „leider gegen Unbekannt“

Die Männer waren in einer sogenannten Fällung mit ihren Kettensägen bei der Arbeit und hatten den Bereich mit Schildern und Flatterband abgesperrt. Jan-Hinrich Brötje erinnert sich: „Auf die Gefahr angesprochen, ging der Mann ohne Reaktion einfach weiter in Richtung Fällung. Als der Forstarbeiter ihm hinterherrief, um zu verhindern, dass er unter einen fallenden Baum gerät, zog der Mann eine Dose CS-Gas aus der Tasche und bedrohte die Forstarbeiter damit.“

Seine „Jungs“ seien nicht zimperlich und einiges gewöhnt, so der Assessor. Aber diesmal war eine Grenze überschritten. Brötje erstattete Strafanzeige – „leider gegen Unbekannt“.

Die Waldarbeiter stehen derzeit unter „gewaltigem Stress“, wie ihr Chef sagt. Zwei Forstwirte und der Azubi Felix Boving, dazu Männer aus fünf Unternehmen mit Harvestern, Rückemaschinen und Kettensägen bewirtschaften rund 2000 Hektar Wald.

Nach drei viel zu trockenen Jahren hat allein die Gutsverwaltung im Elspetal ein Drittel der Fichtenvorräte verloren. Andere Waldarbeitsgemeinschaften, wie etwa in Hagen, haben fast die 100-Prozent-Markte erreicht. Um das Holz einigermaßen gut vermarkten zu können, muss es nach Angaben des Neuenhofer Experten möglichst frisch eingeschlagen und weggebracht werden.

100.000 Festmeter über die Waldwege

Der Abtransport der Stämme mit schweren Maschinen belastet sichtlich die Waldwege. Fahrrinnen, Reifenspuren und Matsch prägen das Bild. Für Jan-Hinrich Brötje ist klar: „Das sind in erster Linie unsere Forstwirtschaftswege, die sind ja auch gar nicht als Wanderwege angelegt.“ 3000 Festmeter pro Jahr wurden über die Waldwege aus dem Forst geschafft, aktuell sind es nach Brötjes Angaben „um die 100 000 Festmeter“. Da muss das Betretungsrecht aus Sicherheitsgründen eingeschränkt werden.

Forstwirt-Azubi Felix Boving und seine Kollegen spannen große Banner zwischen Bäume, bedruckte Lkw-Planen, die mit Stahlseilen befestigt werden und „einfach nicht zu übersehen sind“, wie der Assessor sagt. Und doch werden die plakativen Hinweise auf Lebensgefahr durch Baumfällungen von Passanten zerstört. „Einmal haben sie uns sogar ein komplettes Banner geklaut. Es ist einfach unbegreiflich.“

Neben der Lebensgefahr, die Wanderer bedroht, wenn sie im Wald leichtsinnig in eine Fällung tapern, warnen die Forstwirte vor einem weiteren Risiko: das Klettern auf Holzpolter, also aufgeschichtete Stämme am Wegesrand. Sogenanntes Containerholz etwa, das per Lastwagen zum Hafen gebracht wird, ist auf eine Länge von jeweils 11,50 Meter zugeschnitten. Jan-Hinrich Brötje schätzt das Gewicht eines solchen Stammes auf „rund eine Tonne“ und sagt: „Wenn da was ins Rollen kommt, und man gerät dazwischen – dann war’s das!“

Täglich 300 Hunde rund ums Schloss

Es gibt noch mehr Probleme: zum Beispiel Spaziergänger, die mit ihren Hunden unterwegs sind – „so um die 300 Hunde pro Tag rund ums Schloss“, sagt der Chef der Forstwirte. Und wundert sich nicht nur über Herrchen und Frauchen, die ihre Hunde „auf die Wiesen kacken lassen“, sondern vereinzelt sogar Tütchen dabei haben, den dampfenden Haufen ihres Lieblings vorschriftsmäßig einsacken – „und die gefüllte Plastiktüte dann in den Wald schmeißen“.

Kopfschütteln löst auch die Unart von „Naturfreunden“ aus, auf Zufahrten von Waldwegen zu parken – vermehrt mit Autokennzeichen aus dem Ruhrgebiet. „Die versperren aber nicht nur Wander- und Forstwirtschaftswege, sondern im Zweifel auch Rettungswege, auf denen etwa kollabierte oder verletzte Wanderer erreicht werden müssen.“

Forstwirt-Lehrling Felix Boving ist mit seinen knapp 19 Jahren also bereits Kummer gewohnt. Aber er liebt seinen Beruf trotzdem, sagt er. „Das ist toll, den ganzen Tag an der frischen Luft zu sein.“ Schon als kleiner Junge sei er mit Vater und Opa auf der Jagd im Wald gewesen. „Wir machen hier nur unseren Job, auch für die Sicherheit der Leute – und werden manchmal dafür beschimpft.“

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